Rezensionen 2007

Heinz D. Heisl, Vom Gefühl - Eine Grobheit.
Edition Sprachsalz 2006. 

Ein Autor sieht rot

Er sollte weniger Kaffee trinken, denkt man sich. Dieses sympathische Arschloch sollte wirklich weniger Kaffee trinken, schlägt nämlich auf den Magen, das müsste nicht auch noch sein. Andererseits, was trinkt man in einem Cafe untertags, eben. Und wenn man den ganzen Tag, ja Tag für Tag „auf dem Hocker vor der Scheibe des Cafes in der Gaien Higashi Dori“ sitzt und sinniert, dann müssen es eben viele Kaffees sein, eh klar.
„Du bist grob, Greiner. Ich weiß. Aber da ich die Grobheiten nur denke, sie also nicht aufschreibe und infolge eines Nichtaufschreibens diese keinesfalls nachlesbar mache und sie somit nicht für einen Leser gedacht sind, darf ich so grob sein, wie ich nur grob sein möchte. Und ich dachte mir, scheißgrob, ja, scheißgrob, Greiner. Du darfst scheiß… grob… sein.“ (S. 337)

Du darfst. Er darf. Der Held der Geschichte heißt Konrad Greiner und ist ein „Gummibandinnsbrucker“. Vater Geiger, Mutter Philatelistin. Greiner wechselte von der „Tonfolgenerzeugungsmannschaft“ in die „Sprachniederbringungsgemeinschaft“, wurde zum „Wortzeilenanhäufer“, zu einem, über den das Leben lacht. Greiner ärgert sich über seine „Unsinnigkeiten“ in der Vergangenheit –  „Hätte ich bloß nicht. Wäre ich bloß nie.“ – und er ärgert sich auch über seine gegenwärtige Altersgeilheit. Das alles geht äußerst wortgewaltig und sprachrhythmisch von statten, gnadenlos und selbstkritisch wird über „sprachaufgedunsene Popanze“ be-, ja auch gerichtet. Schriftsteller zu sein, bedeute einen unerträglichen Charakter zu besitzen, ein unerträglicher Mensch, ein „Betriebsspeichelschlürfer“ zu sein, liest man im Gedankenprotokoll des Schriftstellers Greiner, der all das, was einem als Text vorliegt, niemals würde schreiben wollen, ja mehr noch: „Nichts hätte ich schreiben sollen. Niemals auch nur eine Zeile.“ (S. 4) Weit schlimmer noch, als die „Kellner der Literatur“, sind die Verleger, die sind nämlich „Aasgeier“ oder um es blumiger zu formulieren „gewissenlose Ausschlachter“. Die „Verlagshausdünkelvisagen“ riecht der Abrechner meilenweit gegen den Wind. „Eine Minderwertigkeitskomplex-bedienungsmeile, die Gangfluchten und Büroräume der Verlagshäuser“ (S. 160f.)

Apropos Verlage: Der Roman ist das erste Produkt (ja, Produkt, weil nicht nur Buch) der Manuskript Edition Sprachsalz. Dass das jährliche, mehrtägige Literaturfestival Sprachsalz mittlerweile allen Lesefähigen und Lesewilligen ein Begriff ist, davon erlaube ich mir an dieser Stelle auszugehen. Ich erlaube mir außerdem in dieser Besprechung, aufgrund der exklusiven Auflage und des nicht minder exklusiven Preises, der mit der Auflage korreliert, einige längere Textpassagen wieder zu gegeben, um es einer breiteren Schar von Lesepiratinnen und Lesepiraten zu ermöglichen, Teile des Heiselschen Wortschatzes zu lichten.100 Stück des Romanmanuskriptes wurden nummeriert und signiert, versehen mit einer Audio CD (gewohnt gut vom Autor gelesen) sowie einer DVD („die Kobe Haus Sequenz“ aus der filmischen Umsetzung des Romanes von Magdalena Kauz) herausgegeben. Ein Foto des „Zeit“ lesenden und Zigarre rauchenden Autors mit nasefliehender Brille und der hirschdominierte Umschlagfassadenvorschlag für den Roman „Die Alleinunterhalter. Gewissermaßen die Fortsetzung“ komplettieren den beeindruckenden, mehr als fest gebundenen Text-Ton-Bild-Ziegel im A4-Format (ein schweres Buch im einfachsten Wortsinn).

