Rezensionen 2006

Martin Pichler, Störgeräusch.
Innsbruck: Haymon, 2006.

Martin Pichler gehört seit dem Erscheinen seines ersten Romans Lunaspina  2001 zu den interessantesten überregional wahrgenommenen Autoren Südtirols. Er hat sich mit diesem Debüt, später 2005 mit seinem zweiten Roman Nachtreise einen Namen als ‚Südtiroler’ Erzähler in der zeitgenössischen Literatur gemacht. Nun ist sein dritter Roman Störgeräusch erschienen. Die drei Roman haben miteinander zu tun, es ist die Trilogie einer Familienchronik entstanden, eine Familiengeschichte, die vom Leben einer ganz gewöhnlichen Südtiroler Kleinfamilie handelt, keine außergewöhnliche Geschichte, denn: „Die Normalität“ - sagt der Autor – „ist oft tabubrechender als das Außergewöhnliche.“ (Skizze vom Sterben. Interview mit Martin Pichler. In: "Die Furche" Nr. 16/05 vom 21.04.2005)

Spricht man von ‚Südtiroler Literatur’, so ist der Diskurs geradezu infiziert mit Begriffen wie Grenzraum, Mehrsprachigkeit und Interkulturalität. Dieser damit angedeutete oszillierende Klangraum an der Nahtstelle unterschiedlicher Kulturen, Volksgruppen und Sprachen und nicht zuletzt auch klimatischer Gegebenheiten ist in Martin Pichlers Texten wie selbstverständlich in seinem Schreiben anwesend. Das Bewusstsein des Herkunftsraumes ist als Subtext in seinen Texten zu verorten, als atmosphärische Färbung nistet es in den Zwischenräumen des Erzählten. Pichlers Erstling trägt beispielsweise schon im Titel das zweifache Gesicht der Muttersprache: ‚Lunaspina’ ist eine freie Wortschöpfung aus dem Italienischen, heißt wörtlich übersetzt ‚Mondstachel’ und ist eine Metapher, eine kreative Wortschöpfung aus der ‚anderen’ Sprachseite. Damit konnte der Autor nicht besser zeigen, wie selbstverständlich die Zweisprachigkeit in den Nischen des Wörtlichen zuhause ist. Entsprechend lebt die Sprache in Martin Pichlers Romanen auch von Italianismen, die weniger als Zitatinseln zu verstehen, sondern vom natürlichen Nebeneinander und Ineinander der beiden Sprachen und Kulturen hervorgerufen sind.
Der Begriff der ‚Grenze’ hat in Pichlers Geschichten keinen expliziten landesgeschichtlichen Erfahrungsgrund mehr, wie die Literatur der Generation vor ihm, in der die Themen der Südtiroler Landesgeschichte verarbeitet wurden. ‚Grenze’ in Pichlers Geschichten ist vielmehr als Erlebniskategorie ins Innere der Figuren gewandert, sie besteht zwischen den Figuren, besteht innerhalb ihrer Beziehungsgeflechte, besteht - um überschritten zu werden. Erzählen zeichnet sich ja immer schon dadurch aus, durchlässig und mehrdeutig zu sein, das heißt Grenzen zu überschreiten, heißt Ambivalenzen und das Aufeinanderprallen oder Ineinanderwirken des Verschiedenen sichtbar werden zu lassen. Es geht dabei vorrangig um den Verlust scheinbarer Sicherheiten - einen Verlust, der andererseits auch als Befreiung aus lebensweltlichen Umklammerungen vermittelt werden kann, wie sie von den Figuren in Pichlers jüngstem Roman Störgerräusch erfahren werden.

