Rezensionen 2006

Barbara Hundegger, rom sehen und. ein gedicht-bericht.
Skarabaeus 2006


   „rom sehen und“ – der Titel eine Zeile, die mit „und“ aufhört, ausspart, was danach kommt, und, wenn man von der Anspielung auf „Rom sehen und sterben“ ausgehen kann, genau jenes Wort auslässt, von dem im Buch, auch, viel die Rede ist, es aber nicht benennt, benennen will; vielleicht folgt ja auch ein ganz anderes Verb, eine ganz andere Konsequenz aus diesem „rom sehen“. „sehen“ - das Auge spielt in den Gedichten eine große Rolle, das beobachtende Auge, das Kamerauge, das subjektive Auge, auch das „göttliche“ Auge.
Im Untertitel „gedicht-bericht“ sind die 2 Gattungen benannt, die Barbara Hundegger in „rom sehen und“ miteinander verknüpft - zwei Gattungen, deren Ansprüche unterschiedlicher nicht sein könnten: Der Bericht: sachliche Wiedergabe von Fakten, mit logischer und chronologischer Reihenfolge. Das Gedicht – im Gegensatz dazu: Aufhebung von Chronologie und Logik, mitunter radikale Subjektivität, poetische Durchdringung von und mit Sprache und somit Welt.
In der Tat hat „rom sehen und“ den Aufbau eines Berichts: Der Text zeichnet sich durch eine strenge Chronologie der Ereignisse aus: Abreise aus Innsbruck – Aufenthalt in Rom – Abreise aus Rom. Der zeitliche Rahmen ist klar eingegrenzt, definiert von den Ereignissen rund um Papsttod und Papstwiederwahl im April 2005 (Barbara Hundegger hielt sich in diesem Zeitraum aufgrund eines Stipendiums des Landes Tirol in Rom auf.)
Formal ist „rom sehen und“ in einzelne Zyklen unterteilt, und hier beginnt das Spannende.
In ihnen eröffnen sich die unterschiedlichsten Universen und Kosmen, zusammengehalten von der großen Klammer „Rom“, die zu jener Zeit wohl keine „Cittá aperta“ war, sondern, so in einem Gedicht „geschlossene Stadt“.
Die poetische Reibung nun ergibt sich aus der inhaltlich teilweise absoluten Inkompatibilität der Zyklen untereinander. Gegensätzlichstes prallt aufeinander, was sich unter anderem in der poetischen Verfahrensweise des Nebeneinandersetzens von Antonymen widerspiegelt: kam/ging, Nahe/Fern, gab/nahm). In zahlreichen assoziativen Wortfolgen und Wortketten, rhythmisiert durch Alliterationen und Assonanzen, gehen unterschiedlichste Inhalte und Worte verschiedenster Herkunft die unheiligsten Allianzen ein.
Die Zyklen wechseln sich in der Reihenfolge ab, und man könnte sie nach dem Fokus des Blicks, den sie haben, einteilen, nach Totale und Nahaufnahme, nach dem Blick auf außen und auf innen, nach dem Blick von außen und von innen – und: nach „Zitat“ und Genuinität.
Zu Beginn steht „vor rom“ – eine Art Ouvertüre, in dem es um Aufbruch und Abschied geht, um Weggehen und Ankommen.
Ein großer Zyklus, der jedes zweite Gedicht ausmacht und sich als Konstante durch den gesamten Gedicht-Bericht zieht, ist „zeitungsluft“.
Barbara Hundegger schöpft hier aus dem schier unermesslichen Fundus der Zeitungssprache, der Boulevardpresse. Zum einen sind in diesem Zyklus die „Informationen“ enthalten, was die Ereignisse rund um den Tod des alten und die Wahl des neuen Papstes betrifft, andererseits finden sich zahlreiche weitere Aspekte vom „grande spettacolo“, vom massmedialen „Brot und Spiele“. Jedes Gedicht greift auf ein Thema zu, auf Ökonomie, Weltpolitik, Fußball, auf Sexreporte und Orgasmusschulen, auf Themen der Boulevardpresse und vieles andere. Es sind verdichtete Schlagworte, die Barbara Hundegger montiert und zu ihrer ganz eigenen Textur verwebt. Wortungetümer springen uns dabei entgegen, Zeilen mit riesigen Substantivgruppen, ohne Verben – und sie vermitteln in der Akkumulation eine Bewegungslosigkeit, einen Zustand des Stillstands, und dies genau, indem mit dem Wortmaterial jenes Mediums gearbeitet wird, das Aktualität und somit auch Beweglichkeit suggerieren will. Durch die sprachliche extreme Verdichtung arbeitet Barbara Hundegger jedoch genau das Gegenteil heraus, die Inszenierung des alltäglichen Wahnsinns durch die Massenmedien.
Es finden sich mitunter auch ironische, wenn es um die „wichtigste Frau im Leben des neuen Papstes“ geht, oder um die detailgenaue Beschreibung der prächtigen, in allen Farben schillernden Kardinals- und Papstroben.
Der nächste Zyklus, der an diesen andockt, ist „roma papamania“. In ihr begibt sich die Beobachterin mitten hinein in die hysterisch aufgeladene Atmosphäre jener Tage, in denen ganz Rom ein Hochsicherheitstrakt ist, löst sich aber darin nicht auf, sondern setzt Streiflichter, Momentaufnahmen, von Staatshäuptern, anderen Häuptern, Nonnen, Carabinieri, Scharfschützen, Reportern, Kamerahimmeln, und lässt eine bedrohliche, klaustrophobisch anmutende Stimmung entstehen, – immer durchsetzt mit Wörtern, Zitaten aus dem katholischen Sprachfundus – doch darauf soll später näher eingegangen werden.
Der Zyklus „roma centro“ rückt das alltägliche Rom, „etwas“ abseits vom päpstlichen Rummel, ins Zentrum, Porträts, Geräuschkulissen, Rom im Regen, das Rom der Cousine, model-schöne Priester, Huren, Passantinnen, und zieht so – gemeinsam mit dem Zyklus „roma millina“, jener Straße, in dem sich die Atelierwohnung befindet, (eine Anmerkung: auch hier verhallt der päpstliche Hintergrund nicht ganz, war doch die Familie „Millini“ ein altes römisches Adelsgeschlecht, dem viele Bischöfe und Kardinäle entsprangen) – allmählich die konzentrischen poetischen Kreise näher heran an den Zyklus „macchiato denken“, der um die ferne Lebensgefährtin, um die geliebte Frau kreist; Gedichte, in denen innegehalten wird vom Trubel der manisch aufgeladenen Großstadt, beim alltäglichen Macchiato, die in ihrer Kürze auf Vergangenes zurückblicken, von Intensität, Schwermut, Zärtlichkeit und Kraft leben und sich wie Inseln im Gesamten bewegen, Inseln, in denen die teilweise erdrückende papale Präsenz wie weggeschwemmt erscheint, irreal – unwichtig. Der innerste Zirkel. „rom sehen und“ – auch ein Gedicht-Bericht über die Liebe, diese Liebe, weit über den engen Zeitrahmen von April 2005 hinaus reichend.

