Rezensionen 2005

Jörg Zemmler, Leihworte & Leihtöne.
Wien: edition ch, 2004. (mit beigelegter CD)


Von wegen lei-lei!

Leihworte ist ein Buch, das man zweimal durchlesen muss, um es einmal durchgelesen zu haben und Leihtöne ist eine CD, die mehr als einmal gehört gehört. Warum? Abwarten.
Ausholen: Die edition ch hat nichts mit der Schweiz zu tun, zemmler auch nicht, zemmler ist Südtiroler, also Italiener und zemmler ist auch Deutscher, weil er eine Doppelstaatsbürgerschaft hat. ch sind die Anfangsbuchstaben des Namens der Verlagsgründerin und zemmler ist ein Künstlername. ch steht für Christine Huber und zemmler für Jörg Zemmer. Christine Huber ist eine Granddame der österreichischen Experimentalliteratur aber schon länger nicht mehr Herausgeberin der edition ch, sie hat das Label vor einiger Zeit an Würdige weitergegeben. Günter Vallaster ist würdig, aus Schruns, insgesamt experimentell und vorwiegend visuell poetisch orientiert, einer der tapferen InnTextler (Kleinverlagsmesse in Innsbruck) und Neoverleger. Leihworte ist das zweite Buch unter seinen Ägiden, Leihtöne die erste CD. Für zemmler verhält sich das ziemlich anders, der reüssierte zwar schon mehrmals mit seinen Texten bei diversen Poetry Slams, was heißt reüssierte, er gewann mehrmals, zum Nachlesen gab’s zemmler-Texte bisher aber nur in Literaturzeitschriften. Hören kann man die weiche, tiefe Stimme jedoch bereits auf einigen CDs. zemmler ist nämlich auch Bob, Stonded Angelina und Abendroth.

Sowohl Buch, als auch CD, tragen unverkennbar zemmlers Handschrift. Im Buch im wörtlichen Sinne: zemmler fütterte den Verlagscomputer mit seiner Schrift (große Blockbuchstaben), und ein Programm transformierte die Textdokumente zu einem einzigartigen Endprodukt - eine leserliche, standardisierte Handschrift; auf der CD im übertragenen Sinn: zemmler verzichtete auf die Aufnahmequalität von Computerprogrammen, verwendete wie bisher Minidiscplayer, Stimme, Gitarre, diverse Effekte, viel Verzerrer und eine solide Hintergrundrauschkulisse.
Der Einsatz dieser Mittel macht natürlich angreifbar. Das mag man oder eben nicht. Da werden sich manche mokant über die vermeintlich lausige Aufnahmequalität und das ungewöhnliche Schriftbild äußern und sich deshalb nicht auf das Gesamtkunstwerk einlassen. Gut, man kann niemanden zu seinem Glück und in diesem Fall zu einem  Lese- und Hörgenuss besonderer Güte zwingen. Doch es sei an dieser Stelle hervorgehoben und unterstrichen: dass es sich lohnt, sich mit diesen Leihtönen und –worten zu beschäftigen.

Leihworte hat einen Prosa- und einen Lyrik-und-Artverwandtes-Teil. Die Prosa steht unterm Strich am unteren Seitenrand, so wie weiland das Feuilleton. Der geneigte Leser hat also die Lesewegwahl: zuerst Lyrik, dann Prosa oder umgekehrt oder ganz anders, will heißen durcheinander.
zemmler bedient einen mehrsprachig und schreckt auch nicht vor Mundarttexten zurück, ja es ist gar zu vermuten, dass dieses „Leih-“ eben aus dem Dialekt geliehen und als Bescheidenheitstopos vor das Ergebnis gestellt wurde. Im Sinne von: „Des sein lei Gedichte!“ Nein, das sind nicht nur Gedichte, das sind im Gegenteil eben nicht nur Gedichte, sondern mehr als das (hörthört).
Demzufolge ist also auch der Titel selbst mehr als ein Titel (soso). Er könnte beispielsweise ein Hinweis darauf sein, dass an sich ohnehin schon alles gesagt, gemacht und geschrieben wurde, dass - der Inhalt des Schriftsuchbild auf der Coverrückseite verhärtet diesen Verdacht - also Worte von da und dort geliehen und neu zusammengewürfelt wurden (übrigens: zemmler verdingte sich zuletzt als Leiharbeiter!). Doch genug der Titelspekulationen, zur CD:

