Rezensionen 2005

Günther Loewit, Kosinsky und die Unsterblichkeit.
Eine Recherche. Roman.
Innsbruck: Skarabaeus, 2004


 
Wie groß ist der Freiraum, das eigene Leben zu gestalten und wie stark die Prägung durch Kindheit und Umgebung? Nach der Lektüre dieses Romans ist man geneigt, dem Autor zuzustimmen, dass dieser Freiraum „verschwindend gering“ ist.
Lediglich der Urgroßvater der Familie Kosinky scheint etwas mehr Freiraum genossen zu haben. Denn immerhin kommt er von Prag als Professor an die Innsbrucker Universität und tritt vom Judentum zum Christentum über. Sein Sohn, der Anwalt Alfred Kosinsky, wird durch die Annexion Österreichs und die Nürnberger Rassengesetze aber wieder zum Juden erklärt und verfolgt. Verhöre, Lager Reichenau, ein Fluchtversuch nach Äthiopien, Unterschlupf in der Psychiatrie, Flucht aus Theresienstadt und Versteck in einer Scheune bis Kriegsende bestimmen fortan sein Leben. Er stirbt kurz nach Kriegsende an einer Blutvergiftung. Alfred Kosinkys 1934 geborener Sohn – er hat im Roman keinen eigenen Namen – ist natürlich geprägt von dieser Verfolgungsgeschichte. Obwohl er nach dem Krieg ein Internat in der Schweiz besuchen kann und schließlich Universitätsprofessor an am Institut seines Großvaters wird, wird er diese Geschichte nicht los. Als Jude wird er von der Familie seiner Frau, einer eingesessenen Lehrerfamilie, abgelehnt. Später unternimmt er mit seinen Kindern ausgedehnte und beschwerliche Ausflüge in jene Wälder, in denen sich sein Vater verstecken musste.
Sohn Julius muss sich noch 1975 von seinem Lateinlehrer im Gymnasium sagen lassen: „Solche wie du wären früher nicht hier gesessen“. Später wird er Anwalt wie sein Großvater und nach dem Fall des eisernen Vorhanges übersiedelt er nach Prag. „Die Berge Tirols hatte er als Umklammerung empfunden und setzte sie mit der Strenge und Unnahbarkeit des Vaters gleich.“
Erzählt wird der Roman in Kapiteln, die schlicht mit Jahreszahlen überschrieben sind. Und zwar erfährt man die Lebensgeschichten der Familienmitglieder nicht chronologisch sondern parallel, indem zwischen frühen und späteren Jahreszahlen hin- und hergewechselt wird. Der Roman beginnt 1934 und endet mit der Jahreszahl 2000.
Mit der Geschichte der Familie Kosinsky ist ein erschütterndes Zeitbild des vergangenen Jahrhunderts gezeichnet. Generationen sind traumatisiert durch die Verfolgung durch den Nationalsozialismus: es ist eine Geschichte von verlorener Heimat, verlorenem Vertrauen – auch im Umgang mit den nächsten Angehörigen – und verdrängten Gefühlen, die bis in die letzte Generation nachwirkt.

Günther Loewit wurde 1958 in Innsbruck geboren und lebt als Arzt in Niederösterreich.

Anton Unterkircher

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