Rezensionen 2006

Helene Flöss, Brüchige Ufer.
Roman.
Innsbruck: Haymon, 2005


Von den Enden, sozusagen den Ufern des Lebens her erzählt der Roman die Geschichte einer burgenländischen Familie, beginnend mit dem Begräbnis von Irma Regner und endend mit dem Suizid ihres Sohnes Gyula. Dazwischen gestalten sich aus Erinnerungen, vor allem Kindheitserinnerungen der Familienmitglieder Porträts, die über drei Generationen reichen und es sind nicht die Reichen, Schönen und Mächtigen, die hier thematisiert werden, sondern Leute von nebenan, in bescheidenen Verhältnissen, auf dem Land, fast einem Niemandsland im Grenzgebiet zwischen Österreich und Ungarn. Der Weg zu ein bisschen Wohlstand verläuft mühsam über die Generationen, die Prägung durch das karge bäuerliche Leben und die industrielle Ausbeutung, durch Krieg und Faschismus hinterlässt bei den Protagonisten tiefe Spuren, macht sie beziehungs- und letzten Endes lebensunfähig.
So etwa Michael Regner, Gyulas Großvater väterlicherseits, der wie viele aus dem Burgenland und aus Ungarn das Glück in einer amerikanischen Fabrik sucht und das sogar zweimal und mit einer Kiste voll Werkzeug zurückkehrt. Mathias Regner, sein Vater, Eich- und Vermessungsbeamter, auch Soldat im zweiten Weltkrieg, er prügelt seine Frau und stirbt 1972 an Lungenkrebs. Irma, zur Kinderarbeit gezwungen, später Haushälterin in Wien und Frau von Mathias. Die Nazis widern sie an. Sie überlebt ihren Mann um 30 Jahre. Rosa, Irmas Schwester, zur Zeit des Faschismus Sekretärin eines Gauleiters, die im Zusammenhang mit dem NS-Regime bis an ihr Lebensende von „Zusammenbruch“, nicht von „Befreiung“ spricht. Fernec, Gyulas halbtauber bildnerisch begabter Bruder, der es auch im Roman nur zu einer Nebenfigur bringt. Karin, die erste Frau von Mathias Regner, die sich nach zahllosen einsamen Abenden mit Weinglas und Fernseher von ihm scheiden lässt. Alena, seine zweite Frau, die im Roman vor allem als Begleiterin der Besuche im Altersheim auftritt, in dem seine Mutter auf den Tod wartet. Gyula, der durch die häufigen Ortswechsel der Familie schulische Probleme bekommt, sich damit abfindet, am Gymnasium von einem Lehrer, Professor Jikal, gefördert wird, der ihm sogar das Autofahren beibringt und ihn über den Lehrplan hinaus in die Welt der Literatur einführt, was aus Gyula fast einen Schriftsteller macht. In vielen Romanen wäre er auch Autor geworden, in „Brüchige Ufer“ studiert der „schwermütige Zweifler“ (S. 200), der Gyula schon als Schüler ist und der von seinem Vater schon mal grün und blau geprügelt wird, weil er den Geigenunterricht verweigert, später bis zum Doktorat und er erlangt eine gesicherte berufliche Position, begleitet von zahlreichen Ehekrisen.
Wie alte Portraitfotos rufen sich die Personen in Erinnerung, wobei der Vorhang oder die Leinwand als Hintergrund gelüftet ist. Dadurch tritt viel Zeit- und Alltagsgeschichte zu Tage, die sehr genau beobachtet und detailliert erzählt wird. Die Fotografie taucht auch immer wieder geradezu leitmotivisch auf, mit gezahntem Rand, als Erstkommunionfoto, Hochzeitsfoto oder vergilbter Abzug eines Klassenfotos, als Kamera von Mathias Regner, die „altehrwürdige Box“ (S. 187), zusammen mit einem Feldstecher und einer Pistole die Erinnerungsstücke Gyulas an seinen Vater. Neben den Fotos sind Zitate das zweite Movens des Erzählstroms, einzelne Wörter oder kurze Sätze der Akteure wie Irma Regners „Meinbub“, kein anderes Wort prägt sich Gyula so ein oder „Leb wohl, Mama!“ (S. 160), der „lautlose Schrei“ von Ferenc beim Begräbnis von Irma Regner.
