Rezensionen 2007

Gerhard Ruiss/Oswald von Wolkenstein, Und wenn ich nun noch länger schwieg
Lieder, Nachdichtungen
Wien, Bozen: Folio Verlag 2007

Oswald von Wolkenstein, Lieder. Frühnhd./Nhd.
Ausw., Hrsg., Übers. und Komm. von Burghart Wachinger (Texte) und Horst Brunner (Melodien und Tonsätze)
Stuttgart: Philipp Reclam Junior 2007
 
 
Wie uns die Alten sungen − von Vögeln zum Beispiel


Walther von der Vogelweide hielt es mit den Vögeln, bezeichnete er sich doch selbst als «Nachtigall», seinen Wiener Kollegen Neidhart von Reuental dagegen als «quakenden Frosch». Die mittelalterliche Auseinandersetzung um E- und U-Literatur ahnte noch nicht, in welchem Ton in einer Wolkenstein’schen Pastourelle noch Vogeltechnisches abgehandelt werden würde, nämlich so: «Hoch oben überm Lehnbach/stell ich der Amsel nach/und mancher edlen Drossel/mit einem Kloben, der sie packt,/wenn ich am Schnürchen reiße,/versteckt in deiner Hütte, zugedeckt/mit schönen, frischen grünbelaubten Ästen./Vielleicht kommt dann ja sie zu mir,/die mich zu schönsten Freuden munter, mutig macht,/kommt durch das Loch hereingeschlüpft,/geschickt sich duckend.//Ihr roter Mund, uradlig schön,/der ist ganz süß, ganz zuckerig./Hübsche Füßlein, weiß die Beine,/feste Brüstlein, wie sie redet, sich bewegt,/das kommt so prächtig berglerisch daher.//Wenn ich’s zum Vögeln aufgerichtet hab/und alles vorbereitet ist,/dann hört man bald darauf bestimmt/bei großem Schnaufen süßes Locken./Da könnte wohl die Schöne lachen,/dass sie all meine Kunst beschämt,/was ich vom Vögeln je gelernt hab./Von ihrem Kloben krieg ich dann zu viel,/zu oft verlangt er nach dem Gimpel.»

Lustig zu lesen ist das zugegeben heute noch und es verwundert kaum, dass «Ain jetterin, junk, frisch, frei, fruet» in Gerhard Ruiss’ und Burghart Wachingers Textauswahl nicht fehlt. Die Reclam-Ausgabe bietet zur Übersetzung noch den Vorteil, dem Leser in umfänglichem Kommentar über die «Technik der Vogeljagd mit dem Kloben» aufklären zu können. Oder auch über die Schlussverse der 3. Strophe obiger Pastourelle («Da wird die Hütte krachen./Nur munter beim Brötchenbacken!»): «Vermutlich Sexualmetapher, abgeleitet vom Hineinschubsen des Brots in den Backofen oder vom Vögelbraten?» Wie man sieht: Die Sache ist nicht ganz klar und der Tübinger Germanist verweist auf «das ebenfalls nicht ganz geklärte Birnenbraten bei Neidhart.»

Ach diese Männer! Dabei kommt bei Oswald auch die edle Frau dialogisch ins Gerede, etwa in «Fro, fröleich so will ich aber singen». Sie: «Ich bin eine Frau, die noch den Gürtel trägt,/und bin aus adligem Geschlecht.» Er: «Ihr seht grad wie ein Falkenkehlchen aus.» Sie: «Dabei kann ich doch gar nicht fliegen.» Am Schluss klärt die Edle das Ganze kurz, schmerzhaft und standesgerecht: «Geh, schmier den Wagen, drisch den Rössern Futter/wie andre deinesgleichen.» Man bemerkt, dass die Zeit noch nicht reif ist für die soziale Schranken überspringende Liebe; diese war erst D. H. Lawrence’s Lady Chatterley vorbehalten, die sich mit dem Wildhüter einließ. Lawrences zweite Romanfassung erschien dann unter dem Titel «John Thomas and Lady Jane», und der Autor schlug ihn vor, weil er namentlich eine eindeutige sexuelle Anspielung auf Penis und Vagina ist. Womit wir wieder in den Niederungen der Liebe wären; bei der so genannten niederen Minne, um ins Mittelalter zurückzukehren.

Oswald also ein zotenhafter Dichter für Männer? Nein, nein, überhaupt nicht. Wenn Raoul Schrott Guilhem IX d'Aquitaine «ins Deutsche schrieb« und «darauf mit selbiger Feder ein Dutzend Verse machte»; wenn H. C. Artmann den François Villon ins Wienerische übertrug; wenn Thomas Kling sich Oswalds Verse anverwandelte, dann trieb sie nicht nur das Eine um. Und vermutlich ist das bei Gerhard Ruiss und Burghart Wachinger ebenfalls so. Welcher dieser beiden Herausgeber und Übersetzer das bessere Werk abgeliefert hat, lässt sich nicht sagen, dazu sind die Ausgaben zu unterschiedlich adressiert (und außerdem sind wir noch fern der Meistersinger-Zeit, wo die Beckmesserei einsetzt). Je nach Tendenz mag man also zum einen oder anderen greifen, denn lesenswert ist das Oswald’sch Oeuvre jedenfalls, und zwar für Leserinnen und Leser. Burghart Wachinger hat dem Südtiroler im Übrigen höchste literarische Weihen im Deutschen Klassiker Verlag angedeihen lassen. Band 22 der Bibliothek des Mittelalters widmet sich der Deutschen Lyrik des späten Mittelalters und konzentriert sich neben Neidhart von Reuental und Heinrich Frauenlob im Besonderen auf Oswald von Wolkenstein. Die edle Ausgabe beinhaltet kein Notenmaterial, in der Reclam-Ausgabe allerdings wird man auch diesbezüglich fündig. 

Bernhard Sandbichler