Rezensionen 2005 

Martin Pichler, Nachtreise
Innsbruck: Haymon, 2005

     Schon in Pichlers Erstlingsroman Lunaspina waren autobiographische Bezüge klar erkenntlich, blieben jedoch stets dem literarischen Konstrukt untergeordnet. Der nun erschienene autobiographische Text Nachtreise, dessen zentrales Thema der Krebstod der Mutter des Autors ist, beginnt da, wo der Roman aufgehört hat, die autobiographischen Schatten aus Lunaspina treten gleichsam hinter den Romanfiguren hervor und werden beim Namen genannt – und doch ist der Text mehr als ein bloßes Nacherzählen der eigenen Vergangenheit. Er ist immer wieder an den Roman zurückgebunden, sei es durch Themen, durch einzelne Wörter oder durch ganze Formulierungen. An dieser Stelle sei auch die Umschlaggestaltung von Benno Peter erwähnt: kein Bild könnte die Essenz des Buches besser zum Ausdruck bringen als die zu einem Zopf geflochtenen Stränge frischen und getrockneten Grases.
     „Pass auf, was du sagst, unser Sohn schreibt alles mit“, die Warnung des Vaters bezieht sich noch auf die Entstehung des Romans (S.10), dann, ohne Überleitung, ist die Rede von der Todesanzeige: Das Erlebte wird konstruiert durch die Art des Erzählens, durch Vor- und Rückblenden, durch ein Ineinanderverschlingen und Aus-Sich-Hervorschreiben. Die spiralähnliche, sich auf immer andere Art der Beschreibung des Todes nähernde Textstruktur endet jedoch nicht im Mittelpunkt, mit dem Abschiednehmen von der Mutter, das, immer wieder angesprochen, endgültig wird durch die Nennung des Todeszeitpunktes, sondern wird weitergeführt, hinein in das neue Leben der Familie.
     Der Tod ist kein plötzlicher. Wie schon der Titel andeutet, gleitet die Mutter hinab in „immer tiefere Schichten des Schlafs“ (S.110). Das ermöglicht einerseits ein bewusstes Abschiednehmen, doch andererseits entsteht eine zum Teil schmerzhafte Kluft zwischen dem (Weiter)leben der Angehörigen und dem langsamen Sterben der Krebskranken. „Ich zog es vor, diesen Text nicht zu lesen“, so endet das dem Text vorangestellte Zitat aus Saul Bellows Herzog. Der Tod – ein unbequemes Thema, vor allem, wenn versucht wird, ehrlich darüber zu schreiben. Ohne Beschönigung, aber auch ohne Sensationslust. Und ohne Bitterkeit, denn die Krankheit hat paradoxerweise auch etwas Gutes: „Es hat den Krebs gebraucht, dass sie wieder zu Leben zieht“, spricht der Vater (S. 136). Und wie schon in Lunaspina ist immer wieder von einem zweiten Leben die Rede, einem Leben nach der jahrelangen Abkapselung von der Außenwelt, einem Leben, in dem Trainingsanzüge und bunte T-Shirts den „Wolljanker, das Kopftuch, den Faltenrock“ (S.38)  ablösen, einem Leben, in dem wieder Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen werden.
     Das Vermächtnis gilt in erster Linie der Mutter, doch auch die bereits im Roman aufgegriffene Thematik der Homosexualität bleibt nicht ausgespart, wenngleich sie in ihrer Bedeutung hinter der Problematik des Sterbens zurücktritt. Homosexualität bedeutet nicht nur Sexualität, sondern auch Beziehung, in diesem Sinn ist die ganze Familie betroffen, auch in der Zeit der Krankheit und des Todes. Betont wird, dass die Mutter den italienischen Freund des Autors, Mirco, offenherzig aufgenommen hat, dass sie von Anfang an in seiner Mutter, Frau Sira, eine Freundin gefunden hat, und dass Mirco als Teil der Familie am Sterbebett der Mutter wacht. Seine Position innerhalb der Familie wird ganz selbstverständlich gleichgesetzt mit derjenigen, die die Freundin des Bruders einnimmt. Erotisches hingegen bleibt in diesem Text nur hier und da angedeutet – und doch kann es nicht ganz ausgeklammert werden. Die seelische Belastung durch das Miterleben der unaufhaltsamen Krankheit verstärkt die „Gier nach anderen Bildern. Die Lust ist da, brennend“ (117). Vielleicht eines der größten Tabus, das der Autor hier anspricht.