„Vom Gefühl. Eine Grobheit“ ist ein formal äußerst komplexes, sprachscharf geladenes, konsequent rundumkritisches, nichtsdestotrotz vergnüglich zu lesendes Buch. Vor allem, wenn sich leicht zu entschlüsselnde, allseits Bekannte Figuren in den Text tummeln. Von einem Rudolf Saurwein ist da die Rede – „eine durch und durch groteske Erfolgsexistenz dieser Rudolf Saurwein, wie ich eine durch und durch groteske Erfolgsexistenz bin: Erfolgssüchtig, verdorben und verludert, nichtsnutzige, verabscheuungswürdige, erfolgshungrige und also erfolgsverfressene Schriftstellerexistenzen.“ (S. 135) – und zu allem Überfluss auch noch von diesem Nikolaus Gerlacher. Man fixiere die Initialen und abstrahiere. Heuchelwunder Greiner versteht es mit beiden zu reden:

   „[…] an und für sich versteht man alles, sieht sich freilich hin und wieder dazu verpflichtet, ein Missverstehen Verstandes halber zu verstehen zu geben…, Betroffenheitszurschaustellungen, Gleichgültigkeitsgesten, Freundlichkeitswörter-umzingelungen, Liebenswertigkeitsfesselschlingen im Hüfthohen Gras der Betriebswiese, Nettigkeitsstolperdrähte, Glückwunschposttodeskarten, Feindbildwertkarten, Paranoiabriefmarken, Verfolgungswahngrußkarten, Entleibungswunschtelegramme, posttraumatische Rundumwortwurfsendungen, Blickstriche, Sticheleien, Versöhnungen, Mundprotuberanzen.“ (S. 68f.)

Der Selbstankläger Greiner sitzt auf einem Barhocker irgendwo in Japan, nicht in einem Ohrensessel irgendwo in Österreich. „Ich saß auf dem Hocker. Und ich zerrte an mir.“ (S. 98) Er zerrt ordentlich. Ein Autor sieht rot. Greiner, der selbst ein „Erfolgsautorenverlagsgesicht“ hat bzw. gerade dabei ist, dieses zu verlieren, entledigt sich seiner Vergangenheit. Der Besuch des „Scheidungstempels“ erweckt Vergessengeglaubtes in Greiner, lässt es ihn wiederkäuen und endlich verdauen bzw. auszuspucken, der Tempelbesuch festigt Greiner in seinem Entschluss, den österreichischen „Fettwurstwortkessel“ hinter sich zu lassen.
Greiner erinnert sich an seine ritualisierten Kaffeehausgänge (Gritsch), seine Schulzeit „Ein Nazigymnasium, das Akademische Gymnasium in der Angerzellgasse. Ehemalige Nazis, die Professoren, der ganze Lehrkörper, ehemalige Nazis. Ausleselager:“ (S. 149), Greiner analysiert seine Wientage „In Wien, an der Weichheit des Wienerischen, versteinert man. Und in Innsbruck, in der Innsbrucker Härte, bin ich weich geworden.“ (S. 159) und der end-life-crisis-gebeutelte Greiner denkt auch wehmütig an seinerzeitige sexuellen Ausschweifungen mit einer rothaarigen, sekretreichen Kaltenbacherin „Welche Manneszierde nun wohl in dieser Furche zu ackern habe…, dachte ich, […]“ (S. 176) Außerdem kann der Roman aufwarten mit Episoden über beispielsweise Pünktlichkeitsbemühungspeinlichkeiten oder Kennen-Sie-das-Kufsteinlied-Verlegenheiten mit vermutlich hohem Identifikationspotenzial sowie handfester Heimatkritik, sei’s in Form von Architektur- oder „nur“ genereller Gesellschafts- und Mentalitätskritik.

