Rezensionen 2007

Christoph W. BauerIm Alphabet der Häuser. Roman einer Stadt
Innsbruck: Haymon Verlag 2007 

Roman einer Stadt oder nicht 

Die Idee des aus Kärnten stammenden, in Innsbruck lebenden Lyrikers C.W. Bauer, die Stadt seiner Wahl durch einen historischen Roman der anderen Art zu „ehren“, wirkt aufs erste faszinierend, eigentlich genial: Ausgehend von den Häusern in der Alt- und Innenstadt Innsbrucks erzählt Bauer, in einem großen zeitlichen Bogen vom Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, Geschichten einzelner Menschen und ganzer Familien, die hier wohnten. Es ist klar, die Menschen sind verschwunden, die Häuser aber existieren noch und speichern die wechselhafte Historie, die, Bauers Konzept gemäß, eine Geschichte „von unten“ ist. Über die in die Historiographie eingegangenen Größen – Kaiser, Aristokraten, Helden – erfährt man in diesem Buch nur wenig, die übliche Rangordnung dreht sich bei Bauer um. So hören wir, um nur ein Beispiel zu nennen, dass Kaiser Maximilian sein Gesinde in jenem Haus dort untergebracht hat, wir hören, dass und wie sich die Leute nach der Arbeit im Tanzsaal amüsiert haben. Der Kaiser aber ist aus der Sicht der Häuser nicht wichtig.
     Auffallend ist das im Titel gegebene Signal Alphabet, das an die Reihe der Buchstaben, vielleicht an Namen denken lässt, man assoziiert damit Vielfalt, die Menge im Gegensatz zur besonderen, im Mittelpunkt stehenden Romanfigur. Doch Alphabet deutet nicht nur ein sozusagen demokratisches Erzählen an. Das Signalwort verweist auf das Zeichensystem Sprache und erinnert daran, dass die Geschichte letztlich nicht zu verdinglichen ist, dass sie im Grunde immer nur in der Erinnerung besteht, in den Erfahrungen und Gedanken der jeweiligen Zeit, in sprachlich Erfasstem und sprachlich Weitergegebenem. Der Prozess des Vermittelns und der Überlieferung wird bei Bauer allerdings nicht betont, vielmehr wird der Leser von einem Kapitel zum anderen wie von einer Gegenwart zur nächsten geführt. Der Roman ist im Präsens geschrieben, er will bei den Lesern Unmittelbarkeit und vermutlich auch Beteiligung erzeugen. Ein historischer Roman, ein Geschichtsbuch der ganz anderen Art also. Oder besser gesagt: C.W. Bauers Buch ist weder das eine noch das andere, und dies wäre ein reizvoller Ansatz, ein spannendes Vorhaben.
     Zeit ist immer nur jetzt, scheint der Autor zum Ausdruck bringen zu wollen, und aus diesem Jetzt heraus skizziert er (über die Jahrhunderte hinweg) das menschliche Treiben – pendelnd zwischen Mühsal und Lust, zwischen gewohntem Trott und außergewöhnlicher Situation, zwischen Gelingen und Zerstörung. Es wird anschaulich und detailreich erzählt, so dass man als Leser da und dort tatsächlich dabei ist, mit-sieht, mit-riecht und mit-schmeckt.  Man blickt zuweilen sogar ins Denken und Fühlen der Leute hinein, ein wenig zumindest. Wie es sich früher in Innsbruck gelebt hat, davon bekommt man tatsächlich einen Geschmack.
     Die Jetzt-Perspektive, dieses Hineingeworfenwerden in Alltagssituationen einer anderen Zeit (aber vielleicht war sie so anders gar nicht?) gibt dem Text – im Prinzip – eine anregende Dynamik. Bedauerlich ist:  Der Autor unterwandert die Dynamik durch die Einführung zweier in einer Bar sich miteinander unterhaltenden Figuren, von denen die Erzählung ausgeht. Diese beiden (Männer?) stehen an der Theke und trinken, sie schauen aus ihrer Gegenwart in die Vergangenheit zurück, der eine ist historisch versiert, er scheint alles zu wissen, der andere fragt nach. Die offensichtlich konstruierte und allzu statische Ausgangssituation wird durchwegs aufrecht erhalten und unterbricht den Erzählfluss auf jeder zweiten oder dritten Seite. Diese Textebene ist störend und absolut verzichtbar. Auch wenn man eine Art inneren Dialog der Erzählperson annimmt, quasi das Ego und Alter Ego des Erzählers an der Theke stehen sieht, wird die Sache dadurch nicht besser.