Lunaspina trägt eine Widmung an die Mutter, der Roman ist die Suche nach dem Leben dieser Mutter, in der die Geschichte ihres Sterbens bereits mit hinein verwoben ist. Der Roman beschreibt aber auch die Selbstfindung der Figur des Sohnes, entfaltet die Bewusstheit seiner Homosexualität im Familien- und Freundeskreis . Im Zentrum des Erzählten steht die Figur der Mutter, auf die das Leben der Familie, alles, was sich in der Familie tut, bezogen scheint. Was die Familie zunächst nicht wissen will, ist der nahende Tod der Mutter, der dieses Leben unterspült wie das Hochwasser im Sommer, ist diese tödliche Krankheit, die fortan alles aus dem Gleichgewicht bringen wird. Und die mehr und mehr an die Oberfläche spült, wie sehr der Vater, der Sohn, die Schwester, wie alle Familienmitglieder mit unsichtbaren Fäden sprachlos aneinander gekettet sind. Martin Pichler zieht dabei vor allem das Unausgesprochene, Tabuisierte dieser Beziehungen ins Erzählen hinein: vor allem die Homosexualität des Sohnes, aber auch Körperlichkeit, Alter, Gebrechlichkeit. Lebenslügen sind die Themen, die im Untergrund schwelen und die die Grenze ins Sichtbare und Spürbare immer wieder, manchmal auch eruptiv durchstoßen.
Mit großem Gespür und einer gleichermaßen nüchternen wie klaren Sprache leuchtet der Autor die Befindlichkeiten der Figuren, ihre Emotionen und Gedanken aus. Was dabei auch ans Licht kommt, bleibt das gegenseitig verschwiegene Innenleben der Figuren.
Martin Pichler hat sich mit Josef Winklers Trilogie „Das wilde Kärnten“ intensiv auseinandergesetzt. Als hätte er folgenden Satz auch schon für sein Schreiben formuliert, heißt es in Pichlers Arbeit über Winkler: „Der Sprung aus der Sprachlosigkeit muss immer neu geleistet werden, denn hinter jedem nächsten Satz droht das Verstummen.“ (In: Die Neu-Schrift der eigenen Biographie. Inszenierung und Ritual im Frühwerk von Josef Winkler. Innsbruck, 2000) 
In Lunaspina deuten sich bereits Impulse an, diese Sprachlosigkeit zu durchbrechen. Am Ende von Lunaspina beispielsweise, am Krankenlager der Mutter tritt die Figur des Sohnes aus dem Schatten des Erzählers und wendet sich ‚sprechend’ dem DU dieser Mutter zu. In Störgeräusch wird es zum Thema: die Entwicklung der Fähigkeit, Empfindungen konkret zu benennen und Sprache einsetzen zu können, um Beziehungen herzustellen und zu klären.
„Der Tod hält das Monopol. Wie schreiben in Zeiten des persönlichen Schmerzes? Aus den Antwortversuchen entsteht das Buch Nachtreise.“(Zitat aus der home-page von Martin Pichler)
Der Tod der Mutter wird zum autobiografischen Schreibanlass im zweiten Buch Nachtreise,  es ist für Martin Pichler (aber auch für die Leser der Trilogie) ein „Scharnier“ zwischen dem ersten und dem dritten Roman. Martin Pichler führt darin in zyklischen Umkreisungen so nahe wie möglich an die unfassbare und allzu gern ausgesparte Realität des Sterbens heran, ohne dabei ins Phrasenhafte, Metaphorische, pathetisch Umkreisende zu kippen. Martin Pichler entwirft vielmehr eine „Skizze vom Sterben“, er schildert bzw. mehr noch ‚protokolliert’ in einer Sprache, die so karg als möglich bleibt. Denn ganz bewusst konzipiert der Autor das Buch so, dass durch sein beobachtendes Erzählen dieser langsame nachhaltige Schrecken, den der Tod im normalen Leben bewirkt, spürbar wird – jenseits des Emotionalen und Subjektiven.
