Rezensionen 2007

Boško Tomašević, Gesänge an Innsbruck. Gedichte
Aus dem Serbischen von Helmut Weinberger. Illustrationen: Benno Melis
Innsbruck: Berenkamp 2006 (= Erlesen. Band 12). 80 Seiten
 
 
Inwiefern lassen sich – mehr oder weniger auf Knopfdruck – Gedichte über Innsbruck oder irgendeine andere Stadt schreiben? Boško Tomaševićs versucht dies in seinem Gedichtband vom Vorjahr. „Gesänge an Innsbruck“ präsentiert sich als eine Reihe von dichterischen Notizen zu bestimmten Orten in und um Innsbruck, die den meisten Texten auch den Titel geben. Mal sind es bestimmte Bauwerke (Stift Wilten, die Hofburg, die Kapuzinerkirche, der Dom), mal wieder profanere Orte wie Lokale und Geschäfte (das Katzung, die Buchhandlung Tyrolia), dann wieder Landschaften und Ortschaften um Innsbruck (Igls, Lans) oder für die Region charakteristische klimatische Eigenheiten (der Föhn). In dieser Konzentration erscheint die Motivwahl – und der Umgang damit – einerseits äußerst beliebig, andererseits entsteht der Eindruck einer gezielten, bemühten Vorgangsweise des Autors.

Stets hat man es hier mit der Perspektive eines Einzelnen – und nicht selten eines Einzelgängers und dazu eines Fremden –  zu tun: ganz unverhohlen bricht das Autobiographische der Texte durch. Diese Grundhaltung ist – wie manches andere – allzu deutlich spürbar; die Verwunderung des besagten Subjekts über etliche Tiroler und Innsbrucker Eigenheiten wird zu explizit ausgesprochen. Nur sehr selten gelingt es dem Autor, auf Auswüchse des Wirtschaftswachstums, des Tourismus oder der Schiindustrie über das Mittel der Ironie oder einfach nur mit Humor zu verweisen: im ersten (und vielleicht besten) Text des Bandes verknüpft er formale Anlehnungen an Celans „Todesfuge“ („Ski fahren wir, sanft, / wir fahren am Morgen, / wir fahren am Abend, / wir fahren und fahren Ski“) mit etlichen tirol- und österreichrelevanten Stichwörtern (Freud, Celan und Trakl schimmern durch). Während hier der Sprachduktus und die Metaphorik  vollkommen überzeugen, tun sie das in sehr vielen anderen Texten nicht: eine vollständig ausgeführte Syntax erweist sich oft als der Hauptmangel dieser Gedichte. Nichts wird ausgespart, nichts verkürzt – was in Kombination mit dem Verzicht auf jegliche rhythmische Gliederung der Texte in manchen Fällen tatsächlich an Prosa mit Zeilenbruch denken lässt. Sätze wie „Von Igls schwingt er sich auf die Nordkette / und lässt sich wieder fallen, / sucht sich neue Tunnels / zu raschem Begeisterungstaumel“, „Innsbruck lebt weiter mit Alpengipfeln, / mit weißer / Chrysantheme über seiner Welt“ oder „Diese Häuser da am Inn schulden ihm / ihre Ewigkeit, die uralte Ruhe, / indem sie von ihm angenommen haben, / Moos und Erinnerung“ geben Zeugnis von dieser Problematik, an der im Übrigen unzählige Gedichte der Gegenwart kränkeln.

Ein weiteres Problem dieser Texte ist der schon erwähnte privatistische Zugang, eine zu sehr auf den eigenen Blickwinkel begrenzte Wahrnehmung. Zeilen wie „Ich sah das Gold von Stams. /  Die Einsamkeit seiner Türme. / Verbrachte Jahre in seiner Bibliothek, / Tage in den Gewölben seiner Schreibstuben“,  „Ich, ein Fremder, wer bin ich / hier in den Alpen?“ oder „Ich könnte in der Metropolitan sein, / in St. Martin in the Fields, / im Musikverein“ sind zu deutlich, zu unverarbeitet und für den Leser letzten Endes irrelevant. Zudem macht sich an manchen Stellen auch ein Abgleiten ins Kindliche, Naive bemerkbar, hauptsächlich durch Aufzählung von überflüssigen Details. Eine weitere Schwäche mancher Gedichte ist eine Überfülle an Ortsnamen, die fast an naturwissenschaftliche Texte erinnert. Charakteristisch ist hingegen für diese – wie auch für andere Tomašević-Texte – eine spürbare Präsenz des Religiösen und  Metaphysischen. So wendet sich in „Cranachs Maria“ das Ich an die Mutter Gottes in der Hoffnung auf Erlösung (das Gedicht beeindruckt übrigens durch eine starke Metapher: „Himmel über dem Himmel“), in „Maria Himmelfahrt“ gelingt dem Autor eine selten lebendige, ja geradezu körperliche Darstellung einer Marienerscheinung über Innsbruck. Die Hinwendung an Gott wird in einem Text über Kapuzinermönche durch historische und intertextuelle Verweise weitreichender: „in der Rose, von der Borges spricht, / der in Rom / Veronikas Schweißtuch gesehen“. Sehr stimmig und zugleich abgeklärt ist übrigens auch das Erlebnis eines Heiligen Abends in Innsbruck.  

Die Zeichnungen des Innsbrucker Graphikers Benno Melis, auf den ersten Blick oft harmlos-lieblich, zeigen beim genaueren Hinsehen etwas Bedrohliches, sei es durch einen konsequent dunklen, fast schwarzen Himmel oder eine oft angewendete Vogelperspektive, manchmal kombiniert mit einer Schieflage. Besonders interessant ist eine Ansicht von Alt-Pradl im deutlich expressionistischen Stil. Im Ganzen sind die Bilder von einer wohltuenden Heterogenität. Problematisch erscheint hingegen das – eher unoriginelle – Konzept, jede Zeichnung genau neben das inhaltlich entsprechende Bild zu platzieren.

Insgesamt bleibt hier die Genrezuordnung unklar, genauso der Adressat der Texte. Es entsteht – gerade durch die spürbar bemühte Suche nach Motiven und ihrer Verarbeitung – der Verdacht einer wie auch immer gearteten Auftragsarbeit, der der an sich erfahrene Lyriker so nicht nachkommen konnte. Besser wäre es vermutlich, einige wirklich gute Texte – darunter sicher „Innsbruck (ohne Georg Trakl)“ und den von Eingeweihten sehr geschätzten „Abend in Lans“ in andere Bände aufzunehmen. 

Jelena Dabic

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