Rezensionen 2006

Thomas Schafferer, Innsbruck: 365 tage (buch)
TAK – Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative, 2005 


Gedichte übers Jahr

In persönliche Gedichte einzutauchen erfordert zunächst Ruhe. Im Bus zwischen hundert Schulkindern finde ich sie, Sitzplatz vorausgesetzt. Um Liebe geht’s, oder glaubt er’s nur? Da hat einer ein Stück von sich hergegeben, her geschrieben, von seiner Seele gelitten. Und es braucht bisweilen ein paar Jahre, bis dieses Stück seiner selbst zum „lyrischen Ich“ (blödes Wort) geworden ist, dass man es endgültig auslässt, in Buchform freigibt für alle.

Da kann ich kein lyrisches Etwas als Drittperson erkennen, denn der Schreiber hat einen Namen: Thomas Schafferer aus Pfons. Er hält nichts geheim von sich. Er ist verliebt, religiös, und er möchte das Mark des Lebens in sich aufsaugen. Es braucht für mich einige Wochen des Durchbeißens durch die ersten Gedichte. Soll ich mich da überhaupt einmischen in ein fremdes Leben? Doch schließlich habe ich die Ruhe dafür gefunden: wie gesagt, im Bus zwischen den Schulkindern. Und ich tauche so tief in die Texte ein, dass ich nicht einmal mehr höre, wenn mich jemand anspricht. Ich habe mich in den Zeilen selbst gefunden, damals, als ich noch jünger war. Auch bei ihm gibt es Zweifel, ob die große Liebe wirklich eine ist. Alle Gedanken konzentrieren sich darauf. Er liebt Italien so wie ich es liebe, auch er spricht italienisch, nur wird bei ihm durch die Parallelverschiebung der Zeit mein Fabrizio de André, so nehme ich an, durch Lorenzo Giovanotti ersetzt. Er schießt Tore, und es tut gut zu erkennen, dass endlich einmal ein Dichter nicht den Sport hasst, wie es bei den Kulturellen oft „in“ ist.

Die Liebe versiegt im April, und der Kampf um sich selbst beginnt. Stärke zeigen, die schönen Dinge rundherum mit Absicht genießen, wieder zurückfallen in die unsägliche Sehnsucht und Trauer, weil es mit dir so schön war. Hier ist die stärkste Zeit der Gedichte. Man lastet sich Arbeit auf. Der Radiosender verlangt einem fast zu viel Energie ab. Zum ersten und einzigen Mal, irgendwann im August, kommt eine Zeit, in der es Mühe macht, auch das Gedicht für den heutigen Tag noch „zu erledigen“. Nur kurz kommt dieses Gefühl auf, vielleicht liegt’s auch an mir, dem Leser. Vielleicht ist auch meine Energie gerade zu Ende, sodass mir augenblicklich jegliches Lesen schwer fällt. Ich habe auch ein Buch geschrieben mit einem Text für jeden Tag. Ich konnte damals hin und wieder ein paar Tage voraus- oder hinten nachschreiben. Hier aber wird jeder der 365 Tage genau am Schopf gepackt. Manchmal erkennt man den Tag genau, weil ein großes Ereignis, eine Katastrophe etwa, noch in unser aller Gedächtnis steckt.

Entweder schreibt man ein Drehbuch oder ein Tagebuch. Thomas Schafferer hat natürlich ein Tagebuch geschrieben. Vielleicht hat er es aber erst veröffentlicht, als ihm bewusst wurde, dass es auch ein Drehbuch ist. Die Dramaturgie seiner „Liebe“, insbesondere aber jene seiner Arbeit mit diesem Gefühl, macht es dazu. Ich habe mir ein Datum herausgeschrieben, den 20.5., weil mich das Gedicht nicht loslässt. Erst knapp vor dem Ende meines Lesens, schon im Dezember, entdecke ich auf der Rückseite des Buches, dass genau dieses Gedicht als Beispiel herausgegriffen wurde. Gibt es doch so etwas wie Lyrik, die allen am besten gefällt? Das glaube ich ganz einfach nicht. Mir fällt nur noch eines auf: dieses Gedicht wurde am Bahnhof geschrieben, vielleicht in größter Unbequemlichkeit. Oft schreibt Not die tiefsten Gedichte.

Der 5.12. bringt wieder einen Text, der länger in mir arbeitet:

Schon gar nicht mehr was

ich weiß schon gar nicht mehr was müdigkeit
bedeutet, wenn nicht zu schlafen zur
selbstverständlichkeit wird, ich weiß schon gar
nicht mehr was lieben bedeutet, nur stumpfes
sinnloses mich begleitet, ich weiß schon gar
nicht mehr was leben bedeutet, wenn ich tag
für tag in einem haus nur sitze, ich weiß schon
gar nicht mehr was schönheit bedeutet, wenn
man sich nicht darum zu kümmern braucht
ich weiß schon gar nicht mehr was spontaneität
bedeutet, wenn alle dinge nur geplant ihrer
erfüllung harren, ich weiß schon gar nicht mehr
was lachen bedeutet, wenn die trostlosigkeit in
meinen sinnen einkehrt und sich breit macht

Kann schon sein, dass manche Dichter ihre Gedichte stärker verdichten. Aber es kommt immer noch darauf an, welche Gefühle Gedichte bei dem auslösen, der sie liest. Thomas Schafferer steht zu dem, was ihn in diesem Jahr des Schreibens ausmachte. Seht her, das war ich damals, auch wenn ich jetzt vielleicht anders bin, gereifter, mag sein, aber das, was ich damals war, bis in jede Einzelheit, das gehört auch heute noch zu mir, das bin auch ich, höre ich ihn in meiner Vorstellung sagen, obwohl ich ihn gar nicht persönlich kenne. Seine Gedichte geben mir das Gefühl, auch in den geheimen Ängsten und Wünschen, die man normalerweise für sich behält, nicht allein zu sein. Danke, Thomas!

Otto Licha

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