Rezensionen 2007

Sepp Mall (Hg.), Über beide Ohren. Jugendliche schreiben Hörspiele.
Innsbruck: Skarabäus 2006

Mit dem Gehör sehen

Höchst löblich war bereits die Initiative der Kulturämter Nord- und Südtirols, einen Hörspielwettbewerb für Jugendliche zu veranstalten. Erfreulich ist nun, dass die besten Texte in einem ansprechenden Buch nachgelesen werden können. So kann man sich ein Bild dessen machen, was die Jugendlichen des Landes derzeit so sehr beschäftigt, dass sie es sogar literarisch verewigen wollen (das Thema konnte frei gewählt werden). Und man kann sicher auch das eine oder andere literarische Talent entdecken. Die Themen der Stücke reichen von Beziehungskonflikt, Scheidung und Schulalltag über Umweltzerstörung und Tourismus bis hin zu Ausländerpolitik und Asylantenproblematik. Die unmittelbare Lebenswelt der Jugendlichen kommt zum Ausdruck, verfließt mit dem Konzept, dem Thema und macht das Unternehmen erst richtig stimmig. Zum Schmunzeln gibt es beim Lesen viel, aber auch zum Fürchten, hat doch der Hörspielkrimi hier wie auch andernorts seine Anhänger gefunden.
     19 Hörspiele, meist in Kleingruppen verfasst von insgesamt 49 Autorinnen und Autoren zwischen 15 und 21 Jahren, sind es, die sich zwischen zwei Buchdeckeln versammeln – ein satter Eindruck. Doch beim Wettbewerb eingesandt wurden weit mehr, nämlich 135 Hörspiele. Es waren also an die 500 Jugendliche, die sich an der Initiative beteiligten! Ein überwältigender Erfolg.
     Das Hörspiel ist eines der interessantesten literarischen Gattungen, bietet es doch viel Möglichkeit für Experiment und Spiel. Der Südtiroler Schriftsteller und Herausgeber Sepp Mall schreibt in seinem Vorwort, es blühe eher im Verborgenen, habe aber seine Strahlkraft nicht verloren. Die besten Jahre des deutschsprachigen Hörspiels waren die 50er und 60er Jahre, nahezu alle arrivierten Schriftsteller beschäftigten sich damals mit dieser Gattung. Das ist heute anders, die Radiokunst ist von den Bild- und Filmmedien zurückgedrängt worden. Doch es gibt immer noch so etwas wie einen Hörspielkult, dem sich manche Autoren und Radioleute hingeben; hat man einmal mit dem Hörspiel zu tun gehabt, wird man es nicht mehr so schnell loslassen. Vielleicht, so hofft man, geht es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an diesem Wettbewerb ja auch so. Soviel ist jetzt schon sicher: Diese 500 jungen Leute in Tirol werden derzeit und in Zukunft immer dann aufmerken, wenn ein Hörspiel im Radio kommt.
     Das schnelle Switchen zwischen ganz verschiedenen Erlebnisräumen ist im Hörspiel nicht nur erlaubt, sondern geradezu erwünscht, und dies war vermutlich für die Schülerinnen und Schüler ein großer Anreiz zum Schreiben, Gestalten, Kreieren. Der Kreativität und Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Allzu strenge literarische Maßstäbe konnten beiseite gelassen werden, wenn die Idee gut und die Ausführung von einer gewissen Kraft und Klarheit geleitet war. Es wurde nicht nur geschrieben, sondern auch gesprochen, vertont und geschnitten, die Ergebnisse wurden von einer sechsköpfigen Expertenjury sortiert und bewertet. Und es gab als zusätzlichen Anreiz ordentliche Geldpreise zu gewinnen!
     Die Siegerhörspiele „Dinkelbrot mit Käse und Gurken“ (Esther Strauß), „Odyssee der Namenlosen“ (Carmen Holzmann, Anna Oberrauch, Katharina Obwexer) und „Ver(w)irrt“ (Lena Bragagna, Giovanna Maria Helmer, Lisa Mayr, Anna Untertrifaller) wurden professionell produziert und in ORF und RAI ausgestrahlt. Dass „die spürbare Sicherheit bei der ästhetischen Umsetzung mancher Stücke die Jury beeindruckt“ hat (siehe Vorwort) mag damit zu tun haben, dass die heutigen Jugendlichen vom Akustischen im Allgemeinen wohl insgesamt stark geprägt sind, auch wenn sie das Hörspiel im engeren Sinn vielleicht noch gar nicht gekannt haben. Die Verbindung von Geräusch-Ton-Musik und dem sprachlich formulierten Gedanken oder Thema hat hier sicher ganz neue Erfahrungen gebracht, die hoffentlich über die eine Arbeit, über diese erste Gelegenheit, mit der eigenen Arbeit so vortrefflich gehört und gelesen zu werden, hinausgehen wird.

Erika Wimmer

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