Rezensionen 2006

Erika Wimmer, Schund. Farce in 8 Szenen mit einem Epilog.
UA von Teilen des Textes am Tiroler Landestheater im Rahmen des Dramatikerfestivals 2006.
Besprechung des Textes und Überlegungen zur Copyright-Situation in Österreich
 

Die Uraufführung des Wimmer-Stücks Schund ging mit einem Protest der Autorin gegen massive Regie-Eingriffe in ihr Werk und mit einigem Presse-Echo einher. Nun ist es nicht die Aufgabe dieses Forums für oder gegen Gebräuche des Regietheaters Stellung zu nehmen. Hingewiesen sollte jedoch vielleicht im Rahmen der Besprechung eines Dramas, das vor allem durch Unstimmigkeiten wegen seiner Umsetzung Schlagzeilen gemacht hat, auf den Umstand, daß die Copyright-Frage von Theaterstücken in Österreich ungenügend geregelt ist.
Uraufführungen sind deshalb so wichtig, weil sie entweder Standards für weitere Aufführungen setzen, oder aber in der gegenwärtigen Theatersituation, in der neue Stücke selten nachgespielt werden, ein für allemal die Botschaft bzw. das künstlerische Credo des Autors vermitteln sollten. Autoren mit einem großen Bekanntheitsgrad, wie z.B. Elfriede Jelinek kann es egal sein, wie die erste Inszenierung ihrer Stücke aussieht, weil diese meistens gleichzeitig im Druck erscheinen. (Die Nobelpreisträgerin erlaubt bekanntlich, daß Regisseure ihre Theatertextblöcke als „Steinbruch“ betrachten, aus dem sie sich „Textmaterial“ holen, das sie nach eigenem Gutdünken montieren, häufig mit stückfremden Material vermengen und manchmal zu einer Story zusammenfügen.) Manchen Autoren geht es vor allem darum, überhaupt aufgeführt zu werden. Für andere ist die Botschaft, die sie vermitteln wollen, oder formale Aspekte ihrer Arbeit so wichtig, daß sie lieber in Kauf nehmen, daß ihre Stücke in der Schublade bleiben, als daß sie in nicht adäquater Form auf die Bühne kommen. Der jüngste Fall zeigt, daß hier Handlungsbedarf für die IG-Autoren und den österreichischen Gesetzgeber besteht. Ich denke als ersten Schritt etwa an die Erarbeitung von Kriterien dafür, was von den Parteien Autor und Theater als massiver Eingriff in den Text angesehen wird und verpflichtende Gespräche zwischen Autor, Dramaturgie und Regisseur hinsichtlich solcher Eingriffe.

Wimmers Farce Schund handelt von zwei Pensionisten. Herta hat nach dem Tod von Maxens Frau Hella, die Rolle einer Hausangestellten übernommen. Dafür wird sie bezahlt, sie steht aber auch für gelegentlichen Sex zur Verfügung. Die beiden erinnern ein wenig an Werner Schwabs grausliche Kleinbürger: sie sprechen wie dessen Figuren eine Kunstsprache – ein Hochdeutsch, das mit dialektalen Wendungen, Sprichwörtern und Versatzstücken aus der Mediensprache durchsetzt ist. Auch der Racheplan, den Herta mit Maxens verstorbener Frau ausgeheckt hat, entspricht der Boshaftigkeit der Figuren dieses Dramatikers: Hella hat Herta vor ihrem Tod ihre Wohnung überschrieben; ihr Ehemann wird zehn Jahre lang im Glauben gehalten, sie gehöre ihm, und an seinem 70sten Geburtstag, als er erwartungsgemäß so hinfällig ist, daß kein massiver Widerstand mehr von ihm zu erwarten ist, ins Altersheim abgeschoben.
Max hat sich von der Welt zurückgezogen und lebt in einer Scheinwelt, die Boulevard-Zeitungen, das Fernsehen und von den Medien geschürte Ängste erzeugen. Darin besuchen ihn Allegorien von Politik, Fiskus, Sex, Sport und Skandalchronik, und zwar in der Gestalt, wie sich diese Dinge einem alten Mann mit Maxens Bildungsgrad eben präsentieren. Der Politiker ist ein politisch rechts stehender Strahlemann, der Fiskus ein bedrohlicher Schnüffler, der Sex das Nacktmodell von der Seite 3 oder 5 der Boulevardzeitungen, das die Kommentare unter dem Photo immer als liebes und sauberes Mädchen hinstellen und der Sport ein Vereins-Maskottchen. Die Absurdität der Laufs der Welt zeigt sich an einem Lotto-Gewinn, den ausgerechnet das ermordete Paar aus der Skandalchronik macht.
Der Text bewegt sich wie Jelinek-Texte vorwiegend auf der Objekt-Ebene: Sprachmüll wird Sprachmüll entgegengesetzt. Emotionalen Subtext (der in herkömmlichen Dramen die Nahrung für das Spiel des Schauspielers darstellt) gibt es fast nur in den Szenen zwischen Herta und Max. Das Sprachspielerische stellt natürlich eine große Herausforderung an den Zuschauer dar. Wirklich erschließen wird sich dieser Text, ähnlich wie Texte der Jelinek, wohl nur dem Leser. In diesem Sinne wäre es wünschenswert, wenn dem ersten Annäherungsversuch auf der Bühne bald eine Veröffentlichung folgte.

Sylvia Tschörner

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