Martin Pichlers dritter Roman Störgeräusch schreibt in gewisser Weise die Familiengeschichte weiter. Der Autor lockert im Weitererzählen den Griff der autobiografischen Umklammerung, es entwickelt mögliche Szenarien, denn es geht um jene Fragespur, die der Autor in zwei unterschiedliche Geschichten verfolgt: Wie wieder zum Leben, wie wieder zu sich selbst finden, wenn die Leere des Verlusts langsam in die Vergangenheit zurückweicht und der Hunger nach dem Leben wiederkehrt? In wechselnden Perspektiven und durch parallel geführte Erzählstränge entfalten sich zwei verschiedene Lebensentwürfe, Haltungen, Emotionen, zwischen denen es kaum Berührungspunkte gibt, außer dem gemeinsam erlebten Ausgangspunkt des vergangenen Lebens. Vor allem die beiden Hauptfiguren, der Vater, wie der Sohn finden zum Leben zurück durch das Erproben neuer Erfahrungen und Erweitern der Lebensgrenzen, markiert auch durch den Tod der Mutter. Nicht von der Darstellung der Sprachlosigkeit, sondern vom Überschreib/t/en der Kommunikations- und Beziehungslosigkeit lebt dieser Roman Pichlers: Störgeräusch ist ein Roman über die Liebe, über die verschiedenen Arten zu lieben. Dabei geht es dem Autor in erster Linie um den schwimmenden Boden, auf dem die beiden Hauptfiguren, Vater und Sohn, sich bewegen. „Mich interessieren Bruchlinien, die Widersprüche und Zögerlichkeiten meiner Figuren“ (Interview mit Martin Pichler, in: http://martinpichler.blogspot.com/).
Franz Reider, der Vater, öffnet sich nach und nach einer leidenschaftlichen Beziehung mit der viel jüngeren Maria – ein schwieriges Beginnen. Der Text entwickelt dabei die Phantasie für mögliche Entfaltungen, lichtet Veränderungen ab, zeichnet sich öffnende Freiräume nach, denn es bleibt nichts, wie es war. ‚Vergangenheit’ wirkt als Störgeräusch in die Gegenwart hinein, denn das gelebte Leben ist gespeichert – im Körper, in den Erinnerungen, im Haus, in den Dingen des Alltags: „Hat er wirklich geglaubt, vor sich selbst davonlaufen zu können? Nie ist er abgeschnitten von dem, was war, seine Vergangenheit holt ihn ein, das zähflüssige Element, das ihn ständig umgibt und in dem er seine Schritte macht, auf Maria zu.“ (S. 62) Lea, die Tochter, hingegen bleibt im Vergangenen hängen. In den wachen Nächten führt sie Selbstgespräche mit der Mutter. Dem Vater rettet sie schließlich das Leben, als dieser eine Herzattacke erleidet. Später sitzt Lea neben der Geliebten des Vaters am Krankenlager. So bringt die lebensbedrohliche Situation, das 'Störgeräusch' in Herzen des Vaters, Bewegung in festgefrorene Lebenslasten und alte Konflikte. So entsteht unverhoffte Nähe. Auch zwischen dem Vater und dem Lebensgefährten des Sohnes. Die ehedem noch tabuisierte Homosexualität ist längst die selbstverständliche Erfahrungsoptik des Sohnes gewirden. Dieser aber flüchtet aus dem neuen Gleichschritt des Alltags in eine Affäre, auch er betrügt, verrät und lotet aus. Leidenschaftlichkeit, Sexualität, Eros sind zentrale Motive. "Die Lust ist ein perpetuum mobile" (Zitat aus der Homepage Martin Pichlers). Das Unwegsame reizt, denn die Leere lauert im Hinterhalt, in ihr gründet sich die Sehnsucht nach ‚Begegnung’, nach hörbarer, spürbarer, lesbarer Verbindung, auch die Lust an der Vernetzung. Ein Leitmotiv des Romans, und dadurch ist es „ein Buch über das Hören geworden“ (Martin Pichler im bereits oben zitierten Interview), bildet die Technik der grenzüberschreitenden Kommunikation: Telefon, Handy, Internet. "Verbindung herstellen" wird zur metaphorischen Handlung. Diese beherrscht der Vater zwar nur schlecht, sein unbeholfener Umgang mit den neuen Kommunikationsweisen bewirkt, dass er vor allem Störgeräusche empfängt. Aber gerade Störgeräusche erzwingen genaues Hinhören. Der Schluss bleibt offen, das Denken der Zukunft mündet in einer Frage, die jedes Anfangen motiviert. Aber Franz Reider ist keiner, der scheitert.

Christine Riccabona

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