Der Roman ist streng, fast mathematisch durchkomponiert, schon in den Passagen am Beginn, in denen die Begräbniszeremonie für Irma Regner dargestellt wird: Im Gasthaus, das Alena und Gyula betreten, sitzen drei Männer am Stammtisch, in der dunklen Totenkapelle sitzen drei alte Frauen, gemeinsam ist den beiden Situationen die beklemmende Stille. Der Roman erstarrt aber nicht in einem Formalismus, sondern vermittelt unter die Haut gehend das Lähmende und Einschnürende der erzählten Welt, unterstützt durch eine lyrisch dichte Sprache, die den Persönlichkeitsverlust der Protagonisten durch Personifizierungen oder (De-)Animierungen ihrer Umwelt plastisch zum Ausdruck bringt. Beispielsweise in den Schilderungen des Fabrikmolochs in Amerika, der Michael Regner als Rädchen des Systems verschlingt oder der von Gyula durchstreiften Stadt, in der die Blätter wie tote Vögel von den Bäumen fallen. Der Roman ist eine umfassende psychologische Untersuchung der Familie, in der das Geflecht der einzelnen Bindungen und Entfremdungen geradezu wissenschaftlich exakt herausgearbeitet ist: zwischen Irma und Gyula, verstärkt durch die Abwesenheit des Vaters im zweiten Weltkrieg, zwischen Mathias und Ferenc, dem von Irma abgelehnten Vaterkind, zwischen Irma und Rosa, und viele weitere mehr. Der Roman ist schließlich eine große historische Dokumentation, nicht nur von Abläufen, sondern auch von Gefühlen, von psychischen Verletzungen und ihren Langzeitfolgen. Anhand der Figuren zeigt sich, wie sich die Weltgeschichte zwischen den Flüssen Pulka, Wulka und Gusen, den Sprachen Deutsch, Ungarisch und Kroatisch und der christlichen, jüdischen und Roma-Kultur spiegelt, wie vor allem der Faschismus die Menschen und ihre Koexistenz zerstört. Er transportiert sehr viel Alltagskultur, Begegnungen mit dem Fremden, mit den alliierten Soldaten aus Russland und Amerika, mit den ersten Ölsardinen und Südfrüchten. Die Entnazifizierung durch die Alliierten ist in direkter Rede gehalten, oral history aus dem Mund Irma Regners. Sehr beeindruckend ist die Passage, in der sich Gyula an die Opfer in den Mauthausner Nebenlagern Gusen I und II zu erinnern versucht, die er als Vierjähriger noch miterlebte. Die jüdische Kultur ist vor allem in der Figur Béla Grünfelds präsent, der in direkter Rede die Situation in der international hoch angesehenen Mattersburger Talm Jeschiba schildert und im März 1937 „voller böser Ahnungen“ (S. 125) ist. Irma Regner arbeitet in Wien bei einer jüdischen Familie. Vor den furchigen Gesichtern der Roma schrecken sich die Buben Guyla und Ferenc, die Eltern erzählen ihnen von ihrer schlechten Lage und der Verfolgung und Ermordung durch die Nazis. Die christliche Kultur zeigt sich mit „bedrohlichen Bußliedern“ (S. 154) in Irma Regners Wallfahrt nach Mariazell.
Mit Irma Regner und ihrem Sohn Gyula wird schließlich   das 20. Jahrhundert zu Grabe getragen. Eine Generation, die in das 21. Jahrhundert wächst, gibt es nicht mehr.
„Am anderen Ufer des Sees berührte der Himmel die Erde“ (S.108), so sieht Gyula als Schüler das „Flache“, wie die Einheimischen den Neusiedler See nennen. Viele Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde gibt es an den diesseitigen Ufern nicht. Das zeigt der Roman eindringlich. Die Ufer halten nicht einmal, sie reißen die Protagonisten fort und die Leserinnen und Leser mit.

Günter Vallaster

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