Rezensionen 2007

Bernhard Kathan, Strick Badeanzug Besamungsset. Nachruf auf die kleinbäuerliche Kultur.
Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag 2006


gebürstet
 

100 Bürstenstriche pro Tag bringen ausgelaugtes Haar wieder zum Glänzen. Dabei empfiehlt es sich, die Arbeit bei herab fallendem Kopf vom Nacken aus zu beginnen, die Bürste in alle möglichen Richtungen zu führen, den dicht an der Haut liegenden Strähnen Luft zuzuführen und das natürliche Fett ordentlich zu verteilen. Schaut man dann in den Spiegel, so hat man den Eindruck, das Haar falle anders, läge neu, gesunde.
     Wie ein Bürstender geht der Kulturhistoriker, Schriftsteller und Künstler Bernhard Kathan vor, wenn er einen Nachruf auf die verschwindende (sich damit der Kenntnis entziehende) kleinbäuerliche Kultur verfasst. Strähne für Strähne wird der bäuerliche Alltag beleuchtet: Ausgehend von 60 Gebrauchsgegenständen (Eisenhaken, Weihwasserkesselchen, Grenzstein, Gussstück…) werden Geschichten rund um das tägliche Leben, die harte Arbeit und die damit zusammen hängenden Mythen erzählt, schrittweise enthüllt sich eine Lebensform, die in ihrer Logik eng mit der Natur und dem Überleben in der Natur verknüpft ist. Kathan ist nicht ausschweifend, konkret und reduziert beschreibt er, wie die Kleinbauern gelebt haben und (in nur mehr seltenen Fällen) heute noch leben. Er zeigt, wie und wozu die Dinge verwendet wurden. Er will keine Romantik erzeugen, keine Reparatur vornehmen und schon gar kein fototaugliches, museales  Bild herstellen. Er giert nicht nach dem Glanz dessen, was er beschreibt. Doch wenn sich dieser von selbst einstellt, hat er nichts dagegen.
     Kathan informiert sorgfältig, aber nicht schwerfällig. Langsam und präzise bringt er die Eigenstrahlung hervor, die die Dinge im logischen Kontext eines Lebenszusammenhanges entfalten. Indem die Gegenstände auf ihre Funktion zurück geführt werden, versteht man sie, indem sie mit anderen Dingen in Beziehung treten, werden sie lebendig. Auf diese Weise erfährt man sehr viel über Leben und Denken der Klein- und Bergbauern, ohne sich belehrt oder überfrachtet zu fühlen. Die Informationen fließen aus den Gegenständen heraus, leicht und meist poetisch.
 
