Rezensionen 2005

Barbara Hundegger, kein schluss bleibt auf der andern.
nutte nonne lesbe – drei mal raten zählen bis drei.
Innsbruck: Skarabaeus, 2004, 118 Seiten; Є 14.
Sonderedition mit Audio-CD: fem.art.chor & barbara hundegger, Є 24.


     „kein schluss bleibt auf der andern“ ist der erste Theatertext der Tiroler Dichterin Barbara Hundegger, die vor allem durch ihre Lyrikbände „und in den schwestern schlafen vergessene dinge“ (1998) und „desto leichter die mädchen und alles andre als das“ (2002) auffiel und (nach einer Reihe anderer Auszeichnungen) 2003 den Christine-Lavant-Preis erhielt. Das Stück war eine Auftragsarbeit für die Frauentheaterprojektgruppe coop.fem.art, deren Leiterin Margit Drexel auch Produktion und Regie der Uraufführung im Mai 2003 im ORF-Kulturhaus Innsbruck übernahm.
     Der „theatertext für drei frauen, beste freundin und frauenchor“ ist inhaltlich und formal unkonventionell. Den gedanklichen Anstoß dazu gab die bis vor kurzem reale räumliche Nähe des Karmeliterinnenklosters, des Bordells und des FrauenLesbenZentrums im Innsbrucker Stadtteil Wilten. Im Zentrum der „Handlung“ stehen drei Frauen, deren Lebensentwürfe von der heterosexuellen „Norm“ abweichen: eine Nutte, eine Nonne und eine Lesbe. Ungeachtet dieser Personenkonstellation, die man eher in einem naturalistischen Drama mit Beichten und emotionsgeladenen Konfrontationen erwarten würde, ist das Ziel der Autorin das „evozieren von stimmungen, die die reflexionsräume nicht verengen, sondern öffnen für ungewohnte annäherungen jenseits der diskreditierenden und reißerischen töne, welche gängig sind in der darstellung“ (S. 2) solcher Frauen. Das Ergebnis ist ein Stück in der Art von Dylan Thomas’ „Spiel für Stimmen“ Under Milk Wood (1953) und löste bei manchen Aufführungs-BesucherInnen mit strikten Vorstellungen davon, was gattungsadäquat sei, Verwunderung aus. Insofern ist es dem Skarabaeus-Verlag hoch anzurechnen, dass er diesen schönen Text auf den Markt brachte.
     Hundeggers Text ist streng gegliedert in Prolog, Epilog und neun szenische Sequenzen. Prolog und Epilog werden vom Chor gesprochen. Die szenischen Sequenzen bestehen aus Monolog- und Dialog-Abschnitten und weiteren Chorpassagen. Diese stehen in einem inhaltlichen Zusammenhang mit der jeweils nachfolgenden „Szene“, sind in reimlosen Versen – klein geschrieben und ohne Interpunktion – abgefasst und bestehen aus aneinandergereihten Aufzählungen, Wortgruppen, Gedankensplittern, seltener ganzen Sätzen, Bruchstücken von Redewendungen, die (ähnlich wie bei Jelinek) häufig so geklittert bzw. montiert werden, dass eine zweite Bedeutung in den Vordergrund tritt:

„[...] und dann hure und schlampe und
dirne und luder und jahr und tag ans bett
gefesselt sein gewerbliche zwecke unterm
strich straßenlagen damenträume schimmelrand“ (S. 19)

     Auffallend bei einer Autorin, die als Lyrikerin eingestuft wird, ist die Absenz jeglicher Sentimentalität und ein ausgeprägter Sinn für Komik:

„[...] handentspannung massage ihr haar
fällt ihr kurs steigt kaviar safer
sex mein parkzettel läuft
ab kreditkarten keine“ (S. 48)

     Die handelnden Personen – wenn man das bei einem Stück ohne Plot sagen kann – sind nicht als Typen oder Charaktere konzipiert. Sie tragen uniforme Kleidung; erst bei ihren „Abtritten“ erscheinen sie „in hochgradig den jeweiligen klischees entsprechendem outfit“ (S. 107). Sie sind gleichermaßen intellektuell, diszipliniert, „gesellig“ (S. 21, 30, 39), haben vage anarchistische Tendenzen, neigen zu milder Provokation und kommunizieren in der gleichen Umgangssprache. Gloria, die Hure, verabscheut Alkohol und wählt ihren Beruf ganz bewusst, nachdem sie sich gründlich eingelesen und informiert hat (S. 20). Gestützt wird die Annahme, dass es solche respektablen Dirnen tatsächlich gibt, durch das vorangehende Chorlied, das das ganze mögliche Betätigungsfeld zwischen Straßenstrich und einem Platz an der Seite des Perikles evoziert. Die Autorin übersetzt die Perzeptionsraster ihrer Protagonistinnen in jene ihres Publikums und erzeugt planmäßig den Eindruck, von der heterosexuellen „Norm“ abweichende Modelle, Liebe und Sexualität zu leben, hätte – abgesehen von den realen Diskriminierungen – nicht so viel schwerer wiegende Bedeutung als die Vorliebe für Schnitzel mit Mayo-Salat.
     Hundeggers Frauen sind allwissende Erzählerinnen. Sie berichten oder analysieren Sachverhalte, die der jeweiligen Gesprächspartnerin bekannt sind und die eigentlich dem Publikum mitgeteilt werden. Andere Sprachfunktionen, von denen das herkömmliche Drama lebt, sind allenfalls in den „Freizeit“-Szenen auszumachen. Der Aspekt der versteckten Selbstoffenbarung ist fast ohne Bedeutung; Bemühungen, die Beziehung abzustecken (bzw. Statusverhandlungen) und der Appellcharakter (bzw. der manipulative Aspekt) der Botschaft spielen kaum eine Rolle. Das macht der Schauspielerin, die sich in der Rolle selbst darstellen will, und jenem Teil des Publikums, der emotionsgeladenes Theater – Erkenntnis durch kathartisches Miterleben – erwartet, Schwierigkeiten. „kein schluss bleibt auf der andern“ ist zwar sprachzentriert, strebt aber keine Mimesis an. Das heißt, es ist kein aristotelisches Theater. Es ähnelt darin Jelineks Theatertext-Blöcken, die einer Regietheater-Inszenierung bedürfen, wenn ein großes, sozial und bildungsmäßig durchmischtes Publikum angesprochen werden soll.
     Barbara Hundeggers sprachliche Virtuosität zu loben, erübrigt sich mittlerweile.
     Insgesamt ein Buch, das sich nicht nur zur Nachlese eines aus der Reihe fallenden Theaterabends empfiehlt.

Sylvia Tschörner

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