Rezensionen 2006

Joseph Zoderer, Der Himmel über Meran
Erzählungen
München-Wien: Hanser, 2005. 141 Seiten
ISBN 3-446-20667-1


Joseph Zoderers neuer Erzählband, rechtzeitig zu seinem 70. Geburtstag am 25. November 2005 erschienen, enthält eine Reihe von Geschichten, die als Geschichten aus der Geschichte Südtirols gelesen werden könnten. – Blenden wir also einmal kurz zurück: Südtirol vor rund 35 Jahren, um 1970. Der „moralische Pakt“ (Peter von Matt), den die junge Literatur aus Südtirol um diese Zeit ihrem Publikum unterbreitet, impliziert ein entschiedenes Nein zum Normenzusammenhang der alten Literatur wie auch ein entschiedenes Nein zu jenem politischen Diskurs, der jahrzehntelang, vor allem von Landeshauptmann Silvius Magnago und vom Verlagshaus Athesia gefördert, jedes Problem auf „die ethnische Schiene“ (Alexander Langer) gelenkt hat. Sie gehörten also nicht dazu, die jungen Autoren; sei es, dass sie darunter litten, sei es, dass sie endlich sich frei bewegen wollten: sie alle, die 1970 in der Anthologie „Neue Literatur aus Südtirol“ erstmals geschlossen an die Öffentlichkeit traten, waren im literarischen Leben ihres Landes nirgendwo verankert und sie stießen nirgends auf härtere Kritik als im Land selbst. Erst Jahre später erfuhren sie allmählich die ihnen gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung, unter ihnen Norbert C. Kaser (1947-1978) und Gerhard Kofler (1949-2005). Vor allem aber Joseph Zoderer, der Älteste der Gruppe.
Zoderers Texte sind keineswegs nur Geschichten aus der Geschichte Südtirols, es sind Geschichten, die vom Alleinsein, vom Durst nach Zugehörigkeit, von der Suche nach Heimat reden. – Weil in diesen Texten sehr anschaulich erzählt, geradezu akribisch festgehalten wird, was der Erzähler sieht und sehen möchte, empfindet und empfinden möchte, weiß oder auch nicht ganz sicher weiß und doch gern wissen würde, weil diese Texte zudem über weite Strecken (auf den allerersten Blick) wie Passagen aus einer größer angelegten Autobiographie wirken, taucht die Geschichte Südtirols, von der Zeit der Option bis zur Gegenwart, oft und oft als Folie noch auf. Trotzdem, in diesen Texten wird alles andere als bloß subjektiv Erlebtes und Erfahrenes, in diesen Texten wird weit mehr verhandelt.
In diesen Texten ist nämlich aufgezeichnet, was für den Erzähler und für die Menschen in seiner Umgebung einmal die Welt gewesen ist, was ihnen verloren gegangen und was ihnen geblieben ist. In diesen Texten ist, manchmal wehmütig, manchmal nüchtern, nicht selten mit einer Gelassenheit, die ihresgleichen sucht, die Rede vom „Gehen über vertrautes Gelände, das plötzlich verhüllt worden ist ins Unvertraute“. In diesen Texten ist schließlich nichts erfunden, in diesen Texten wird nichts erläutert, es gibt keine Klage und keine Anklage, keine Auflösung zwiespältiger Phänomene, kein Täuschungsmanöver; die Titelgeschichte des Bandes beginnt, symptomatisch lakonisch, mit dem Satz: „Den Himmel über Meran kenne ich nicht.“
Mit Begriffen wie ‚Heim’ und ‚Heimat’ tut sich der Erzähler nicht nur deshalb schwer, weil er die „Heim ins Reich“-Parole noch im Ohr hat; von dieser Parole und ihren Folgen berichtet die Erzählung „Wir gingen“ (die zum ersten Mal 1989 in einem von Reinhold Messner herausgegebenen Sammelband über „Die Option“ und später noch einmal gesondert, in zwei Fassungen, deutsch und italienisch, 2004 in der Edition Raetia erschienen ist). Er tut sich damit auch ziemlich schwer, weil er nach wie vor das „Gekeife der Mussolini-Erben“ auf der einen Seite und das „Dröhnen“ der Südtiroler „Stammtischbrüder“ auf der anderen Seite hört.
Weit wichtiger freilich ist, dass er das Fremdheitsgefühl längst schätzen gelernt hat, dass er es braucht.
Nicht zuletzt deshalb greift Zoderer zentrale Begriffe des politischen Diskurses in Südtirol, wie die Begriffe ‚bleiben’ und ‚gehen’ auf (vgl. dazu vor allem die grundlegende Studie von Brigitte Foppa: Schreiben über Bleiben oder Gehen. Die Option in der Südtiroler Literatur 1945-2000. Trento 2003 sowie den Aufsatz von Georg Grote: Gehen oder Bleiben? – Die Identitätskrise der deutschsprachigen Südtiroler in Optanten- und Dableibergedichten der Optionszeit. In: Modern Austrian Literature Vol. 37, 2004, No.1/2, S.47-69). Er greift diese Schlüsselbegriffe auf, um sie zu drehen und zu wenden und somit aus den gewohnten Fesseln zu lösen:

