Rezensionen 2007

Helene Flöss, Der Hungermaler 
Erzählung
Innsbruck: Haymon 2007 

Helene Flöss reiht in ihrer knappen Erzählung Der Hungermaler einen Mosaikstein an den anderen. Dabei entsteht das steinbruchartige Bild des Malers Piero, dessen Leben sich zunächst auf die Mutterküche, dann auf deren Schlafzimmer und schließlich, nachdem er seiner Mutter geholfen hat zu sterben, auf eine Gefängniszelle beschränkt („Auch das Erdloch im Friedhof würde ihm also groß genug sein“). Der Strich seiner Zeichnungen ist wie ein endloser Faden, der aus Ariadnes Hand rinnt. Seine Kompositionen hält er, der für klassische Musik schwärmt, nicht für ausgereift, seine Bilder halten die Versprechen, die in sie gesteckt werden, nicht ein. Nichtsdestotrotz lobt der Wärter seine Seiltänzerin ohne Netz in Punkto Perspektive, Berechnung der Schatten, Lichteinfall und Spiegelung als vollkommen, doch der zum Übersetzer gewordene Dichter und Hungermaler, der früher bis zur Sperrstunde im Kunsthistorischen Museum von Tizian, Caravaggio und Cranach Kopien angefertigt hat, glaubt längst auch ohne Perspektiven auszukommen: denn nichts sei peinlicher als ein misslungener Selbstmord. Ob sein Glück, wie er es verspricht, auf seine Penelope, die Weberin Magdalena zurückfallen würde, bleibt fraglich, denn „was ist von einem Glück zu halten, das nur lebt, wenn ein anderer der eigenen Begehr entspricht?“
Auch Magdalenas Welt entsteht aus der Linie, sie denkt in Farben und verwebt Seidenfäden zu erlesenen Tapisserien, ihre Arbeiten sind fließende Traumwelten aus Formen und Farben. Sie lässt sich von Piero aber nicht nach dessen Vorstellungen formen, „es ist wie bei einem Ornament: Ändert man ein Motiv, ist die Übereinstimmung gebrochen.“ Erst wenn auch alle vorhergehenden und nachfolgenden Elemente geändert werden, erhält das Muster wieder seinen Zusammenhang. Ihr Beisammensein beschränkt sich längst auf das abendliche Hören von Ö eins, zu dem sie, auf Pieros Vorschlag hin, getrennt und doch gemeinsam einschlafen. Ihr Versuch, Piero aus den Fängen seiner pflegebedürftigen Mutter, die von ihrem Leben noch so manches einzuklagen hat, zu befreien, bringt ihn ins Gefängnis. Im Alter starrsinnig geworden, kühlt die Mutter im Winter Milch und Butter trotz Pieros Behauptung, es mache dem Kühlschrank nichts aus, neben Zander und Blunzn auch noch Milch zu kühlen, vor dem Fenster, und sie gäbe im Zweifelsfall vor ihren osteuropäischen Pflegerinnen noch dem Tod den Vorzug.
Helene Flöss sagt in Der Hungermaler nur das Nötigste, ihre Erzählung kommt ohne Erzähler aus, ihre Sprache ist karg, aber lyrisch, ihre Sätze einfache Fäden in einem Wandteppich, bunte Mosaiksteine, die sich der Leser selbst Stein für Stein, Wort für Wort zu einem Bild fügen muss. Dann gibt es allerdings viel zu entdecken in dieser modernen Version des Penelope-Stoffs, vor allem die Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Kinder in Horte, ihre Alten in Heime steckt. Helene Flöss’ kurze Erzählung ist raffiniert, farbenprächtig und harmonisch: „Harmonie, diese schlicht gebändigte Sehnsucht, sie singt und trauert so vor sich hin.“ 

Birgit Holzner

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