Rezensionen 2005

Roland Kristanell, Ich litt mich in die Freude ein.
Hg.: Markus Vallazza.
Bozen: Edition Raetia, 2002.


Vom Fallobst und Pflückobst eines „Agrar-Philosophen“. Über Roland Kristanell

„Er war Dichter, Maler, Briefeschreiber, Rezensent, Musiker, Pädagoge, Obstbauer, Botaniker und, wenn man so will, ‚Lebenskünstler‘ und, zusammenfassend, ‚Agrarmensch‘, wie er sich selber nannte.“ (S. 10)
So beschreibt Markus Vallazza in dem von ihm herausgegebenen bibliophilen Bändchen Ich litt mich in die Freude ein den 2000 verstorbenen Südtiroler Künstler Roland Kristanell. Das Buch ist ein kleines künstlerisches Meisterwerk in sich, ein vielgestaltiges, aber dezentes Potpourri von Kostproben aus dem Schaffen Kristanells, von Briefen zwischen ihm und Markus Vallazza (außerdem Michael Höllrigl und Peter Fellin), von sehr persönlichen Darstellungen des Künstlers und Menschen von Freunden und Personen aus dem kulturellen Leben Südtirols und nicht weniger persönlichen Fotos und Bildern (sowohl von Kristanell als auch von Markus Vallazza). Und so ist das Buch auch zu lesen – als eine sehr persönliche Annäherung an das Schaffen Roland Kristanells.
Der im gesamttiroler Literaturbetrieb wenig bekannte Kristanell, geb. 1942 in Naturns, ist über die Grenzen Südtirols hinaus noch – beziehungsweise wieder – zu entdecken. Dass das Entdecken stark von der Hand des Herausgebers gelenkt ist, ergibt sich aus der Konzeption des Buches, das eine gefühlvolle und behutsame Annäherung des Freundes Markus Valazza an Roland Kristanell darstellt. Kristanell verfasste Gedichte, kurze Prosatexte, scharfzüngige kulturkritische Essays, Musik-, Theater- und Literaturrezensionen und – darauf liegt auch der Schwerpunkt des Buchs – Briefe. Zwar hat Vallazza durchaus Recht, wenn er sagt, in den Briefen komme Kristanells „Wesen“ mehr als in seinen schriftstellerischen Arbeiten zum Ausdruck, auch – muss man ergänzen – kommt in den Briefen die Vielseitigkeit Kristanells, sein Kunstverständnis und Weltbild, der belesene und intellektuelle, scharfzüngige Aufbegehrer wahrscheinlich mehr zur Geltung. Trotzdem wäre es schön, könnte man in dem Band mehr von Kristanells literarischen Arbeiten lesen. Vor allem seine Kurzgeschichten scheinen mir (vielleicht mehr noch als die Gedichte) Zeugnis eines Schreibens zu sein, das einem breiteren Leserkreis erschlossen werden sollte. Mit Rosenkranz für die Metzgerin ist eine dieser Kurzgeschichten abgedruckt, in denen er in knappen aber treffenden Worten Situationen und Personen markant und überzeugend porträtiert, weitere solcher Beispiele findet man unter anderem in dem 1975 erschienenen Band portraits. Da ein Quellennachweis fehlt, ist leider nicht nachzuvollziehen, ob auch bisher unveröffentlichte Texte abgedruckt wurden oder ob Markus Vallazza bei der Zusammenstellung des Buches Einsicht in den – wahrscheinlich vorhandenen – Nachlass Kristanells genommen hat.
Neben den Briefen sind es vor allem die Rezensionen, in denen man viel über den Menschen und Künstler Kristanell erfährt. Genauso geht es einem mit den Porträts, die Kulturschaffende und Freunde von Kristanell gestalten. Hans Wielander, Norbert Florineth, Erich Kofler, Paul Preims und allen voran Markus Vallazza vermitteln ihr Bild von Roland Kristanell, erzählen damit neben ihrer Beziehung zu ihm aber auch einen Teil ihrer eigenen Geschichte. Durch diese Art der Annäherung wird Kristanell unaufdringlich und trotzdem bestimmt in den Kontext und das Umfeld eingebettet, in dem er gestanden und eine durchaus zentrale Rolle gespielt hat. Als Mitbegründer der Südtiroler Kulturzeitschrift Arunda (mit Hans Wielander, Kurt Pircher, Michael Höllrigl, Markus Vallazza, Paul Preims u.a.) 1976, als Förderer junger und unbekannter Talente (z.B. des Grödner Malers und Dichters Franz Noflaner), als Vertreter in der 1970 erschienenen Anthologie neue literatur aus südtirol, die einen Neubeginn für die Literatur in Südtirol markierte, und als „Agrar-Philosoph“ war er einer derjenigen, die in der vermeintlichen Enge der 1960er und 1970er Jahre den Samen zu einer kulturellen Neuorientierung in Südtirol pflanzten, und er wurde nicht müde, diesen kulturellen Boden bis zu seinem Tode zu beackern. Markus Vallazza ist es zu verdanken, dass die Früchte dieses – aus Nordtiroler Sicht – unbemerkt im Stillen vorangegangenen Schaffens nun in einem ästhetisch entworfenen Buch gesammelt worden sind.

Sandra Unterweger

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