Rezensionen 2007

Markus Vallazza, Das Radierwerk 1966-1978/ Bd.1
Hrsg. von Renate Maruschko und Alma Vallazza. Mit einem Vorwort von Peter Weiermair
Wien, Bozen: Folio Verlag 2007 


Die Wahlverwandten des Meisters, des Philosophen

Der Folio Verlag hat es sich zur ehrenvollen Aufgabe gemacht, das gesamte Radierwerk von Markus Vallazza - ein Südtiroler Künstler von europäischem Format - herauszugeben. In zwei Bänden werden alle Mappenwerke und die wichtigsten Einzelradierungen prominent abgebildet. Beigegeben sind ein einleitender Text von Peter Weiermair und Texte zu den einzelnen Mappenwerken von Kristian Sotriffer, Fortunato Bellonzi, H. C. Artmann und Markus Vallazza. Ein Verzeichnis je Band katalogisiert in Text und Bild alle den Zeitraum umfassenden Radierungen und ein ausführlicher biobibliografischer Anhang stellt wichtige Bezüge zwischen Leben und Werk her. 

Seit vierzig Jahren steht die Radierung, besonders die Kaltnadeltechnik, im Zentrum von Markus Vallazzas Schaffen: „Er ist ein großer Erzähler in radierten Bildern“, „es sind die Figuren der Weltliteratur, die ihn interessieren, ihre Schöpfer wie deren Figuren selbst sind seine Wahlverwandten“, schreibt Peter Weiermair im Vorwort zum ersten vorliegenden Band. Vallazza gilt gemeinhin als grafischer Kommentator literarischer Werke der Weltliteratur: Von Oswald von Wolkensteins Liedern bis zu Dantes Göttlicher Komödie erzählt er mit kraftvoller, kreativer Geste seine Version der „menschlichen Komödie“, in Bildern von hohem emotionalem und künstlerischem Wert.
     Geboren wurde Markus Vallazza 1936 in St. Ulrich/Gröden. Zunächst in verschiedenen Stilrichtungen ausgebildet bei seinem Onkel Dominikus Moroder, machte er sich bald frei und begann ein gezieltes autodidaktisches Studium. Es folgten Studienaufenthalte in Florenz, längere Aufenthalte in Paris, Salzburg, Wien, Augsburg und Berlin. Von 1962 bis 1972 war er Kunsterzieher an der Kunstschule in St. Ulrich und begann, seine Arbeiten der Öffentlichkeit vorzustellen: Einzelausstellungen u. a. in der Secession, Wien, in der Albertina, Wien, im Museum Ferdinandeum, Innsbruck, und im MART, Rovereto; Gemeinschaftsausstellungen u. a. auf der III. Internationale der Zeichnung in Darmstadt, auf der Quadriennale in Rom, bei Art Tirol in New York, Pittsburgh und Washington.
     Eine Ausstellung von Dürer-Kupferstichen im Gabinetto delle Stampe in der Uffiziengalerie in Florenz gab dem jungen Vallazza den wesentlichen Anstoß. „Diesen geheimnisvollen Blättern konnte ich so viel Hintergründiges, Symbolisches und Rätselhaftes entnehmen, dass ich den Meister aus Nürnberg zum Maßstab für Druckgraphik schlechthin machte. […] Es fiel mir schon damals auf, dass Graphik im allgemeinen, aber insbesondere Radierungen mehr gelesen als angeschaut werden wollen. […] Seit jenem Erlebnis blieb ich der Radierung verhaftet und ausgeliefert.“ (S. 12) Es war also das Literarische, das Narrative im Bildkünstlerischen, das Vallazza zur Radierung hinzog. Er hatte selbst früh zu schreiben begonnen, erkannte aber bald sein größeres Talent im Bildnerischen. Der Literatur ist er dennoch, auf seine Weise, treu geblieben bis heute. Dies ist wohl auch einer der Gründe, weshalb Vallazzas Erzählungen und Berichte zu seiner eigenen künstlerischen Arbeit so spannend, so gewinnbringend zu lesen sind – hier schreibt einer, der es gewohnt ist, aus Texten das Hintergründige herauszudestillieren und den Dingen jenseits ihrer äußeren Erscheinung Bedeutung abzugewinnen. Im Gesamten, so könnte man also sagen, ist der vorliegende Band ein Lesebuch auf hohem, ja höchstem Niveau: In Bild und Text wird aufs Trefflichste erzählt, aber nichts wird ausbuchstabiert. Denn, so Vallazza selbst, beim Vergleich seiner radierten Bildfolgen mit der Dichtung finde man „keinerlei äußeren Zusammenhang mit dem behandelten Sujet, wohl aber eine geheime innere Verwandtschaft“ mit ihrem Sinngehalt (vgl. S. 166).
     Das Buch enthält neben den Einzelgrafiken der Jahre 1966–1978 die Mappenwerke „Oswald von Wolkenstein“ (1973), „Daphne“ (1974), „Le Bateau Ivre“ (1974), „Zu Horaz“ (1976) und „Hop Frog“ (1976). Blättert man sich zunächst einmal ganz unvoreingenommen und ohne allzu viel Vorinformation durch die satten 340 Seiten, so schlägt einem eine Bilderflut menschlicher Körpernaturen, Befindlichkeiten und Beziehungskonstellationen entgegen. Es ist das Lebendige, das prall Lebende, das Ungezügelte und Sinnliche auch, das hier zuallererst anrührt. Das Grundmuster, das den Künstler vornehmlich zu interessieren scheint, ist das spannungsgeladene Verhältnis von Mann und Frau, das Begehren in all seinen wunderlichen bis wunderbaren Schattierungen, aber auch das Leid, das damit unmittelbar zusammenhängt, bis hin zum letzten großen Schmerz, dem Tod und der Auflösung. Das Motiv der sinnlichen und in ihrer Anziehungskraft auch mächtigen Frau kehrt am häufigsten wieder, daneben die leidende Kreatur Mensch, wobei dieses Leiden öfters Männern als Frauen zugeschrieben wird. Auch die menschliche Grausamkeit in ihren unterschiedlichen Spielarten führt uns der Künstler vor.