Da hieß es nicht: Wenn du deutsch bleiben willst, ein Tiroler, mußt du gehen, und wenn du italienisch wählst, kannst du daheim bleiben.
Es hieß nicht: Die Heimat bewahren und deshalb für Italien wählen, auf dessen Staatsgebiet die Heimat nun gerade lag. Es hieß nicht: daheim bleiben in Italien oder die Heimat verraten, sie verlassen, und also fürs deutsche Großreich wählen.
Es hieß nicht, wie es hätte heißen sollen: Die Heimat behalten und deshalb italienisch optieren mit einem weißen Zettel, oder die Heimat verlassen, sie verraten und deutsch optieren mit einem orangenen Zettel.
Nein, es hieß: Deutsch bleiben oder Italiener werden.

Aber Zoderer gibt sich keineswegs damit zufrieden, die über den diversen Strategien der Verschleierung liegende Decke zu lüften. Aus der Erzählung, die wie eine autobiographische Skizze eröffnet wird, erhebt sich vielmehr ein Reflexionsterrain, in dem eine ganze Reihe von Themen aufgeworfen wird. Die Option bzw. die Grenze ist nur eines dieser Themen, das Fremdheitsgefühl ist ein zweites, ein drittes das Problem der Rekonstruktion bzw. Konstruktion in der Historiographie und in der Erzählung. – „Wir gingen“ kann und sollte deshalb nicht nur im Zusammenhang der Südtiroler Literatur gesehen werden, sondern etwa auch im Kontext der Erzählung „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke.
In der schönsten Erzählung dieser neuen Sammlung, in der Erzählung „Die Nähe ihrer Füße“, die nicht in Südtirol, sondern in einer mediterranen Landschaft, in einer „Stadt am Meer“ spielt, steht ein Liebespaar im Mittelpunkt, ein Liebespaar, das dabei ist, wie es scheint, sich für immer zu trennen. Der Erzähler allerdings weigert sich, das Ende der Geschichte zu erzählen. Er bricht die Geschichte stattdessen ab, und zwar just an einem Punkt, an dem sie ganz neu beginnen könnte.

Sie beugte sich zu ihm, nannte einige Male seinen Namen, es war das Trauergebet für alles, er blieb sitzen, während sie auf die Straße hinaustrat. Er sah, wie sie die Fahrbahn überquerte, kaum ein Auto kam in seinen Blick, er schaute durch das Heckfenster, während das Taxi wieder anrollte, der Schal hing mit einem langen Ende von ihrer rechten Schulter, sie hatte einen stolzen, ruhigen Schritt, die Schalschleife fiel ihr bis über die Hüfte, eine Handbreit oberhalb des Knies endete auch ihr Minirock.

So kommt also diese Geschichte zu keinem Abschluss: Der Erzähler sagt nicht, er will nicht sagen... mehr noch, er weiß nicht, er will nicht wissen, wie die Geschichte ausgeht. Oszillation ist ein Signum der Poetizität.
So kommt also diese Geschichte zu keinem Abschluss ­– und doch zu einem guten Ausgang:
Fast so wie die Geschichte, die vor 35 Jahren begonnen hat, mit der bescheidenen Anthologie „Neue Literatur aus Südtirol“: Die höchste Auszeichnung, die das Land Südtirol einem Schriftsteller verleihen kann, der „Walther-von-der-Vogelweide-Preis“, wurde 2005 Joseph Zoderer zuerkannt.

Johann Holzner

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