Rezensionen 2006

(W)orte. Words in Place.
Zeitgenössische Literatur aus und über Südtirol.
Contemporary Literature by German-Speaking Minority Writers from South Tyrol (Italy).
Herausgegeben, kommentiert und übersetzt von Siegrun Wildner.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus 2005, 410 S.


Es ist äußerst erfreulich, dass sich eine amerikanische Professorin – Siegrun Wildner lehrt an der University of Northern Iowa – so ausführlich mit Literatur aus und über Südtirol auseinandergesetzt und eine große Anzahl von Texten ins Amerikanische übersetzt hat. Für einen hiesigen Leser ist dieses Buch eine Kuriosität. Bleibt nur zu hoffen, dass sich viele Leser im anglo-amerikanischen Raum dafür finden. Zur Qualität der Übersetzungen kann ich mich aus fachlichen Gründen nicht äußern. Nur soviel sei gesagt: Wildner hat ihren durchaus richtigen Vorsatz, Dialektgedichte nicht übersetzen zu wollen, weil das nicht ginge, nicht ganz eingehalten und Kasers Gedicht „Weltmoßstob“ trotzdem übersetzt: „es isch eh guat“ = „it is quite alright“.
Bei der Auswahl wurden eine „soziokulturelle Dimension der Texte sowie die Zeit ihrer Veröffentlichung als verbindende Merkmale in den Vordergrund gerückt“, aber auch versucht, die Vielseitigkeit der literarischen Produktion zu zeigen und auf den großen Stellenwert der „Mehrsprachigkeit“ in der Literatur in Südtirol hinzuweisen. Über die Auswahl ließe sich trefflich streiten, denn sie ist selbstverständlich auch von subjektiven Faktoren mitbestimmt, von persönlichen Vorlieben der Herausgeberin und Übersetzerin. Auf jeden Fall steckt in diesem Band viel Arbeit und die den Texten vorangestellte Abhandlung über „Die Neuere Literatur aus Südtirol“ lassen eine eingehende Beschäftigung erkennen.
Was wird nun dem anglo-amerikanischen Leser als „Neuere Literatur aus Südtirol“ präsentiert: Begonnen wird mit kritischen Essays, an erster Stelle stehen Kasers „Brixner Rede“ und einige seiner Glossen, gefolgt von Zoderers „À propos Heimat“. Es folgen Romanauszüge aus Helens Flöss’ „Schnittbögen“, Sabine Grubers „Aushäusige“ und Zoderers „Die Walsche“. Es gibt Kurzprosa von Flöss, Kaser, Kurt Lanthaler und Anita Pichler; Gedichte von Kaser (auch Dialektgedichte), Gerhard Kofler (viele davon zweisprachig italienisch/deutsch, auch Dialektgedichte), Sepp Mall, Josef Oberhollenzer (auch Dialektgedichte), Anita Pichler, Konrad Rabensteiner und Luis Stefan Stecher. Wildner ist sich sehr wohl bewusst, dass wichtige Namen fehlen, etwa Bettina Galvagni, Waltraud Mittich, Oswald Egger, Martin Pichler und Toni Bernhart. Zum Teil ist das Fehlen, vor allem der jüngsten Schriftstellergeneration, auch damit zu erklären, dass 2002 sozusagen der Redaktionsschluss für die zu übersetzenden Texte war. Dies ist insofern bedauerlich, als gerade bei der jüngsten Schriftstellergeneration das „Thema“ Südtirol keine besondere Rolle mehr spielt. So konnte Sepp Mall im Vorwort der Anthologie: „Aus der neuen Welt“ (2003) die Erzählungen der jungen AutorInnen wie folgt charakterisieren: „Keine Literatur, in der Südtirol oder das, was man für spezifische Südtiroler Themen hält, als Gegenstand der Betrachtung eine zentrale Rolle spielen würden.“ So gesehen ist die vorliegende Anthologie schon wieder ein Anachronismus.
Wildner hat, um dem entgegenzuwirken, dem Buch eine Liste von ausgewählten Buchpublikationen (1990-2004) beigefügt, die Anregung für weitere Lektüre sein soll. Für ihr Lesepublikum hat sie neben der schon erwähnten literarhistorischen Einführung, ausführliche Anmerkungen zu den Texten, Fakten und Daten zur Südtiroler Geschichte, biographische Informationen zu den Autorinnen und ein „Südtirol-Glossar“ erstellt. Für die angepeilte Leserschaft ist dies durchaus angebracht, denn wie sollte diese etwa die Kürzel „AdO“ (Arbeitsgemeinschaft der Optanten) oder BAS (Befreiungsausschuss Südtirol) verstehen, wissen, was das „Paket“ ist, dass mit den „Dolomiten“ in den Texten zumeist die Tageszeitung gemeint ist und was es mit der „Zweisprachigkeitsprüfung“ auf sich hat.
Bei den Kaser-Texten werden die Kommentare aus den „Gesammelten Werken“ (1988-1989) nachgedruckt. Dies führt allerdings dazu, dass an sich schon etwas problematische Kommentare aus dem Gesamtzusammenhang des Kommentars zur Kaser-Ausgabe gerissen und ohne weitere Präzisierung nachgedruckt werden. So steht etwa die Feststellung, dass es in Südtirol eine Art ethnische Arbeitsteilung gibt (dass es keine italienischen Bauern gibt), ohne weitere Erklärung ziemlich fragwürdig da. Aber auch etwa jene Kommentarstelle zu Kasers Glosse „Wir importieren alles“: „Das Engagement für das Deutschtum geht so weit, daß manchen die italienische Küche oder ein ‚italienischer’ Meeraufenthalt verpönt ist.“ Zu Kasers Lebzeiten mag diese Haltung noch einigermaßen verbreitet gewesen sein, obwohl Kaser schon 1978 in seiner Glosse sehr treffend angemerkt hat: „Die schleichende Unterwanderung der Speck- & Knödelküche durch Paradeismark will keiner mehr missen, genauso wie die patriotischen Politiker genüßlich am fingerhutgroßen Kaffee italienischer Art schlürfen, elegant gewandet, behütet, beschuht in südlichem Design.“ Für einen Leser, der Südtirol möglicherweise erstmals anhand dieser Anthologie kennen lernt, könnte durchaus der Eindruck entstehen, dass es noch 2005 viele Südtiroler gibt, die wegen ihrer Italienerfeindlichkeit auf die vorzügliche italienische Küche und auf italienische Meeraufenthalte verzichten. Es mag zwar immer noch ein paar Ewiggestrige geben, aber diese Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

Anton Unterkircher

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