Rezensionen 2007

Ruth Oberrauch (Hg.), Appetit auf Lesen 
125 Ideen zum Südtiroler Lesefrühling. Spiralbindung mit Umschlag, 58 S., zahlr. Abb.
Wien, Bozen: Folio Verlag 2007


Literatur à la Sudtyrolienne − opulent und frugal


«Lesen!», lispelt Frau Heidenreich seit 2003 im Zweimonatsrhythmus auf ZDF hektisch und bringt damit viele Menschen zum Buch (oder zumindest zum Bücherkauf) und nur wenige Altherren zum Grummeln (zuletzt Martin Walser und Günter Grass). Auf regionaler und weniger ätherischer Ebene funktioniert der Appell anders. Zum Beispiel: kulinarisch. So geschehen bei «Appetit auf Lesen», einem schmackhaft aufgetischten Kompendium aus «Anregungen und Ideen, um die Lust am Lesen zu wecken und zu beflügeln», das in Hinblick auf den Südtiroler Lesefrühling 2007 erschienen ist. Blütenlese war dann vom 1. Februar bis 31. Mai: Mit mehr als 500 Veranstaltungen wurde in Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Museen, in Jugendzentren und Seniorentreffs, auf Dorfplätzen oder auf Lesefesten das Lesen in seinen unterschiedlichsten Facetten zelebriert.

In  «Appetit auf Lesen» findet man Leselustmacher und Appetitanreger in klassischer Menüfolge, denn der metaphorische Auftrag, Lesehunger gleichzeitig zu entfachen und zu stillen, wird hier beim Bild genommen. Appetizer, Amuse-Gueules, Apperitifs bilden einen variantenreichen, leicht umsetzbaren Einstieg, von A wie «Am Anfang» bis Z wie «Zwölfsatz-Geschichte» auf an die 10 Seiten verteilt. Vieles in dieser Abteilung ist erlesen, nicht Weniges Anleitung zum kreativen Schreiben, um gelesen zu werden. Was ein sehr guter Ansatz ist, wo man doch weiß, dass das Lesen vom Schreiben nicht wirklich zu trennen ist. Vorspeisen sodann, wo man lesepädagogisch an die Hand genommen wird; zum Beispiel: «Oft steigen wir beim Lesen von Bildern in fragmentarische Bild- und Text-Kombinationen ein, knüpfen an Leerstellen an, erfinden unendliche Möglichkeiten für Geschichten und für verrückte Zusammenhänge, spüren Symbole und Metaphern unserer Kultur auf. Es ist eine spannende Entdeckungsreise, bei der folgende Fähigkeiten ins Reisegepäck kommen: betrachten, beobachten, experimentieren, kreativ sein, assoziieren und konstruieren.» Na, ganz schön etwas und geht gar nicht so ratzfatz, wie angekündigt. Außerdem gibt’s hier auch noch «Suggestioni poetiche».

Die Hauptspeisen sind dann richtige Projekte. Alte Bücher werden zu Kunstobjekten verwurstet, Texte erwandert, ganze Dörfer lesen, Hauben, sprich: Lesesiegel werden an die «lesefreudliche Schule» vergeben. Bei den Leckerbissen kommen Profis ins Spiel (Jukibuz, PI und andere) und die Desserts haben einen starken didaktischen Drall. Kurz: Es ist dies ein mit Fotos und Illustrationen schön gestalteter Ideenfundus mit vielen, vielen Projektvorschlägen für Leseaktionen und mit handfesten Anleitungen zum Umsetzen. Und wie jedes gute Buch ist es dieses kulinarische nicht saisonal gebunden, es ist ein Buch, dessen Service zu jeder Jahreszeit sehr nützlich ist. 

Bernhard Sandbichler