Rezensionen 2006

Hans Augustin, Und wohnt mitten unter uns.
Gedichte.
Innsbruck: Kyrene Verlag 2005.


Keine Panik! Gott sei Dank?

Unlängst war in Karin Bauers Kolumne „Personal moves“ (KarrierenStandard, 2./3.12.2006) unter dem Titel „Keine Panik!“ zu erfahren: Die „Millennials“, auch „Generation Praktikum“ oder „Ichlinge“ genannt (geboren zwischen 1980 und 2000), betrieben „eine intensive Ich-Beziehung“ und strebten „nach stimmigem Leben“, sie verlangten „echte Chance auf Work-Life-Balance“. Anders als ihre Vorgänger-Generationen, die Babyboomers (geboren zwischen 1945 und 1960) und die Generation X (geboren zwischen 1960 und 1980), die sich auf Job und Karriere konzentrierten, seien sie auf ein „Leben in Intervallen längst eingerichtet“, einer „vermeintlichen Sicherheit und Langfristplanung opfern sie ihre Lebensansprüche nicht.“

Die Generationen und das Tabu

Es gibt viele Millennials, rund 51 Millionen Menschen in Europa. Ob sie sich bei angestrebter Work-Life-Balance Zeit für Gott nehmen? Und die Job-Karriere-Generationen? Und wir? Reden wir überhaupt noch von Gott?

„EIN WORT, das nicht gesprochen wird, verflüchtigt sich aus dem Wortschatz. Wird belanglos, fremd und uneinordenbar.
Es gibt offensichtlich eine Menge Gründe, warum das Wort Gott im Alltag einer auf das Hier und Jetzt fixierten Gesellschaft nicht gebraucht wird, daher nicht gesprochen wird bzw. sogar tabu ist.“

Hans Augustin setzt dieses „EINE WORT“ an den Beginn seiner neuen Gedichtsammlung – genauer: an den Beginn seines Vorworts zum Buch. Gott also. Aber welcher Gott soll sich hier eigentlich wörtlich „verflüchtigen“? Der Gott der großen Weltreligionen, der Christen, Juden und Muslime? Der Gott der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften? Oder – denken wir etwa an Wahrigs „Deutsches Wörterbuch“, das unter „Gott“ über eine Spalte anführt, die mit „zählb.; Myth.“ anhebt – einer der antiken Götter? Und wer sind „wir“? Ich, Du, die TirolerInnen, ÖsterreicherInnen, EuropäerInnen, die ganze Welt?


Grüß Gott

Wie auch immer – man darf diesen neuen Gedichtband, der seinen Gegenstand im Titel selbst ausspart, begrüßen, und warum nicht mit „Grüß Gott!“ (Was in einer Rezension vielleicht wieder ein Tabubruch ist.) Die soziologischen und theologischen Überlegungen des Autors in seinem Vorwort, die philosophischen Überlegungen des Verlegers Martin Kolosz in dem seinen: Sie machen jedenfalls klar, dass „Gott“-Gedichte  an sich und ihre Publikation einer ausführlichen Rechtfertigung bedürfen. Das lässt tief blicken, in einen (vermutlich lokalen) pseudo-aufgeklärten Abgrund nämlich, der von Vorurteilen und Intoleranz tiefschwarz ist und mit dem französischen Lichterjahrhundert von einst wenig zu tun hat. Für den, der sich nicht der Aufklärungsfraktion, die Allwissenheit, Unfehlbarkeit und Unantastbarkeit für sich gepachtet hat, zurechnen darf, bleibt das ohne Belang. Ihm könnte Augustins Gott sogar vertraut vorkommen. Er tritt hier in Gedichten von aphoristischer Kürze auf. Die Sache ist nicht verkopft und verzopft, sondern witzig und satirisch. Gott und Welt sind die thematische Basis, zündender Einfall und handwerkliches Geschick die dichterische Ausformung. Tatsächlich sind diese lichten Gedichte, rund 50 an der Zahl, in ihrer sprachlichen Kürze und Klarheit eben Ausprägungen der Aufklärung. Es bereitet große Lust sie zu lesen. Augustin, der sich Ende November 2006 den Salzburger Lyrikpreis mit Bettina Baláka teilte, ist auf der Höhe seiner Kunst. Zitieren wir zum Schluss nochmals den Dichter: „Es war ganz leicht/mit diesem Menschen/ins Gespräch zu kommen.“

Bernhard Sandbichler

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