Rezensionen 2006

Otto Licha, Zuagroaste.
Kalendergeschichten.
Münster: AT Edition 2005, 164 S.


Gleich im Vorwort will uns der „Autor“ weismachen, er schreibe für ein EU-Dokumentationsarchiv in Brüssel, das für die „Pflege lokaler Kultur“ zuständig sei. Sagen, Geschichten und Begebenheiten sollten gesammelt, eine Art Reimmichl-Kalender sollte entstehen. Damit ist die Neugier auch schon geweckt und selbstverständlich folgen dann Geschichten, die den Geschichten vom Reimmichl diametral gegenüberstehen. Die Fiktion des Kalenders wird aber auch mit den tatsächlichen Monatsüberschriften aufrechterhalten. Zu jedem Monat gibt es einen kurzen Monatsgedanken und eine Erzählung. Aber auch in den Monatseinstimmungstexten sucht man vergeblich vorfabrizierte Stimmungsbilder oder wonnemonatliche Frühlingsgefühle. Sehr wohl stimmen diese Texte aber auf die nachfolgenden Erzählungen ein. Die Monatstexte stehen untereinander (teilweise) wieder in Verbindung, Themen werden wieder aufgenommen, weitergesponnen, vertieft. Für den Monat April gibt es zwei Texte (einen davon hat Markus Köhle beigesteuert) und zwei Erzählungen. Sozusagen als letzten Rahmen für die Erzählungen gibt es am Ende des Buches ein Glossar, das sich aber zu einem eigenen Text verselbständigt hat. Zu einigen Stichworten, z.B. zum Beamten, werden eigene Geschichten erzählt, andere bleiben leer, z.B. „Y-Yodeln in Ynspruck“.
Geradezu selbstverständlich ist der Kalendermann ein „Zuagroaster“, „die Welt ist voll davon“, also auch Tirol, in dem seine Geschichten spielen und in dem man „mancherorts zwar noch nach fünf Generationen als ‚Zuagroaster’ gilt“, „aber, wenn er sich einfügt, manchmal mittun darf“. Der Erzähler ist zudem ein verhinderter Musiker, der sich mit der Musikalität von Stabreimen und Alliterationen tröstet, die er in viele Texte eingebaut hat.
Die Erzählungen handeln von Törggele-Partien, Sauna-Runden, Liebesgeschichten, Familiengeschichten. Leider haben nicht alle dieselbe Qualität, aber alle haben Widerhaken. Es wird also nichts mit einem lukullischen Genuss von gefällig servierten Kalendergeschichten. Auch wenn in einem ruhigen Erzählton Alltagsgeschichten aufgetischt werden, so erweisen sich diese gar bald als schwer verdaubar. „Wäre Ida Müller nicht so zart besaitet gewesen“, dann hätte sie manchmal nein gesagt, hätte einen sicheren Posten an der Universität angenommen, keinen kurdischen Freund (den sie nicht liebte) geheiratet und wäre nicht Lehrerin geworden. Denn zart Besaitete sind gerade dort nicht am richtigen Platz. In den Lehrplänen als auch in öffentlichen Reden von Schulvertretern ist zwar viel von höheren Zielen („nämlich das menschliche und gesellschaftliche Miteinander“) die Rede, in der Praxis geht es um Unterrichtserträge, Stundenabläufe, Disziplinierungsmaßnahmen. Die Schüler laden ihren Frust auf die Lehrer ab, wo er aber schon im Überfluss vorhanden ist und diese geben ihn wiederum in Richtung Schüler weiter. „Ein toter Kreislauf!“, stellt Ida fest, beginnt sich den Frust von der Seele zu schreiben und verlässt schließlich die Schule, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Mit ihrem Kabarett „Schulversuch“ hat sie, gerade weil sie so zart besaitet ist, einen durchschlagenden Erfolg. Überhaupt werden gerade zart Besaitete den Tiefgang dieser Kalendergeschichten am besten ausloten und somit doch noch genießen können.

Anton Unterkircher

Nach oben scrollen