Die Texte auf Leihtöne erfreuen alle mit einer überraschenden Pointe am Schluss. Das heißt, am Ende geht der Wörterteig immer schön zu einem wohlfeinen Gugelhupf auf. Die Gitarre ist gut gezupft, stark verzerrt und scheint hin und wieder förmlich nach Bass und Schlagzeug zu rufen (aber nein, nix da!), die Stimme ist gut intoniert, oft stark effektverfremdet und schreit ab und zu nach einer Textvorlage zum Nachlesen (und man wird gewahr, dass man das ja kann juhui!). zemmler sprechsingt souverän und jeder der Texte wäre wohl auch ohne instrumentale Begleitung voll lebensfähig. Die Gitarre schremmt zuweilen gnadenlos, ebnet den Weg, fällt die Lyrikvoruteilbäume, der Rhythmus transportiert das Sturzgut zur Seite und dann breiten sich die Worte aus und gedeihen, oder umgekehrt (Schön geschwurbelt, weiter so!). Die Gitarre ist die Unruhe, die Stimme ist Shampoo. Der Verzerrer ist der Schalk im Rücken und die Texte ein zweischneidiges Blatt.

Zur Detailbetrachtung: Mit „ich werd dich einfach neu formatieren“ liefert zemmler den ultimativen Liebeskummerbewältigungsrefrain der PC-Generation, in „An der Kreuzung“ spielen sich zwischen Herbert und Herbert große Dramen in wenigen Zigaretten ab und die Eingänglichkeit dieser Zeilen evoziert einen Videoclip in einem, dem man sich auf heavy rotation in diversen Musik-TV-Kanälen wünschte, wenn diverse Musik-TV-Kanäle nicht so erbärmlich schlecht programmiert wären, „roat“ ist eine tragikomische Mundarthymne und ein fröhlicher Verkehrssündersong zugleich, „da da“ thematisiert das Herauswollen aber trotz offener Türen doch Dableiben, also die existenzielle Angst vor dem Schritt aus dem Hochsicherheitskäfig (Heimat) und lässt sich als Parabel fürs Erwachsenwerden verstehen – denn entsprechend leidend ist der Song auch vorgeheult. Im Sinne von: Die weite Welt stünde einem offen, wenn nicht auch der Arsch offen wäre!
Und plötzlich ein Märchen über Musik ohne Begleitung, bloß mit Hall vorgetragen. Es geht darin um das Suchen eines idealen Textes zu einem perfekten Musikstück - dem Frog-Song. Im Buch ist nur der Anfang der Geschichte zu lesen, die Auflösung hört man in der Stimme des Autors.

Hör-CDs sind im Trend, Leihtöne ist aber nicht nur die CD zu Leihworte, Leihtöne ist eine Ganzkörpermassage mit Kopfwäsche und Nachspeise.
Und Leihworte? Leihworte ist: Toilettenfehler-, Zeitlochstopf-, Wetterpannengeschichte, Glockengleichnis, Stewardessenschicksal, Abschiedsbrief, Lebensanweisung, Parkbeschreitungsbeschreibung, Christkindvergangenheitsbeleuchtung, Notnotstromcybersex, Blödbäume und steinige Beschwerdewege, Sonnenbrillen und gegessene Gulaschs in Tabellen und und und
Kurzum: In Summe bleibt was! 

Markus Köhle

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