Rezensionen 2006

Brigitte Messner (Hg.), stadtstiche – dorfskizzen.
Innsbruck: Skarabaeus 2005 (Reihe Brennertexte Band 5). 174 S.

Wenn man Autorinnen und Autoren einlädt, zu einem bestimmten Thema etwas zu schreiben, kann die Herausgeberin für die eingehenden Beiträge nicht gut ein Honorar zahlen, aber den Text in den Papierkorb werfen. Bei nicht wenigen Beiträgen dieser  Anthologie wäre die Herausgeberin dennoch gut beraten gewesen, mit den eingesparten Druckkosten die Nicht-Veröffentlichung des eingesandten Texts zu honorieren. Auch im Interesse der Verfasserinnen und Verfasser. Obendrein haben gerade etablierte Autoren oft keine Zeit für solche Auftragsarbeiten; in dem Buch fehlen wichtige Namen, ob sie nun abgesagt haben oder nicht gefragt worden sind. Selbstverständlich haben auch einige Autoren und Autorinnen zugesagt, deren Rang sich in diesen Stadtsuchen und Dorfskizzen neuerlich zeigt.
Vielen Beiträgern scheint nicht einmal klar zu sein, dass ein erkennbarer Schauplatz (beispielsweise Kufstein) eine belanglose Geschichte ebenso wenig zu einer Charakterisierung des Orts, zu einem ‚Stadtstich’ macht wie das Vorkommen eines Ortsnamens und der Gebrauch des dortigen Dialekts. Und ein paar Fäkalausdrücke machen Geschimpfe über einen Innsbrucker Stadtteil noch lange nicht zu einer Satire. Der in seiner Nüchternheit durchaus berührende Bericht vom scheiternden „Ernst“ verliert sogar an Wirkung durch die Nennung des Schauplatzes, weil man eben weiß, dass es in Hall nicht „unzählige Kirchen“ gibt. Wenn das eine oder andere Gedicht im Titel einen Lokalbezug herstellt, ist das zumeist nur für die Biografie des Autors interessant, hat aber wenig mit einem konkreten Ort zu tun: „winterfrühling in Buch bei Jenbach“, im Übrigen kein schlechtes Gedicht, könnte genauso „in Mutters bei Innsbruck“ oder „in x bei y“, aber auch „in y bei x“ lokalisiert sein. Journalistische Arbeiten – über einen ÖVP-Slogan – und persönliche Erinnerungen haben sich ebenfalls in den Band verirrt, wobei im Fall der Dichterlesung in Toblach der trockene Witz (fast) damit versöhnt, dass der Text wiederum nicht wirklich etwas mit diesem bestimmten Ort zu tun hat. Bescheiden realistische wie auch apokalyptische Kritik am Fremdenverkehr darf in einer Tiroler Anthologie selbstverständlich nicht fehlen. Um eine sehr persönliche Brixen-Idylle ist man hier schon deshalb froh, weil ihr Thema wirklich eine Stadt ist.
Formal sind die Texte mit wenigen Ausnahmen – etwa der Montage über Hinterriss, dem genau gehörten Gramarter Geschwätz und den in Ansätzen Kaser weiter führenden Meran- und Klausen-Texten – recht traditionell, auch die Gedichte, deren Verfasser sich immerhin an die Konventionen der Gegenwartslyrik halten und nicht ins Reimen verfallen (das mich, ich muss es boshafter Weise zugeben, nicht einmal überrascht hätte). Die Ausnahme, ein Sonett, ist auf ihre Art sehr formbewusst. Die Prosa greift manchmal zum Klischee (Gesichter „wie aus Stein gemeißelt“) und zur falschen (meist zu hohen) Stilebene.
Einige Beiträge dieser Anthologie (nicht nur erwähnte) bereiten – etwa durch den Superlativ „alpinst“ oder das Kompositum „Weltläufigkeitshunger“ in einer der Dorfskizzen – selbstverständlich Vergnügen, einige sind rundum geglückt. Sie wären vielleicht ohne diesen Auftrag nicht entstanden – eine Publikation, in der das Mittelmaß so dominiert, rechtfertigen sie nicht. Das Buch ist so überflüssig wie viele derartige Anthologien, selbst wenn man die Beiträge nicht an Kaser misst. Dessen „Stadtstiche“ sind in ihrer Verbindung von geschichtlichen Wissen, Gefühl für den ‚Geist’ eines Orts und satirischer Energie, durch ihren zyklischen Charakter und ihre formale Kühnheit einmalig. Sie lassen sich nicht wiederholen. Ob das bewiesen werden sollte?

Sigurd Paul Scheichl

 

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