     Die Frage nach dem Jenseits stellt der Theologe Pichler nicht, was ein wenig überrascht. Religiöse Zeichen reduziert er auf das Notwendigste: Er weigert sich beispielsweise, seine tote Mutter mit Weihwasser zu besprengen und verabschiedet sich lediglich mit einem Kreuzzeichen (S. 83). Bezüge zur Religion werden aber trotzdem immer wieder hergestellt. Zum einen ergeben sie sich ganz natürlich dadurch, dass die Privatklinik von Klosterschwestern betreut wird, zum anderen wird erwähnt, dass die Mutter zuletzt einen Kirchensender hört und das „Katholische Sonntagsblatt“ liest. Im Angesicht des Todes „kehrt das Beten zurück“ (S. 93), es scheint, als würde nur der innere Glaube Trost spenden, religiöse Riten hingegen verstören.
     Pichler benennt Dinge und Vorgänge ohne Scheu davor, (sprachliche) Tabus zu brechen: Ausscheidungen, Wundsekret, Ausschläge und psychische Ausnahmezustände haben in diesen Text Eingang gefunden. Auch hier gilt: Niemals ist eine Lust am Ekel oder ein Zur-Schau-Stellen menschlicher Abgründe zu spüren – die Dinge müssen vielmehr benannt und beschrieben werden, weil sie ein wesentlicher Teil der Geschichte und der Grund dieses Todes sind. Damit stößt der Autor beim eigenen Vater auf Unverständnis, das wird schon auf den ersten Seiten, als der Vater den Roman kritisiert, klar; die Mutter jedoch gibt ihre Geschichte ,frei’ für die Öffentlichkeit: „Nach der zweiten Seite lacht mein Vater nicht mehr: Es geht um den Urin meiner Mutter, das Blut, die Wunde. So genau müssen die Leute das nicht wissen, ruft er entrüstet aus [...]. Meine Mutter winkt ab: Aber es war doch so, genau so und nicht anders“ (S.9). Dem verborgenen Leben der Mutter muss im Gegensatz zu den sichtbaren Anzeichen der Erkrankung erst nachgespürt werden. Beobachtungen sind keine vorhanden, nur Indizien und Gespräche, die erst zu einem Bild zusammengesetzt werden müssen. Pichler vermeidet allzu Spekulatives, indem er sich auf die Außensicht konzentriert und nicht versucht, in fremden Gedanken zu lesen. Ohne Verwendung ausweichender Metaphern gelingt es ihm, den Vorgang des Sterbens zu beschreiben. Was der Verlust der Mutter für die einzelnen Familienmitglieder bedeutet, kreist er durch Beobachtung ein.
     Beobachten lässt er aber auch sich selbst, er nimmt sich nicht aus von der Öffentlichmachung des Erlebten. Zum einen werden die Umstände des Schreibprozesses geklärt, die  autobiographischen Bezüge in Lunaspina aufgedeckt und die Beobachterrolle in der Familie festgelegt. Zum anderen wird die Wortfindung an sich thematisiert, wenn beispielsweise über die Verwendung von Kriegsvokabular für den Todeskampf der Mutter reflektiert wird (S. 46). Bei alldem wird dem Leser stets vor Augen gehalten, dass autobiographisches Schreiben nicht nur den Autor betrifft, sondern sein ganzes Umfeld: „Ich will die richtigen Namen nennen, keine Ausflüchte mehr. Die Erinnerung lässt kein Dichten und Erfinden mehr zu“ (S. 138), so begründet Pichler seine Offenheit.
     Nachtreise ist ein Buch über das (langsame) Sterben, über das Umfeld der Sterbenden und gleichzeitig eine Familiengeschichte, die versucht, allen Perspektiven gerecht zu werden. „Wird es nicht Wort, wird es nicht Fleisch“ (S. 13), das war der Grundsatz, der bis zum Tod der Mutter gegolten hat, nun darf nicht mehr geschwiegen werden, erst recht nicht, wenn die Spuren, die an sie erinnern, allmählich verwischen: „Als ich zum Muttertag einen Strauß Blumen auf ihr Grab lege, zeichnet ein kleiner Krater das Rechteck nach, wo meine Mutter begraben liegt. Durch die vielen Regenfälle hat der Boden nachgegeben. Mit der Fußspitze lösche ich die Umrisse aus“ (S. 169f.). Schade nur, dass der Text nicht hier endet .

Carolina Schutti

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