Rezensionen 2005

Markus Köhle, Brahmskoller.
Wien: edition ch 2005, 103 Seiten. 


Innerhalb kürzester Zeit legt Markus Köhle, in der Tiroler Literaturlandschaft schon lange kein Unbekannter mehr, eine neue Publikation vor. In Brahmskoller, einem kleinen, optisch schlicht gehaltenen Büchlein, bleibt der vielseitige ,Szeneautor' seiner Linie treu. Abgesehen von der stilistischen Konstanz finden sich Analogien zum 2004 erschienenen Band Couscous à la Beuschl: So, wie in letztgenanntem nie von Couscous die Rede ist und es sich bei "Beuschl" um den Familiennamen des Protagonisten handelt, werden hier jene enttäuscht sein, die den Titel wörtlich nehmen und eine kritische Auseinandersetzung mit romantischen Komponisten erwarten. Vielmehr "verschmelzen" (im wahrsten Sinn des Wortes, wenngleich der Liebesakt hier nur selten so vornehm umschrieben wird) der Kellner Jakob Brahms und die durstige, "marktforschungsinstitutende" (S. 8) Barbarella Koller nach anfänglichem Zögern miteinander: "Und unsere Liebenden Koller und Brahms? Die sind längst eingestrudelt, verschmelzen gerade und werden für immer zu Brahmskoller" (S. 99).
Neben der Titelfindung behält der Autor auch das Strukturprinzip des ,Hineinschneidens' anderer Textebenen bei. Der Titelzusatz lautet "mit Textvorhängen" - dementsprechend ist die von einem "Prolog bzw. Vorspann" und einem "Epilog bzw. Abspann" umrahmte Geschichte von experimentellen, verspielten, improvisierenden, in den meisten Fällen auf akustische Umsetzung angewiesenen lyrischen Einschüben ("Vorhängen") unterbrochen, die mit der eigentlichen Handlung so wenig zu tun haben wie Werbeeinblendungen mit einem Spielfilm (vgl. dazu die filmischen Anleihen, die Köhle immer wieder nimmt und auch thematisiert).
Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt. Der Kellner Brahms wird in seinem Lokal auf Barbarella Koller aufmerksam, er überlegt sich verschiedene Strategien der Kontaktaufnahme, sie bestellt einen mit Leitungswasser gespritzten Orangensaft und einen Toast "wie ihn der Herr da drüben gerade eben hatte" (S. 78), ist von Brahms angetan, nach gedanklichen Ab- und Ausschweifungen sowohl von Koller als auch von Brahms wird aus den beiden ein Paar. Viel mehr hat die Handlung nicht zu bieten, der zur "Ursuppe" gewordene Plot "gibt den Löffel ab" (S. 93), wie Köhle selber schreibt, zu bald "erhängen sich die Erzählstränge am Satzgerüst" (S. 93). Um Inhalt und konsequentes Erzählen geht es hier auch nicht, der Autor versucht vielmehr, der Sprache neue Bilder und Bedeutungen zu entlocken. Dies gelingt ihm über weite Strecken, doch einiges wirkt allzu unbedacht, hält weder einer literarischen noch einer sprachlichen Wertung stand (vor allem ein Verzicht auf Interjektionen wie "Au ja, fein", "Yes Jo" und ähnliche hätte dem Werk mehr genützt als geschadet).
Will man dieses Büchlein genießen, sollte man sich weder an expliziter Sexualität stoßen noch über einen empfindlichen Magen verfügen. Neben der Provokation durch das Ignorieren verschiedenster Tabus spielt Köhle mit der Erwartungshaltung des Lesers (die natürlich nicht erfüllt wird), thematisiert aber auch auf witzige Weise das Verhältnis zwischen dem Erzähler und seinen Figuren: "Lass uns lektorieren", lässt er einen gewissen Sandmann zu Holger Beuschel (der aus oben genanntem Vorgängerbuch in diesen Text "angeschwemmt" wurde) sagen, "das wird den schwachbrüstigen Erzähler einschüchtern und auf Kurs bringen" (S. 54f.).
Anspielungen auf Philosophie, Literatur und Musik sind zahlreich, bleiben aber im Wesentlichen auf die Nennung von Namen wie Feuerbach, Rousseau, "Schmidtchen Arno", Goethe, Tolstoi (hier mit dem Vornamen "Erkan", er bereitet sich auf die Führerscheinprüfung vor), H.C. Artmann, Frank Sinatra, Grönemeyer u.a. beschränkt. Nur Raoul Schrott ist ein ganzes Gedicht gewidmet, welches allerdings wenig schmeichelhaft ist.
Köhles frei-assoziative Schreibweise lässt einerseits originelle Gedankengänge zu, andererseits bewegt sich der Autor manchmal auf dünnem Eis. So zum Beispiel, wenn er den sexuellen Missbrauch Minderjähriger als (ausschließlich?) ländliches (Inzest)problem darstellt und Barbarella Koller das folgende Fazit in den Mund legt: "Jaja, so ist es halt am Land, es wird zusammengehalten, zusammengeschlagen, zusammen gevögelt. Das muss man aushalten. Wem der Landaufstrich nicht schmeckt, der muss raus, weg, in die Knie oder Kirche gehen" (S. 48). Das blasphemische Gebet (S. 87) wiederum kommt kaum über bloße Provokation hinaus.
Im Großen und Ganzen sind unter dem Maßstab der literarischen Qualität die "Textvorhänge" als gelungener zu werten als die eigentliche Erzählung. Rhythmische Improvisationen über das Alphabet und die Vokalfolge, zwei "ABC-Walzer", das "Wiegenlied" und vor allem die "Zeitgeschichte-Litanei", die die 100 Wörter des 20. Jahrhunderts aufs Korn nimmt, sind an dieser Stelle hervorzuheben. Wenn auch die Form der Gedichte und die Art der Sprachspielerei nicht neuartig sind, so beweist Köhle in den kurzen Texten geschickten Umgang mit den Variationsmöglichkeiten der Sprache. Darüber hinaus legt er großen Wert auf die ,Performance' von Lyrik, was sich unter anderem in Anweisungen für den Vortrag der vielfach an musikalischen Formen orientierten Gedichte niederschlägt (ganz generell empfiehlt es sich, die Texte Köhles laut zu lesen). Interessant sind auch die Reflexionen des Autors über Sprache und Dichtkunst. "Was ist Poesie?", fragt er sich und beantwortet die Frage umgehend: "Poesie ist Sprache, die sich zu sich selbst verhält" (S. 93). Unter diesem Gesichtspunkt ist die Handlungslosigkeit der Erzählung gerechtfertigt: Alles, was gleichsam ,zwischen' den Wörtern steht, wird als (bedeutungslose) Illusion enttarnt, Köhle "führt rhetorische und andere Figuren vor und lässt sie alle im Dienste der Sprache abtreten" (S. 58f.). Der Sinn eines Textes erschließt sich üblicherweise aus einer logischen Abfolge der Wörter - doch was, wenn einen die Wörter in die Irre führen? Wer sich auf den Brahmskoller einlässt, wird garantiert eines erleben: lustvolle Verstrickungen im Labyrinth der Sprache. 

Carolina Schutti

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