     Es kann einem passieren, dass man plötzlich selbst an der Kreissäge steht oder in der Stube sitzt. Man hört und spürt, wie es dort ist. Als Leserin war ich ein paar Mal in den Händen der Bäuerin, in den Schuhen des Bauern. Ich war das Kind dieser Leute. Ich war für Momente deren Nachbarin, deren Seelsorger. Sogar ein Traktor war ich, spürte die spezielle Vibration des Fahrzeugs. Kathan fängt mitunter das Spektrum der Gerüche und Klänge ein, auch die Beschwerden des Körpers beim Arbeiten, die Kälte, die Hitze. Das Sinnliche spielt eine wichtige Rolle, aber hier wird nicht schwadroniert. Weil der Autor über diese Kultur genau Bescheid weiß, kann er sich Ausflüge in die Imagination leisten. Als Leserin und Leser glaubt man den Klängen, Gerüchen, Sensationen.
      Was in diesem schmalen Buch an sachlicher Information über die kleinbäuerliche Kultur untergebracht wird, ist enorm. Der Text ist eine Fundgrube an Detailwissen. Doch das ist nur eine von mehreren Qualitäten. Da ist etwa noch der poetische Blick, der einnimmt und fesselt. Diese Poesie ist unaufdringlich, sachlich rückgebunden, zugleich subtil schräg. Mit ihren Mitteln wird mehr ausgedrückt als durch reines Nennen und Aufzählen, Vielschichtiges tritt zutage, Atmosphäre verdichtet das Bild. Sie ist gekennzeichnet von harter Armut, vom Überleben und vom Leiden, von der Fraglosigkeit des Daseins und von der mangelnden Zeit für Gefühle. Verklärt wird da nichts.
     Johannes E. Trojer, über dessen Nachlass am Brenner-Archiv derzeit geforscht wird, hätte seine Freude mit diesem Text gehabt! Wie Trojer (Villgrater Autor, Historiker, Dichter, Volkskundler) lebt auch Kathan als Künstler ganz nah an der Alltagskultur, verwebt das Kleine, das Konkrete, die ungeschminkte Wirklichkeit mit dem Hintergründigen und Geheimnisvollen, mit der Poesie. Er reflektiert den Befund kritisch und nimmt ihm doch niemals seine Würde. Wie Trojer schafft es auch Kathan, das Verschwindende verschwinden zu lassen, es nicht aufhalten zu wollen und es doch lebendig zu halten. Im Benennen wird interpretiert, im Verknüpfen der einzelnen Facetten steckt schon die Reflexion. Das Wissen um die Dinge spielt eine Schlüsselrolle, doch dieses Wissen ist nicht nur aufzählend und nie oberflächlich, es dringt zu den Unterschichten vor. 
     Kathans Text weist noch eine weitere Dimension auf. In manchen Passagen reflektiert er die kleinbäuerliche Kultur im Kontrast zur Gegenwart. Wird aus dem Blickwinkel unserer ‚fortschrittlichen’ und hoch spezialisierten Gesellschaft das ‚einfache’ bäuerliche Leben häufig (klischeehaft) als rückständig und konservativ klassifiziert, so entlarvt Kathan umgekehrt unsere heutige hoch entwickelte und spezialisierte Lebensform als vergleichsweise arm und reduziert. Während die Kleinbauern überhaupt nur überleben konnten, wenn sie untereinander und mit der Natur auf Tuchfühlung waren, so leben wir Zeitgenossen abgespalten von einem nachvollziehbaren Sinnzusammenhang. Vielleicht kann man es so sagen: Heute überlebt man im Allgemeinen ohne Mühe, dafür gerät man leicht   in die Gefahr zu vegetieren.
     Dazu ein Zitat: „Die kleinen Bauern bedienten sich vielfältigster Körpergesten. Sie teilten sich aber auch mit den durch Werkzeuge verursachten Geräuschen mit, etwa mit Hilfe eines Dengelhammers. Motorbetriebene Maschinen eröffneten diesbezüglich neue Artikulationsmöglichkeiten. […] Heutigen Dörfern ist die Musikalität früherer Jahrhunderte abhanden gekommen. Heute kennen auch sie den Lärm, den des Straßen- oder Flugverkehrs, den von Traktoren und Rasenmähern. Irrtümlicherweise wird Lärm vor allem mit Lautstärke assoziiert. Tatsächlich werden Geräusche nur dann als Lärm empfunden, hat sich das gemeinsame Sinngefüge aufgelöst.“ (S. 29)
     Bernhard Kathans eigenwillige Dokumentation ist allen zu empfehlen, die sich für den Alpenraum und seine Kulturgeschichte interessieren, sei es von innen betrachtet oder von außen, von einem anderen Landstrich, her blickend. Daneben ist das Buch auch als paradigmatische Reflexion über den Zusammenhang von Lebensbedingung und Lebensform wichtig. Es ist weiters eine Geschichte über die Menschen, eine Sammlung von Begebenheiten und Kuriositäten, die nicht nur schmunzeln lassen, sondern auch die eine oder andere philosophische Betrachtung anzuregen vermögen. Dieses Buch liest man nicht nur einmal, man kann es immer wieder aufschlagen und mittendrin zu schmökern beginnen. Und vielleicht findet man darüber einen Zugang zu anderen Arbeiten Bernhard Kathans, was sehr lohnend wäre. Kathan entwickelt schon seit vielen Jahren Projekte im Schnittfeld zwischen Kulturhistorie, Kunst im öffentlichen Raum, Poesie und Spiritualität, wobei keiner dieser Bereiche im herkömmlichen, sondern im Kathan’schen Sinn zu verstehen ist.
Siehe zum Beispiel: HIDDEN MUSEUM

Erika Wimmer

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