„Heimaterinnerungsbilder alpenrepublikanischer Hauseigentumsumzäunungsgepflogenheiten: Betonieren oder nageln; Pfosten in den Boden rammen, und Bretter und Nägel, und Nägel einschlagen, und Pinsel und Firnis, oder betonierte Sockel und Eisensäulen (Steher) und Draht; zuoberst (einen, zwei, vielleicht drei (Umläufe) mit Stacheldraht. Dahinter die Koniferen, Thuya Occidentalis L. Scheußliche Zypressengewächse in den Innsbrucker- und Stistranser- und Lanser- und Rumer- und Thaurer- und Völser- und Tulferer- und Ampasser- und Aldranser- und Zirler- und Haller- oder Igler- Eigenheimgartenanlagen… Ein, neben der durch die Waldruhe reitenden Töchterschar weiteres Ärgernis stellen die den Erholungssuchenden plötzlich mit unsagbarer Wucht anfallenden Aussichten auf Architektur- und Bausünden dar.“ (S. 130)

Dass dem Tod, gegen Ende des Romans, eine nicht unwesentliche Rolle zugedacht ist, das beschleicht einen schon vorher. „Das Leben ist das Fremdgehen vor dem Tod.“ (S. 213) Greiner, der sich schwört nichts mehr zu schreiben, liest und kommentiert, noch immer auf dem Barhocker im Cafe sitzend, sein letztes, unfertiges Manuskript mit dem Arbeitstitel „Das zweite Leben“. Diese Kommentare geraten erneut zu Verlags- bzw. Literaturbetriebsmodenkritik.

„…Kurze Sätze Modisch kurze Sätze…. Kurze Sätze sind in Mode… Die Verleger und Verlegerinnen lieben kurze Sätze und sie lieben Autoren, welche kurze und also modische und dem Zeitgeist entsprechend knapp gehaltene Sätze schreiben. Es auf den Punkt bringen, sagen die Verleger und Verlegerinnen, dachte ich. Es auf den Punkt bringen….“ (S. 239) Auch in diesem Roman im Roman ist der Held ein Musiker, allerdings nur ein Laie. Greiner verabscheut diesen seinen Text – „Hier blüht die Niedertracht.“ (S. 259) – und entsorgt ihn im Abfalleimer des Cafes auch der Romanentwurf im Moleskin (eine 40 Stunden Lebensbeichte in Natters) kann Greiners in seinem Erregungszustand zwischen Unsinnigkeit und Notwendigkeit nicht überzeugen (wenngleich die Skizzen doch eine gewisse Neugier in ihm   erwecken). „Du bist erfolgreich gewesen Greiner, weil du – silentium est aureum – niemals das geschrieben hast, was du dir jetzt und hier, auf dem Hocker vor der Scheibe sitzend, denkst.“ (S. 184f.)

Greiner registriert, dass ihn Innsbruck auf dem Gewissen hat, dass ihn Innsbruck umgebracht hat „und also“, bleibt dem Helden „naturgemäß“ nur mehr die Flucht, die Flucht nach vorne „gewissermaßen“. Greiner fährt in den Selbstmörderwald. „Deru kui wa utareru, der Nagel der hervorsteht, der wird eingeschlagen, lautet ein Sprichwort in Japan, dachte ich und dachte, dass ich alle hervorstehenden Nägel einschlagen möchte und am Schluß auch mich selbst als einen ebenso hervorstehenden Nagel einzuschlagen hätte.“ (S. 333)

In „Vom Gefühl. Eine Grobheit“ von Heinz D. Heisl läuft eine überreife Wortbirne Amok, wird zur Abrissbirne des Literaturbetriebs- und Heimathauses, um schließlich selbst ins „Weiche“ zu gehen.

Markus Köhle

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