Rezensionen 2007

Alois Schöpf, Vom Sinn des Mittelmaßes. Essay
Hohenems: Limbus-Verlag 2006

Jedes Land hat die Kulturszene die es verdient

„Alle Essayisten müssen, um interessant zu scheinen, bis zu gewissen schicklichen Grenzen aufschneiden. Dies gehört zur Berufsausübung, die nicht von jedem Beliebigen verstanden werden kann.“ Robert Walser

Alois Schöpf ist kein Beliebiger. Der seit Jahrzehnten in der Tiroler Kulturszene verhaftete Autor hat im neuen Limbus-Verlag (ins Leben gerufen von Bernd Schuchter, der vor noch nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit Martin Kolosz den Kyrene-Verlag gründete, welcher mittlerweile von Kolosz alleine geführt wird) einen Essay vorgelegt, der allen Regeln dieser Kunst folgt (sofern man gewillt ist, Essayerstellungsregeln anzuerkennen). 
Da jubelt einer über Hochkulturevents in Salzburg und Bregenz und zeigt gleichzeitig auf, dass so etwas in Tirol nicht möglich wäre. Da wird hervorgehoben, dass das Mittelmaß in Tirol das Maß aller kulturellen Dinge ist, dass das nicht an der Infrastruktur oder anderen Faktoren liege, da es ja eigentlich alles gebe, sondern daran, dass es implizit gewünscht werde. Warum das so ist, wird erschöpfend erklärt.
Der Autor legt gleich eingangs klar, dass den Gegenstand seines Essays nicht eine kritische Auseinandersetzung mit der Hochkultur darstelle, sondern dass er Hochkultur für absolut notwendig halte. „Festspiele wie in Salzburg sind die Eucharistiefeiern der Aufklärung […] Dafür bin ich bereit, einen hohen Eintrittspreis zu bezahlen.“ (S. 20) Schöpf formuliert wohlfeil und spitz. Schöpf versteht es zu überzeichnen und weiß, dass dies notwendig ist, um Grundwahrheiten zu vermitteln. Das Land der „Tourismusweltmeister“, das „über alle Maßen von sich selbst berauschte Heimatland“ führt er ebenso vor, wie dessen Bewohner: „Der durchschnittlich gebildete Alpenbewohner ist, auch wenn er sich modern, postmodern oder hedonistisch gibt, in einem bestenfalls basiskatholisch verschlampten, meist jedoch immer noch intakten Christentum befangen.“ (S. 22)
Dies, und dass sich die nach dem Krieg getroffenen politischen Entscheidungen in ihrer Ausrichtung nie abgeändert haben, ist zentral für den Autor. „Der beste Schutz vor der Aufklärung ist die Betriebsamkeit der Scheinaufklärung, sowie der Kritik, es sei unmöglich, mit Vernunft alles zu durchdringen.“ (S. 57f.)
Schöpf prangert den „bravourösen Konservativismus“ an und bringt Beispiele aus seinen Erfahrungen als Kulturbeiratsmitglied ein. Nebenbei rollt er so auch die politische Geschichte des Landes der letzten Jahrzehnte auf. Wieso dem Kulturlandesrat Prior (unter Wallnöfner), Astl (unter Partl) folgte, erklärt Schöpf wie folgt: „Der komplizierten Machtlogik der seit der Völkerwanderung tribalistisch organisierten Volkspartei entsprechend, wonach die Regierung eine kontrapunktisch streng austarierte Harmonie aus Oberland, Unterland und Osttirol, aber auch aus Bauern-, Wirtschafts- und Arbeiter- und Angestelltenbund darzustellen hat, hieß der neue Landesrat für Kultur Fritz Astl, war Schuldirektor an deiner Hauptschule, kam aus dem Unterland und hatte von Kultur gerade soviel Ahnung, wie ein österreichischer Lehrer mit starkem Hang zu Sport davon im Laufe seiner Ausbildung mitbekommt – also sehr wenig.“ (S. 46)
Astl aber blieb trotz Inkompetenz cool und am Ruder (ein Antrag Schöpfs, der Kulturbeirat solle vorschlagen Astl abzuwählen wurde ausgehebelt, worauf der Aufmüpfige freiwillig das Feld räumte). Auf Astl folgte Platter, der das Amt bloß als Karrierezwischenstation betrachtete und dann bekam man es mit Van Staa zu tun, der ahnte, dass ihm wiederum dieses Amt für seine weitere Karriere schaden könnte, und die Kulturbürde deshalb an die potenzielle Konkurrentin Elisabeth Zanon abgab.
Schöpf macht keinen Hehl daraus, dass er von der hiesigen Festival- und Eventszene nichts hält. Er weist vielmehr darauf hin, dass Unsummen öffentliche Mittel in die Werbung aufgeblasener Events gepulvert werden, „um damit über die eigene kulturpolitische Inkompetenz hinwegzutäuschen.“ Je höher der Werbeaufwand, „desto leichter gelingt die Selbstbetörung“ und mehr werde hierzulande nicht gewünscht.

