Rezensionen 2005

Joseph Zoderer, Wir gingen / Ce n’andammo.
Erzählung.
Bozen: Raetia Verlag 2004.


„Ich habe einen Bock geschossen!“ Diesen Satz, dessen Bedeutung er zuerst gar nicht gekannt habe, habe er mit sich durch das Leben getragen, berichtet der Erzähler zu Beginn. Er sei 4 Jahre alt gewesen, als sein Vater diesen Satz aus sich herausbrüllte, und lange Zeit habe er nicht nach seinem Sinn gefragt. Die Worte hätten ihn nicht beschwert, vergessen habe er sie aber nie.
     Eine Südtiroler Familie - Vater, Mutter, drei Kinder, die Frau ist im sechsten Monat schwanger - wird am Bahnhof von Verwandten verabschiedet. Der Bruder trägt Lackschuhe und friert, aber es ist kein Festtag und es geht auch nicht in die Ferien. Eine Familie wird ausgesiedelt. Es ist das Jahr 1939, der Vater hat für Deutschland optiert. Ein schwerer Irrtum, ein „geschossener Bock“, wie er später begreifen wird.
     Mit „Wir gingen“ erzählt Joseph Zoderer keine einfache Familienchronik, sondern von der Suche nach einer Vergangenheit, nach einer Identität. Die Position des Erzählers ist die des zunächst Unwissenden, des sich allmählich Herantastenden, der sich kaum an etwas erinnern kann und, da die Eltern schon tot sind, den älteren Bruder befragt. Die Informationen sind aus zweiter Hand und das vergangene Geschehen wird aus Bruchstücken nur ungefähr zusammengesetzt. Doch die natürliche Distanz, die sich zwischen der Gegenwart des Erwachsenen und den Fakten, Beweggründen und Emotionen von damals ergeben, ermöglichen jene Leichtigkeit und beinahe Heiterkeit, mit der hier ein Stück lastender Geschichte erzählt wird.
     Südtirol gehörte seit 1919 zu Italien, nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Vertrag von St. Germain die Teilung Tirols zur Folge. 20 Jahre später, die Achse Rom – Berlin hatte sich gerade etabliert, soll das Südtirolproblem einer endgültigen Lösung zugeführt werden: Jeder Südtiroler musste entscheiden, ob er Italiener sein (damit würde er in der Heimat bleiben, aber seine Sprache verlieren) oder Deutscher werden wolle (demnach würde er die Heimat verlassen, aber seine Sprache behalten).       
     In seiner knappen Erzählung macht Joseph Zoderer deutlich, dass die „Option“ der unmenschliche Zwang zur freien Entscheidung war. Er arbeitet die Absurdität, ja Unmöglichkeit einer solchen Wahl heraus und nimmt den Wählern dennoch nicht die Verantwortung ab. Heimat, Sprache, Kultur waren neben den faschistischen Praktiken auf beiden politischen Seiten für manche Betroffene nur schwache Kategorien. Sie blieben abstrakt angesichts der Tatsache, dass viele Optanten zu den Besitzlosen zählten und eine Besserung ihre Situation zu erlangen hofften. Freilich vergebens. „Ich habe einen Bock geschossen!“ heißt vermutlich auch: „Es hat uns nicht einmal etwas gebracht!“ Doch die Protagonisten der Erzählung konnten die Auswanderung und Neuansiedlung mit all ihren Folgen niemand anderem als sich selbst zuschreiben. „Wir gingen“ heißt: „Wir haben uns so entschieden“.
     Der Vater des Erzählers, ein Meraner Hilfskurgärtner, Diener eleganter Gäste aus dem In- und Ausland, hat, weil er seine Kinder ernähren muss, eine mussolini-faschistische Uniform zu Hause, optiert aber für Hitler. Er tut es mit dem Bewusstsein, befreit zu werden. Doch er wird von der italienischen Stadtverwaltung sofort entlassen und gehört, da er nun als Arbeitsloser von den Reichsdeutschen lebt, zu den ersten, die tatsächlich ausgesiedelt werden. Er hofft, nicht  nach Polen zu kommen, denn dort hat Hitlers Feldzug begonnen. Die Familie kommt nach Graz, ist erleichtert darüber und wird in der Fremde nicht glücklich.
     Deutsch bleiben oder Italiener werden, das ist für arme Leute letztlich nicht die Entscheidung („eravamo nullatenenti“). Joseph Zoderer schildert diesen Tatbestand mit einem bestechend einfachen und kurz gehaltenen Text und mit der Sprache des Suchenden, dessen, der sich einer Beurteilung enthält. Es gibt in dieser Geschichte kein „Richtig“ und kein „Falsch“, und es ist vor allem die Geschichte beider Volksgruppen, die heute in Südtirol zusammenleben. Das Kapitel Option kann nur als etwas Gemeinsames betrachtet werden, scheint Zoderer sagen zu wollen. Und so erzählt er das „Weggehen“ seiner Familie konsequenterweise in beiden Landessprachen.
     Man kann das kleine Buch, von zwei Seiten beginnend, auf Deutsch und auf Italienisch oder umgekehrt lesen, in der Mitte aber kommt der Text zusammen. Zoderer, der sich literarisch stets im Schnittfeld beider Kulturen bewegt hat, geht hier auf die Wurzeln, auf das Wechselseitige und Verbindende dieser Geschichte zurück. „Ce n’ andammo“ klingt im Italienischen mindestens so wahr wie im Deutschen, die Geschichte ist konkret in Südtirol verankert, hat aber auch universelle Aspekte.
     Mit der Erzählung „Wir gingen“, von der der Verlag richtigerweise sagt, sie gehöre zur Lektüre in alle Südtiroler Schulen, ist dem bekannten Autor eine Miniatur der ganz besonderen Art gelungen: Wiewohl persönlich gehalten, bleibt der Text bei der Geschichte, schweift er nicht ab in Nebenschauplätze oder Fiktionen. Er macht darüber hinaus deutlich, wie sehr wir alle von Geschichte, der Geschichte unseres Landes, unserer Mütter und Väter geprägt sind: „Mein Vater war kompromissbereit, er wurde ein Mitläufer und ich zum Sohn eines Mitläufers.“
     Dem damals Vierjährigen ist jedenfalls eine Eigenschaft erhalten geblieben: Mit der Neugierde eines Kindes befragt er den Bruder und stellt damit eine verschüttete Beziehung wieder her. Er zwingt den Älteren, sich, zumindest ein Stück weit, ebenfalls mit der gemeinsamen Geschichte auseinanderzusetzen. Das für Optanten wie Dableiber schmerzhafte Ende kennen wir aus den Geschichtsbüchern, die vielen kleinen Schritte aber, die zur Entscheidung führten, bleiben im allgemeinen verborgen. Joseph Zoderer hat sich in seinem neuen Text dem Kleinen und Konkreten zugewandt und damit die Geschichte der Option in Südtirol, besser als jedes historische Buch es könnte, begreifbar gemacht.

Erika Wimmer

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