Rezensionen 2006

Susanne Schaber, Herr Hofer und sein Hosenträger.
Tiroler Gratwanderungen.
Wien: Picus 2006, 131 S. 


Der weite Horizont dort oben


Es gibt zumindest zwei Anthologien, die Kluges und auch weniger Kluges versammeln, das im Laufe der Zeit in literarischem Zusammenhang mit Tirol geschrieben wurde.1)
Naturgemäß nicht alles, sodass man am erstellten Fundus sattsam herummäkeln könnte, wenn man wollte:  Beiden Herausgebern ging es nicht darum, linke oder rechte Positionen erneut politisch korrekt zu betonieren. Das, so denke ich zumindest, ist Aufgabe von Provinzdeppen.
Hier nun haben wir es mit einem Tirol-Bändchen zu tun, das ebenso jeglicher Art dem möglichen Leser vorauseilenden Gehorsams entsagt. »Herr Hofer und seine Hosenträger. Tiroler Gratwanderungen« verheißt es. Es erscheint in der Reihe Picus Lesereisen, wo 2003 »Sechstausend Fuß jenseits von Mensch und Zeit. Engadiner Höhenflüge« herauskam: beides Beiträge einer Autorin, der offensichtlich erwanderte Bergeshöh’ wie schreibendes Fingerspitzengefühl Anliegen sind.
Das Büchlein setzt mit seinen zwei besten Kapiteln ein; das eine gleitet gekonnt von Schabers Bergerlebnis zu allerhand alpinem Hintergrundwissen und zurück. Es geht um die Wildspitze, auf die sie Kilian Scheiber führt. Dem geprüften Berg- und Schiführer steht dann im zweiten Kapitel Toni Wille, Klavier-Bauer aus Nufels im Kaunertal, an Authentizität in nichts nach. Maximilian – und was dem lieben Max dann folgt: Galtür, Hofer, Fasnacht, Walder-Saga, Almmilch-Kulinarik, Heiliges und Mumifiziertes – das ist immer noch gut gemachte Reportage, hier und da mit schönen Gedanken und Zitaten garniert; (wozu gibt’s Anthologien?!) mit folgendem Haiku von Bashô etwa: »Du mache Feuer, und ich/will dir was Schönes zeigen:/einen Ball aus Schnee.«
Tirol und die TirolerInnen erscheinen hier nicht kauzig und nicht kurios, der Blick auf die Sonnenseiten ist nie süß und der auf die Schattenseiten nie bitter. Überhaupt der Blick: »Felsmauern, ob aus Granit, Gneis oder Kalk, sind breite Projektionsflächen für eigene Bilder. Und wer weiß: Haben nicht jene, deren Weg immer wieder auf steinerne Hindernisse trifft, schneller und nachhaltiger lernen müssen, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen? Nach vorn, und dann, wenn sie an Grenzen stoßen, dem Gestein entlang nach oben, wo’s nur mehr Blau wird. Und vielleicht ist gerade dort der Horizont weiter als anderswo.« Ja, wer weiß, vielleicht ist es wirklich so.

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(1)Barbara Higgs und Wolfgang Straub: Wegen der Gegend Tirol. Literarische Reisen durch Tirol. (Eichborn 1998) und Bernhard Sandbichler: Europa erlesen. Tirol. (Wieser 2000).

Bernhard Sandbichler