Rezensionen 2006

Joseph Zoderer, Der Himmel über Meran
Erzählungen
München, Wien: Hanser 2005


„Deutsch bleiben oder Italiener werden“ wurden die Südtiroler am 1. September 1939 gefragt, an dem Tag, an dem Hitlers Truppen in Polen einmarschiert waren. Es wurde nicht gefragt, ob man abwandern möchte oder bleiben, es wurde nicht gesagt, wenn du deutsch bleibst, musst du dein Heimatland verlassen, und wenn du Italiener wirst, kannst du bleiben, verlierst aber deine Sprache.
„Deutsch bleiben oder Italiener werden. […] Diese Frage, diese Wahl war schon das Fremdsein.“
Und so zeigten 90 % der Südtiroler Hitler und Mussolini, die sich diese unmenschliche Frage und propagandistische Meisterleistung zwischen Berlin und Rom ausgeschnapst hatten, dass sie keine Italiener werden, dass sie Deutsche bleiben möchten. Weil ja Sprache nicht nur ein Stück Identität bedeutet, sondern die Grenzen der Sprache bekanntlich die Grenzen der Welt sind und die Größe der Welt offenbar eine Rolle spielt. Die wenigsten entschieden sich für das Land und nicht für ihre Sprache.
Joseph Zoderer, der heuer bekanntlich seinen 70. Geburtstag feiert, zeigt uns erneut, was es bedeutet, mit dieser Wahl, mit dieser Geschichte konfrontiert worden zu sein, und wie diese Wahl das Leben aller Südtiroler in andere Bahnen gelenkt hat.
Der Himmel über Meran, das zu Zoderers Geburtstag am 25. November 2005 erschienen ist, ist nur scheinbar ein schmales Büchlein, vielmehr verbirgt sich in den sechs Erzählungen ein wichtiger Teil der Geschichte Südtirols und das Schicksal seiner Menschen und behandelt dabei noch nebenbei die großen Themen der Weltliteratur: Verlust, Verrat, Liebe und Tod.

Wir gingen, die erste und zugleich zentrale Erzählung des Bandes – der Autor hat sie bereits im Jahre 2004 auf deutsch und italienisch bei Raetia erscheinen lassen –, schildert die Geschichte einer Familie, die die Geschichte sehr vieler Südtiroler Familien sein könnte. Das Schicksal einer Familie, die sich entschlossen hat, deutsch zu bleiben und das Land zu verlassen. Die vierköpfige Familie, der wie allen Südtirolern versprochen worden ist, dass sie ihre ursprünglichen Besitztümer eins zu eins im Deutschen Reich ersetzt bekommen würden, landet in Graz, nachdem sie befürchtet hatte, in das soeben von Hitler besetzte Polen zu kommen. Doch schon am ersten Tag gesteht der Vater – „ehemalige[r] Hotelhausmeister, also Hotelschuhputzer, und später dann entlassene[r] Hilfskurgärtner“ –, dass dies die falsche Wahl gewesen ist, die „ihm ‚passiert‘ war, in die er mit uns ‚hineingerannt‘ war“. Und das einzige, an das sich der damals vierjährige Sohn erinnert, aus dessen Augen die Geschichte erzählt wird, sind die Worte, als dies dem Vater gewahr wird: „Ich habe einen Bock geschossen!“
Dass Zoderer einen vierjährigen Jungen – fast 70 Jahre später – diese Geschichte nachzeichnen lässt, bei der er zwar dabei gewesen ist, an die er sich selbst aber kaum mehr erinnern kann, ist meines Erachtens das Besondere an dieser Erzählung. Nur mehr Fetzen sind übrig, die ihm sein um zehn Jahre älterer Bruder erzählt – der Kleine wird ihn ein Leben lang mit Fragen über seine Vergangenheit belästigen –, und Fakten, die er sich aus Geschichtsbüchern holt. Und so kann der Junge sich aus einer Distanz und emotionsfrei dieses Themas annehmen. Er kann sich nicht mehr an die Ausgrenzung erinnern, die der Familie in der „Ostmark“ passiert ist, nicht an die Schimpfworte „Katzelmacher“ oder „Spaghettifresser“, die ihnen die steirischen Patrioten zugerufen haben, weil sie nicht nur deutsche Erde den Italienern überlassen, sondern auch ihnen selbst steirische Erde, Arbeitsplätze und Wohnungen weggenommen hatten. Er kann mit kritischer Haltung erzählen, obwohl er mittendrin gewesen ist.