     Trotz der schwierigen Technik, wie sie die Radierung darstellt, arbeitet Vallazza präzise die Nuancen heraus, er gleitet nicht ins Ungefähre ab und vermag den Betrachter durch feingliedrige Details zu beschäftigen und zu faszinieren. Dekoratives ist in diesen Bildern dennoch nicht zu finden. Die Radierung sei für Vallazza „ein Akt der Alchimie“, schreibt Peter Weiermair. “In der Radierung ist das Thema auf das Wesentliche konzentriert. Es wird, so will es der Künstler, von allem Überflüssigen befreit.“ (S. 8)
     Die beim ersten Blättern noch oberflächlich gesammelten Eindrücke verdichten sich, je intensiver die Bilder betrachtet und auch zu ihren literarischen Vorlagen in Beziehung gesetzt werden. Es ist das narrative Element, welches in die Tiefe führt und die sinnliche Spannung der einzelnen Szenerien differenziert. Im Studieren der Bild-Abfolgen und Bedeutungszusammenhänge sieht man erst, in welch hohem Maße die vordergründige Darstellung geistig, ja intellektuell durchdrungen ist. Dabei ist Vallazzas Herangehen an die Geschichte, welche er „illustriert“, radikal subjektiv - es geht ihm um sein persönliches Verständnis der literarischen Werke, mit denen er sich zeichnend und radierend jeweils jahrelang befasst hat, um einen Zyklus entstehen zu lassen. Er interpretiert, lotet aus und er scheut vor dem Irrationalen und Traumhaften nicht zurück. In das letztlich Unerklärbare, oft Mythologische und Fabelhafte steigt er, wohl selbst traumsicher arbeitend, voll ein, doch dies unterwandert die Intellektualität, die er auf das Blatt bringt, nicht. Es bringt diese Intellektualität vielleicht sogar noch stärker hervor. Das Mythologische wird zum Paradigmatischen und schließt Vallazzas Kritik an unserer Gegenwart mit ein. Es deutet auf eine geistige Dimension, die sich nicht nur auf die Handlungsmotive und auf das Erleben seiner „Wahlverwandten“ beschränkt, sondern die Art und Weise, wie die Welt als Ganzes funktioniert, welche Strukturen ihr innewohnen und welche Triebfedern sie antreiben, beschreibt. So scheint Vallazza, angeregt durch die Literatur, in den Radierzyklen seine ganz eigene Welterklärung zu betreiben. Es ist eine Werkstatt, in der das Exakte genauso gesucht wird wie die Poesie, die den Phänomenen selbst dann, wenn sie in ihrer Verworrenheit, Verworfenheit oder Lächerlichkeit auf dem Pranger stehen, vom Meister zugeschrieben werden.
     Auch Reisen und fremde Orte haben Markus Vallazza als Anregung für die künstlerische Arbeit, vor allem aber auch als Klärung der eigenen gesellschaftspolitischen Position, als Schärfung des Blicks gedient. Er schreibt: „In Manhattan […], im sogenannten ‚Schmelztiegel der Nationen’, erlebte ich auf Schritt und Tritt und konzentriert wie nirgendwo, was mich am Menschen seit eh und je auf eine tragikomische Weise fasziniert und berührt hat: Auf der einen Seite sein unverwüstlicher Fortschrittsglaube, sein Strebertum, seine Ellenbogenpolitik, die ewige Jagd also nach dem verlorenen und verbotenen Paradies. Auf der anderen Seite, den Gestrandeten, den ewig Armen, Gedemütigten, Ausgestoßenen, den sprichwörtlichen ‚Ahasver’, kurzum den Auswurf und Abschaum der Gesellschaft.“ (S. 14) Auch wenn Vallazzas Wunsch, an einem Manhattan-Zyklus zu arbeiten, nie Wirklichkeit geworden ist, so sind doch seine Amerikareise wie auch weitere Reisen in Europa entweder als eigener Blickwinkel, oder als Leinwand bzw. Grundfarbe in seinen Radierungen präsent. Da ist eine Weltläufigkeit, die jedoch niemals als solche daherkommt, zu spüren: ein Wissen, ein Begreifen, ein Gesehen haben. Der Meister ist nicht nur ein Meister seines Handwerks, sondern auch ein Philosoph.
     Und so wird schon in diesem ersten Band zu Vallazzas Radierwerk Licht auf einen Künstlerkosmos geworfen, der sich nicht nur in einer großen Anzahl unbestreitbar hochwertiger Blätter ausdrückt, sondern auch im Reflexionsniveau des Künstlers selbst besteht. Sich mit dem Leben, der Persönlichkeit und Denkweise Markus Vallazzas zu beschäftigen ist mithin, neben dem Kunstgenuss, ein lohnendes Unterfangen. Es ist anzunehmen, dass auch der zweite, für nächstes Jahr geplante Band diesen Erhellungsvorgang fortsetzen wird. 

Erika Wimmer 

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