Rezensionen 2005

Anita Pichler, "Haga Zussa – Die Zaunreiterin".
Erzählung. Mit einem Nachwort von Sabine Gruber und Renate Mumelter.
Wien, Bozen: Folio, 2004.


Wink mit dem Zaun

Wer seinen literarischen Erstling Mitte der 80er Jahre Die Zaunreiterin titelt, darf sich nicht wundern. Der „Neuen Frauenbewegung“ dieser Tage gelten Zaunreiterinnen, Heckensitzerinnen, also Hexen, als Symbole für Unterdrückung und Widerstand von Frauen. hagazussa, so das germanische Etymon der Hexe, hat den einen Fuß in der rational-logischen (männlichen), den andern in der emotional-intuitiven (weiblichen) Welt. Und wenn jetzt, Jahre nach dem Ersterscheinen, noch irgendjemand mit den solcherart unterschiedlich disponierten Hirnhälften daherkommt, ist das Maß auch schon voll. Man würde diesen wieder aufgelegten vermeintlichen Frauenliteratur-Erstling resigniert weiterschenken. hagazussa bereitete nur noch Unbehagen. Überhaupt: Frauenliteratur. Helga Schütz (In Annas Namen), Monika Maron (Die Überläuferin), Undine Gruenter (Ein Bild der Unruhe), Lilian Faschinger (Die neue Scheherazade) – Literatur von Frauen aus 1986 –, klingt alles anders. Marianne Fritz (Dessen Sprache du nicht verstehst), Angela Krauss (Das Vergnügen), Friederike Mayröcker (mein Herz mein Zimmer mein Name), Erica Pedretti (Valerie oder Das unerzogene Auge) – Literatur der 80er Jahre von Kolleginnen im Suhrkamp Verlag (was vielleicht noch einmal etwas anderes ist) –, hilft auch nicht weiter; vielleicht am ehesten noch Gerlind Reinshagen (Isas Geschichte). Jedenfalls: Der Suhrkamp Verlag hat sich damals, im Nachhinein besehen, ein bisschen angepatzt, weil er Die Zaunreiterin als Erzählung auf den Markt geschickt hat, in der „‘Weibliches‘ zur Sprache kommt“ (Zitat Klappentext), vorne auf dem Cover ein Undine-Bildchen. Ein bisschen spekualtiv also. Das Buch erreichte 1986 zwei Auflagen und 1990 eine Taschenbuch-Ausgabe, was, ebenfalls im Nachhinein besehen, beachtlich ist.
Anita Pichler, die Verfasserin des Textes, geboren am 28. 1. 1948 in Meran, gestorben am 6. 4. 1997 in Bozen, wuchs zweisprachig in Südtirol und Triest auf, studierte Slawistik in Venedig und promovierte mit einer Arbeit über den russischen Avantgardisten Welimir Chlebnikow. Translingual ist das eine (Südtirol), transrational der andere (Chlebnikow); transliterarisch das dritte, nämlich die Erzählung Die Zaunreiterin, welche nun unter dem von Anita Pichler ursprünglich vorgesehenen Titel Haga Zussa als erster Band einer geplanten Gesamtausgabe der Autorin im Folio Verlag neu erschienen ist, und zwar, um es hinzuzufügen, in der Reihe Transfer, in der unter anderem lange vergriffene Werke wie Das Geheimnis des Anonimo Triestino oder Claus Gatterers Schöne Welt, böse Leut. Kindheit in Südtirol wieder aufgelegt wurden. Die Zaunreiterin fungiert jetzt als Sub-, Haga Zussa als Haupttitel, was, wie im Nachwort der beiden Nachlassverwalterinnen Sabine Gruber und Renate Mumelter steht, „im Sinne der Autorin“ geschieht.
Es stimmt, dieser Text ist als Erzählung sperrig, spröd und subversiv. Kein Wunder also auch, dass ihn etwa Reich-Ranicki in der dem Bachmann-Wettbewerb damals eigenen Vorurteils-Rhetorik als „Kunstgewerbe und Talmi“ empfand. Das mag der Autorin wie jetzt noch den Nachlassverwalterinnen als beleidigende Zumutung erschienen sein bzw. erscheinen. Zumal Die Zaunreiterin ein Schlüsseltext und Anita Pichler eine Schlüsselfigur der Südtiroler Literatur war und ist. Der Text löst eben nicht ein, was gemeinhin von einer Erzählung erwartet wird. Es gilt, was Stephan Hilpold nach Sichtung des im Sommer 1997 durch das ÖLA erworbenen Nachlasses analytisch dargelegt hat: „Die Form des literarischen Nachlasses ist wesentlich vom poetologischen Standpunkt der Autorin geprägt. Es war weniger das geschlossene Werk, das veröffentlichte Buch, das Pichler zum Schreiben motivierte, als vielmehr der Akt des Schreibens selbst, die schreibende Reflexion („Ich schreibe, ob daraus ein Buch wird, weiß ich nicht.“). Dieses Schreiben war für sie work in progress, bei dem Veröffentlichungen auch als Zwischenberichte aus der Schreibwerkstatt zu verstehen sind. So machen über den gesamten Nachlass verstreute Notizen und Entwürfe – ob auf Einkaufszetteln oder auf der Rückseite von Typoskripten – einen beträchtlichen Teil des Materials aus. Die zahlreichen Notizhefte lassen in vielen Fällen kaum Unterscheidungen zwischen literarischen und persönlichen Aufzeichnungen zu. Titel oder gar Datierungen fehlen meist, fließende Übergänge erschweren oft die Anwendung gängiger Unterscheidungskriterien. Bei Erzählungen und Gedichten, von denen sich im Nachlass neben den publizierten auch unveröffentlichte in beträchtlicher Zahl finden, dokumentieren Vorarbeiten, Fassungen und ineinandergreifende Schreibschichten eine etappenweise Beschäftigung mit einzelnen Werken.“ (Die Erschließung des Nachlasses von Anita Pichler. In: Sichtungen. Archiv - Bibliothek - Literaturwissenschaft. Internationales Jahrbuch des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. 2. Jg. Wien 1999, S. 81-84).
Die „Verweigerung“ klar strukturierter Handlungsstränge und die „Aufhebung“ zeitlicher und kausaler Abfolgen in der Zaunreiterin stehen in direktem Zusammenhang mit dieser Schreibpraxis. Die Komposition ist nie so schlüssig, wie das die publizierte Fassung (besonders die Neuausgabe mit viel weißer Fläche zwischen einzelnen Textteilen) suggeriert. Suhrkamp ist, wieder im Nachhinein besehen, beim zweiten Buch dieser Autorin, Wie die Monate das Jahr, viel klüger vorgegangen. Die Umschlaggestaltung bot hier eine rein textgrafische Lösung, und die Textteile selbst wurden durch einzeilige Absätze voneinander getrennt. Dieser Satz erscheint mir für diese Schreibpraxis viel adäquater. Er rückt den Text stärker in die Nähe großer Aufzeichnungen, jener Aufzeichnungen eines Canetti, eines Handke oder Pessoa. Und dort gehört er meines Erachtens auch hin. Erst mit diesem Verständnis wirkt, was Susanne Schaber über Die Zaunreiterin zutreffend schreibt, authentisch: „Eine beglückende Lektüre. Anita Pichlers Prosa ist rhythmisch durchgestaltet, ein virtuoses Stück Musik mit Variationen, Wiederholungen und kräftigen Modulationen. Eine fein gebaute, reduzierte und zugleich sinnliche Prosa.“ Keine landläufige Erzählung also, und schon gar keine Frauenliteratur.

Bernhard Sandbichler

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