     „Kannst du mir etwas über diesen Engenlander sagen?“ heißt es zum Beispiel, die Antwort folgt. „Drück dich bitte präziser aus!“ heißt es weiter, die Präzision folgt. „Direkt gegenüber meinem Wohnzimmerfenster!“ ruft der Frager (erfreut, überrascht, erstaunt?) aus, um bald, einige Passagen weiter, kund zu tun: „Unfassbar!“ […] „Wie stand es eigentlich um die Sauberkeit der Menschen? “ – ein neues Kapitel wird eröffnet. (S. 60ff)
     Was C.W. Bauer an alltagsgeschichtlichen Einzelheiten, wohl in monatelanger Archivarbeit und in vielleicht jahrelangem Studium zusammengetragen hat, ist erstaunlich und bewundernswert. Man liest hier Dinge nach und heraus, die man so kaum jemals irgendwo erfahren kann. So gesehen kann man dieses Buch all jenen, die an der Innsbrucker Geschichte in erster Linie interessiert sind, empfehlen, seien sie nun Einheimische oder Durchreisende.
     Der Dichter hat für uns Leser den Weg ins Archiv gemacht und uns eine Menge Zeit erspart. Die Frage ist nur: Hätten wir selbst ins Archiv gehen wollen? Und wodurch ist, abgesehen von der wertvollen Informationssammlung, der Mehrwert dieser miteinander verknüpften Geschichten zu sehen? Wo kommen die Dinge auf den Punkt und worin verdichtet sich die Absicht C.W. Bauers, eine sehr persönlich gefärbte oder gegen den Strich gebürstete Geschichte der Stadt Innsbruck zu erzählen? Sie verdichtet sich nicht im Sprachlichen, nicht in dem Maße jedenfalls, wie man es sonst von einem Bauer-Text gewohnt ist.
     Das Faktische – wer damals was mit wem wie, unter welchen Umständen und in welchem Kontext, getan hat – es ist gewiss interessant, aber auf merkwürdige Weise rührt es einen nicht an. Das mag daran liegen, dass der Erzähler das Faktische zwar durch Stimmungsbilder anreichert, Wetternuancen und Gefühlslagen unserer Vorfahren frei erfunden einbaut, sich aber nie allzu lang bei einer Person, einem Thema und Vorgang, oder einer Familie aufhält. Dies entspricht zwar dem Konzept des Demokratischen,  macht es aber dem Leser schwer, einzelnen Figuren oder Vorgängen näher zu rücken, ihnen gegenüber eine Haltung  einzunehmen oder gar ein Gefühl wie Sympathie oder Antipathie zu empfinden. Man läuft als Leser überall Gefahr, das Interesse zu verlieren und weiter blättern zu wollen, um möglicherweise weiter hinten im Buch auf größere Dichte oder schärfere Charakterprofile zu stoßen. Auf der Suche nach einem Roman fallen einem leider die Geschichten auseinander.
     Begibt man sich hingegen auf die Suche nach einer Stadtgeschichte, so wird man hier fündig. Innerhalb der Textinseln zu einem Haus, einer Wohnung, einem Gewerbe, einer Familie, einem Brand, einer Pestkatastrophe, einem Kirchenbau, einem Verbot, einer Gepflogenheit, einer Ausgrenzung, einem Kaffeehaus, einem Verbrechen usw. erschließt sich der eigentliche Wert dieses Textes, dessen Großzügigkeit darin besteht, viele signifikante historische Details wie nebenbei einzustreuen. Vielleicht hätte C.W. Bauer damit etwas stringenter umgehen sollen, damit seinen Lesern der Wert dessen, was er ausgehoben hat,  bewusst werden kann. Vielleicht hätte er zwischen dem Abschluss der Recherche und dem Beginn des Schreibens eine längere Phase von Nichtstun einlegen sollen, um schließlich der Textproduktion jene Kraft geben zu können, die das Material verdient hätte. 

                                    Erika Wimmer 

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