Die weiteren fünf Erzählungen werden im Geiste dieser Wahl, der so genannten „Option“, gelesen, auch wenn sie nicht direkt davon handeln. Die Füße aber, die diese Wahl versinnbildlichen sollen – Wir gingen –, ziehen sich als Motiv wie ein grün-weiß-rot-weiß-roter Faden durch das Erzählkonstrukt. Während in der ersten Erzählung der Bruder in seinen Lacklederschuhen, „die er immer an den Füßen der eleganten Kurgäste bewundert hatte“, am Abschiebebahnhof Meran-Obermais friert, werden die Füße in der zweiten Erzählung Der Tod des Vaters zum Überbringer der Nachricht seines Ablebens. Die Füße, die der Sohn während der letzten Tage im Krankenhaus warm knetet, zeigen durch ihre plötzliche Kälte den Tod des Vaters an, während der Sohn sich nach der Wärme einer italienischen Krankenschwester sehnt, in die er sich während seines Aufenthalts verliebt.
Die Erzählung Die Nähe der Füße ist meines Erachtens die schönste Erzählung des Bandes, weil sich hier die von Zoderer viel beschworene Fremdheit am gelungensten manifestiert. Ein junger Mann kehrt nach eineinhalb Jahren zu seiner großen Liebe in eine Stadt am Meer zurück. Das Fremdsein wird hier ganz unverhüllt offenkundig: Der junge Mann hat sein Leben in Form seiner Liebe in einer für ihn gänzlich fremden Stadt gefunden. Sie aber will ihn nicht mehr, weil er zu lange fort gewesen ist, um hier wieder zuhause sein zu können. Eine Metapher für jene Südtiroler, die nach 1945 wieder in ihre „Heimat“ zurückgekehrt sind. Die Nähe der Füße ist die einzige Nähe, die dem einstigen Liebespaar geblieben ist, Fuß an Fuß in zwei zueinander stehenden Betten.
Die letzte Erzählung Der Himmel über Meran, die dem Band seinen Namen gibt und den Faden der ersten Erzählung thematisch wieder aufnimmt, ist die Hommage des Dichters an seine Heimatstadt, die er als Vierjähriger verlassen musste, um nach 1945 wieder dorthin zurückzukehren. Wobei die Liebe zur Heimatstadt hier allerdings ein wenig zu pathetisch daherkommt, obwohl mit einer bewusst geschafften Distanz.
Der Himmel, der das einzig Beständige ist, bildet den glatten Gegenpol zu den Füßen, die Mobilität und Veränderung symbolisieren: „[…] ich gehe vor mich hin, als ob der Himmel eigentlich unter meinen Füßen wäre, ich zertrete ihn, als ob er meine Zeit wäre.“
Die beiden mittleren Erzählungen – drei und vier – fallen gänzlich aus dem Rahmen, den die erste und die letzte Erzählung bilden. Es gibt keine Füße und auch sonst keine Verbindung zu den beiden Erzählungen davor und danach. Die Mutter aus dem Haus der Mutter soll wohl gemeinsam mit dem Vater aus der vorangehenden Erzählung die beiden Möglichkeiten der Option unterstreichen: Muttersprache vs. Vaterland. Was die drogensüchtige Monika in diesem Erzählband zu suchen hat, bleibt den Leserinnen und Lesern verborgen.

Sprachlich zeigt sich Zoderer wieder einmal von seiner besten Seite, wie es uns auch der Klappentext verspricht. Seine Fähigkeit, in präzis formulierten und eigentlich sehr einfachen Sätzen seine Ansprüche zu transportieren, kommt hier ganz besonders zum Tragen. Fremdheit, Fremdsein und Fremdbleiben wird wieder anhand von Persönlichem veranschaulicht: „Ich mag dieses Dorf […], es beläßt mir die Distanz, ich könnte auch sagen – das Fremdheitsgefühl, das ich brauche, um es ‚daheim‘ auszuhalten.“
Und endlich hat uns Zoderer ein optimistisches Buch zu seinem Geburtstag geschenkt. Während man nach dem Glück beim Händewaschen, Der Walschen oder Dem Schmerz der Entwöhnung deprimiert zurückgelassen wird, schlägt man Den Himmel über Meran mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen zu.

Verena Zankl