Die atmosphärische Dichte von „rom sehen und“ ergibt sich nun aus dem Nebeneinander und Hintereinander der unterschiedlichen Welten und Gedanken, die im Kopf der Leserin, und wahrscheinlich auch der Schreibenden, sich zu einem großen, pulsierenden und lebendigen Ganzen verdichten und ineinanderfließen.

Während beim Zyklus „zeitungsluft“ Montage und damit Demontage die wichtigste Verfahrensweise darstellt, durchquert die Schreibende den kirchlich-katholischen Diskurs auf ihre ganz eigene Weise, indem sie assoziativ reich widerhallende Worte wie „schöpfung“, „ewig“, „waschung“, „engel“ und viele andere, in mitunter sehr persönliche, dem Ursprungskontext entgegenlaufende Kontexte setzt. Die Ursprungsassoziationen schwingen zwar unweigerlich mit, doch ist ihnen das Hehre, Heilige entzogen. Damit wird der in diesem Fall „katholische“ Ausschließlichkeitsanspruch auf bestimmte sprachliche Ausdrucksformen   nicht nur radikal in Frage gestellt, sondern schlichtweg nicht akzeptiert und mit Eigenem aufgefüllt. Dies geht, würde ich meinen, viel weiter als „Kritik“ an der Sprache und der Sprachverwendung innerhalb einzelner sprachlicher Soziotope, es ist vielmehr eine poetische Aneignung, die enorme Sprengkraft besitzt.

Und so sind denn auch die letzten Worte nicht dem Fischer, im metaphorischen und nicht-metaphorischen Sinne, sondern der Fischerin gewidmet.

Anna Rottensteiner

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