Rezensionen 2005

Elias Schneitter, Frühstück mit Sonnenbrille. Roby und seine Freunde.
Roman.
Innsbruck: Skarabäus 2005.


Elias Schneitter, Zirler Autor kabarettistischer, jedenfalls humorvoll-satirischer Texte, hat jüngst einen kleinen Schelmenroman vorgelegt, der an einem langen und gemütlichen Abend ausgelesen werden kann und der ein inneres Nicken oder Schmunzeln zurücklässt. Jaja, so ist es: Wenn man sich mit Sonnenbrille zum Frühstückstisch setzt, zumal in einem geschlossenen Raum, so hat das gewiss mit einem ‚Kater’ zu tun. Entweder hat das Baby wieder durch geschrieen oder man hat die Nacht durch gezecht. Auch ein blaues Auge könnte der Grund für die Tarnung sein. Oder was sonst? Ausgestattet mit einer gewissen Neugierde macht sich die durch den Titel angezogene Leserin an die Geschichte von „Roby und seinen Freunden“ (man beachte das Augenzwinkern, nämlich die Anspielung ans Kinderbuch)  und wird nicht enttäuscht. Tatsächlich gibt es in dem Roman nicht nur eine durchzechte Nacht und auch nicht nur ein blaues Auge. Tatsächlich wird in dem Text geschluchzt, wenngleich bloß wegen des Films „Doktor Schiwago“. Und auch an anderen Katastrophen fehlt es durchaus nicht, es sind die typischen Katastrophen des ‚kleinen Mannes’. Nur, sie kommen bei Schneitter so unernst, häufig auch torkelnd daher, dass einem gar nicht bang wird dabei.

Roby, die Hauptfigur, lebt - aus bürgerlichem bzw. kleinbürgerlichem Blickwinkel betrachtet - eine randständige Existenz auf dem Dorf: Er geht kaum einer Arbeit nach, wohnt in einer Garage, repariert dann und wann Autos oder Motorräder und widmet sich hauptsächlich den täglichen Trinkgelagen mit seinen Kollegen aus der „Kugellagerbar“ oder mit seiner Freundin Rosy, einer ehemaligen Fernfahrerin. Aus der Sicht des Protagonisten selbst aber stellt sich die Sache etwas anders dar: Er sieht sich auf sympathische Weise als Nabel der Welt, er erfreut sich seines Lebens von der Hand in den Mund, gibt sich unbekümmert und widersteht jeder Reglementierung von außen. Sein einziges Problem ist seine ledige Tochter, für die er nicht Alimente zahlen konnte und kann, da er sonst seinen Lebensstil ändern müsste. Diese Tatsache, anzusiedeln zwischen Unfähigkeit und Unwillen, bringt ihn immer wieder für einige Monate in die „Völserstraße“ (= Adresse des Innsbrucker Gefängnisses). Die Geschichte beginnt damit, dass Roby wieder für ein halbes Jahr einsitzen soll, durch die Intervention eines Freundes aber einen Sommer lang Haftaufschub bekommt. Roby will sich in dieser Zeit aus dem Staub machen, was ihm nicht gelingt, weil er an Geldmangel und Alkohol scheitert. Am Ende bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich vor dem Staat zu beugen. Der Taxilenker aber, ein Student, der ihn in der Völserstraße abliefert, geht noch in derselben Nacht mit Rosy auf Zechtour, was eine Parallelhandlung ergibt.

Das Buch erhebt, so versteht man bald, nicht den Anspruch, ein Werk von ausgeprägter literarischer Qualität abzugeben. Vielmehr entzieht es sich geradezu dem Etikett ‚Werk’, veräppelt derartige Kategorien sogar ganz gehörig. Denn obwohl der Roman hauptsächlich von Säufern, Häfnbrüdern und quasi jenseits der dörflichen Idylle lebenden Individuen bevölkert wird, kommt unversehens doch auch ein Schriftsteller ins Spiel, zumindest ein Möchte-gern-Schriftsteller. Der Mann ist ein zunächst etwas kummervoller und zum Alkohol neigender Schulprofessor, der sich vornimmt, das Leben des von ihm bewunderten Lebenskünstlers Roby aufzuzeichnen, nicht zuletzt um dessen (von Roby tunlichst nie gezeigte) verletzliche Seite literarisch herauszuarbeiten. Man ahnt, dass das Vorhaben unerfüllt bleiben, dass der Professor, der sich in erster Linie nur von seiner gescheiterten Ehe ablenken will, die Geschichte nimmer beenden wird. Tatsächlich gibt es am Ende kein Buch im Buch, Robys Geschichte kann dennoch gelesen werden. Ein reizvoller Kunstgriff des Autors, der den Drang nach literarischer Verarbeitung auf die Schippe nimmt? Ein Kunstgriff, der den Protagonisten vor der beabsichtigten ‚Seelenenthüllung’ des Professors in Schutz nimmt? Oder einfach nur das Spiel mit der Möglichkeit / Unmöglichkeit, eine fremde Wirklichkeit nachzuzeichnen? Letzteres ist wahrscheinlich, denn das Buch beginnt mit einer Zirler Weisheit, die da lautet: „Alles erstunken und erlogen!“

Doch genau dagegen wird mit dieser Geschichte im Grunde angeschrieben, und das macht sie auch so lesbar und unterhaltsam. Sie ist nämlich (trotz der einen oder anderen Übertreibung) treffend, wahrer als so manches nach Wahrheit suchende Buch. Schneitter erzählt geradeheraus, mit einer Sprache, die manchmal etwas zu wünschen übrig lässt und doch eigentlich passt, mit einer Haltung, die naiv erscheint und doch eigentlich nur zeigt, wie sehr der Erzähler seine Figuren mag. Er mag sie in ihrem Schillern zwischen Lebenskunst, Beschränktheit, Selbstzerstörung und Heiterkeit. Er mag sie in ihrer Uneindeutigkeit. Er zollt ihnen Respekt. Die vorrangige Qualität dieses Textes ist, dass der Autor, neben all dem Unernst, seine außerhalb bürgerlicher Normen lebenden Typen ernst nimmt.  Als unbedarfte Leserin greift man sich an den Kopf darüber, dass in einem Text von kaum hundert Seiten derart viel gesoffen und so viel Unsinn geredet werden kann, spürt aber zugleich die unbändige Herzlichkeit des erzählenden Ichs. Die Klischees, die Schneitter bemüht, liegen am Ende alle platt und man freut sich darüber, eine leichte Lektüre nicht ohne jeden Tiefgang und einigen Lachern genossen zu haben.

Erika Wimmer

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