Rezensionen 2007

Alois Schöpf, Vom Sinn des Mittelmaßes. Essay
Innsbruck: Limbus-Verlag 2006. 186 Seiten


„Wenn i zon o'schoff'n hätt', nocha gangat's glei' andascht!“


„Vielseitig gebildet, war dieser zugleich aufsässig, ein Hitzkopf, ständig in Empörung gegen die Statthalter der Macht begriffen, gegen die Provinzlehrer, den Ortspfarrer, den Rektor. Als Jugendlicher strebt er in die Jesuitenschule, nur um die Lehren der Jesuiten besser kennen und genauer widerlegen zu lernen … Er veröffentlicht wüste Pamphlete … und wird vor der Obrigkeit zum bestgehaßten Publizisten.“

Nein, in diesem Zitat ist nicht vom freien Schriftsteller Alois Schöpf die Rede. Solches liest man vom 1822 geborenen Hermann Jellinek in Karl-Markus Gauss’ Essay „Die Spur der Revolte – Drei Aufklärer und über sie hinaus“. Gauss entdeckt darin (getilgte) Spuren in der österreichischen Literatur vom 19. bis ins 20. Jahrhundert: von Paul Weidmann, Amand Berghofer und Anton Ferdinand Geißau über Cäsar Wenzel Messenhauser und Hermann Jellinek zu Friedrich Heer und Michael Guttenbrunner; und stellt fest, dass „nicht bloß das Mittelmaß etwas Österreichisches ist, sondern auch die Revolte wider die Diktatur der Mediokrität.“

Es gibt also eine veritable Tradition des beißenden literarischen Spotts in der österreichischen Literatur, und nicht zuletzt auch in der Tiroler Literatur, für die man an dieser Stelle Carl Techets Schmähschrift „Fern von Europa. Tirol ohne Maske“ in Anspruch nehmen könnte, die 1909 in München erschien. Und Alois Schöpf? Der kann im Gegensatz zu Techet seinen polemischen Essay „Vom Sinn des Mittelmaßes“ zumindest im Innsbrucker Limbus Verlag und ohne Pseudonym veröffentlichen und wartet mit seiner Publikation auch nicht aufs Jubiläum 2009. Geschweige, dass er für ein wüstes Pamphlet erschossen würde wie der renitente Hermann Jellinek weiland 1848.

„I bi' Gott sei Dankch freiheitlach gesinnt! I scho'! Wenn i zon o'schoff'n hätt', nocha gangat's glei' andascht!“ Was Lienhard Flexel ─ das ist Carl Techets alias Sepp Schluiferers Tiroler Fern-von-Europa-„Aufgeklärter“ ─ da von sich sagt, zeigt schon eher eine Parallele zu Alois Schöpf. Wobei: So spricht Schöpf das nicht aus. Vielmehr: Die andern, die Unaufgeklärten, machen es (= die Kultur) alle falsch. Und zwar ganz bewusst falsch. Präzise: „Wer [in Tirol] aufgeklärt erscheinen will und es nicht ist, forciert vom Budget bis zur Personalpolitik das Mittelmaß.“ Das wär’s kurz, aber es geht auch länger (weshalb dieses Zitat auf Seite 174 zu stehen kommt): eine volle Breitseite gegen Kultur in Tirol im Allgemeinen und namentlich gegen ihre diversen politischen und künstlerischen Proponenten. Ich nenne hier nur das Brenner-Archiv, das bei Schöpf Stichwort für folgende Behauptung ist: „Alles, worauf man hierzulande stolz ist, wird nämlich irgendwann zu einem Archiv, in dem sich brave Beamte tummeln, um aufzupassen, dass die große Vergangenheit nicht verkommt.“

Na, zumindest hier und jetzt findet eine Auseinandersetzung mit einem gegenwärtigen Essay statt, ob er nun groß ist oder klein. Ich würde im Übrigen sagen: Er ist mittel. Vom Inhaltlichen und Satirischen her liegt mir persönlich etwas anderes näher: „Welt statt Innsbruck“, was ein textiler Spruch der Weiberwirtschaft ist, zum Beispiel (weitere T-Shirt-Sprüche unter www.weiberwirtschaft.at). Es muss wirklich nicht immer gleich ein Buch herhalten, um satirisch zu sein, und schon gar nicht der „Essay“ des guten alten Montaigne (oder des guten jüngeren Gauss)! Das Wort leitet sich – um jetzt auch einmal ein bisschen gelehrt zu werden - von der lateinischen Handelssprache her, wo (s)ex(h)agium bedeutet, dass der Kaufmann nicht gleich die gesamte Ware kaufen muss, sondern zuvor einen Teil davon versuchen darf, das (s)ex(h)agium eben, ein Sechzigstel. Alois Schöpf aber gibt uns kein Probier-Sechzigstel seiner Sicht der Dinge, nein, er gibt uns gleich alles ─ und noch mehr.

„Er war ein Mann, der deutlich zeigte, daß es auch in Tarrol Liberale gibt. Aber sie sind eben alle wie er: ihre Ideale gehen allzu hoch, darum erreichen sie wenig.“ Ich will jetzt nicht behaupten, dass, was Techet über seinen „Aufgeklärten“ sagt, auch auf Alois Schöpf zutrifft, schließlich müht er sich redlich und ─ um im Jargon des Buches zu bleiben ─ geradezu „ekstatisch“. Und überhaupt: „Was ist Aufklärung?“ Immerhin, es gibt auf die Frage Kants Beantwortung aus der ostpreußischen Vergangenheit ─ und jetzt, aus der Tiroler Gegenwart, ein wortgewaltiges Echo: „Was ist Aufklärung nicht?“


PS: Das nächste Buch aus einer derartigen Tirol-Perspektive dürfte im Herbst 2007 bei Berenkamp erscheinen, der Journalist und ebenfalls freie Autor Winfried Werner Linde verfasst nämlich gerade „Streiflichter aus Tirol“. Das Unternehmen hat nichts mit jener Kolumne zu tun, die seit Mitte der 50er Jahre täglich auf der ersten Seite oben links der Süddeutschen Zeitung steht. „Das Streiflicht“ ist vom Feinsten, vom Umfang her genau bemessen, vom Inhalt her zugespitzt, und die Kolumne wird auch nicht namentlich gezeichnet. Hinter ihr steht die Redaktion. All das wird bei den Tiroler Streiflichtern anders sein. Aber es steht, selbst in Tirol, jedem frei, zur Süddeutschen zu greifen. 

Bernhard Sandbichler

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