Den allgemeinen Vorausschickungen folgen die Kapitel: Theatergeschichte, Musiktheater, Broken Flowers, Konzertleben, Denkmalpflege, Volkskultur, Festivals, Alternativkultur, Literatur und Medien. All diese Bereiche werden mit mehr oder weniger treffenden Kommentaren versehen. Über die Entwicklung des Theaters hat Schöpf einiges zu sagen (über die Alternativkultur eher wenig). So erteilt er der Langzeitintendanz des gläubigen Christen Helmut Wlasak folgendes Urteil: „[Die Ära Wlasak] die, wie man aus der Distanz der Jahre bitter eingestehen muss, trotz ihrer katholischen Borniertheit oft mehr Weltoffenheit und Toleranz bewies, als sie heutzutage von jenen Egomanen aufgebracht werden, die über mehr Freiheit als damals verfügen, sie aber nicht nutzen, da ihr Spielplan nicht der Neugier, der Erkenntnis oder gar dem Publikum, sondern vor allem der Abrundung und Absicherung ihrer stets gefährdeten Künstlerkarriere zu dienen hat.“ (S. 61) Das Erbe Wlasaks trat der Schweizer Dominique Mentha an. Ihm wird von Schöpf lediglich zu Gute gehalten, dass er die Auseinandersetzung mit dem Publikum zwar nicht scheute, dieses allerdings auch nicht ernst genug nahm. Unter Menthas Landestheaterführung wurde in den Augen Schöpfs „mäßig gebildete Aufklärung“ betrieben. Die dritte und derzeitige Intendantin Brigitte Fassbaender war eine weltberühmte Sängerin, das genügt. Es wird weiterhin brav – oder wieder – „erhaben Gestriges“ inszeniert. „Die Ruhe im Land wird gewahrt bleiben.“ (S. 71) Großes ist freilich nicht zu erwarten.

Auch anhand des Beispiels Volkskultur gelingt es Schöpf seine zentrale These anschaulich zu schildern. „[Auch in der Volkskultur muss] die Kunst in erster Linie zur Herbeiführung eines gedeihlichen Vereinslebens herhalten (muss), was auf ein Mittelmaß verpflichtet, das für die unterschiedlichen Mitglieder der Vereine sozial verträglich zu sein hat.“ (S. 113)
Von Alternativkultur allerdings hat Schöpf keine Ahnung, die bemüht lustige Abhandlung diverser Klischees hätte er sich sparen (oder der Lektor den Lesenden ersparen können), da werden nämlich Zwetschken mit Birnen (respektive Alternativkultur mit Jugendkultur, Jazz mit Undergroundmusik, E mit U uns sonst noch allerhand) verwechselt. Hier schießt der Autor gehörig über die (um zum Eingangszitat zurückzukehren) „schicklichen Grenzen“ hinaus. Das ist kein elegantes „Aufschneiden“, sondern bloße Provokation (und in gewissen Kreisen wahrscheinlich Harakiri).

Zur Einleitung des Schlussabsatzes sei Günter Brus zitiert, der im zweiten Teil seiner Autobiografie mit dem Titel „Das gute alte Wien“ schreibt: „Die, die sich in Wien gegen den Stillstand wehrten, waren zum Aufbruch nicht bereit. So blieb alles in der Mittellage, die still und leise vor dem Eisernen Vorhang dahinrostete, fern von Prag und Budapest, nahe St. Pölten und Wiener Neustadt.“ Wien hatte die Wiener Aktionisten, Tirol hatte „Max Langweiler“ (so Brus).
Dagegen sein ist nicht genug, eh wissen, dass die Uhren im Land Tirol anders aber trotzdem mit dieser Zeit gehen, wenig hilfreich. Diese Zustände gut lesbar darzustellen hingegen sehr. Zwar muss man das alles natürlich nicht so sehen wie Schöpf, dennoch bleibt zu hoffen, dass seine Ausführungen Leserinnen und Leser finden, die sich durch die schöpfschen Positionen  zumindest zu Diskussionen darüber angeregt fühlen.
Mit „Vom Sinn des Mittelmaßes“ geht Alois Schöpf mit dem Kopf durch die Ignoranzwand im schönen Land Tirol.

Markus Köhle

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