Rezensionen 2005

Heinz D. Heisl, Wohin ich schon immer einmal wollte. Eisenbahngeschichten.
Innsbruck: Haymon 2005.


Der Koffer in mir bzw. ich in meinem Koffer auf der Reise, respektive Suche nach Zürich
 

Nein, man lese dieses Buch nicht in einem Zug. Nicht, weil dann Gefahr bestünde, dass man nicht am Ziel ankäme, sich in einem Koffer wieder fände oder einen das Zeitgefühl verlustig ginge, sondern ganz einfach deshalb, weil die kurzen Geschichten besser an einem stillen Ort, den man auch absperren kann, gelesen werden sollten. Denn in Zügen muss man ja auf alles gefasst sein. Man lege dieses Eisenbahngeschichten-Büchlein also auf den Spülkasten und habe sodann circa drei Wochen lang jeden Morgen ein befreiendes elementares sowie ein wahlweise beklemmendes, absurdes oder im höchsten Maße verwirrendes literarisches Erlebnis. „Alles triefe vor Wörtern.“, ist an einer Stelle der insgesamt 19 Geschichten zu lesen. Führwahr, in diesen scheinbar losen aber doch zusammenhängenden Erzählungen werden die Wortfelder „Zug“, „Bahnhof“, „Eisenbahn“ bestellt und das bringt wunderbare Kompositablüten zu Tage. Heisl hat einen Hang zu langen zusammengesetzten Wortzügen und exerziert zuweilen angewandtes Clustering für Fortgeschrittene, wenngleich schöne, sich anbietende Wörter wie: Sprachwagenstandszeiger, Schwellensätze, Prellbock- oder Weichenwörter nicht vorkommen.
In den kurzen, dichten Erzählungen wird in „Menschenlandschaften“ geschürft, es begegnen einem tote Gesichtszüge, Juden auf dem Weg nach St. Anton mit jeder Menge Fragen im Gepäck (die Zeitverschiebebahnhöfe machen derartige Reisen möglich), Koffer entpuppen sich als wahre Wunderkisten, da wird ein Leser zum Satz und löst sich wortlos auf, dort fährt einem sein Ich in die andere Richtung davon und auf dem Weg in die Stille werden einem die Zugwortfeldwörter um die Ohren geschlagen, dass es nur so rattert.
Heisl betreibt Möglichkeitsauslotung, sowohl inhaltlich, als auch sprachlich. „Naturgemäß“ lässt sich den Unmöglichkeitsschleifen nicht immer ganz leicht folgen, „dessen ungeachtet“ ist es ein Vergnügen, sich auf diese Zeitverankerungsloslösungen einzulassen.
„Aber es könnte genausogut sein, dass alles nur eine Kopie der Wirklichkeit war. Eine mit Fehlern behaftete Wirklichkeitskopie. Und im Wirklichkeitsoriginal und in Wahrheit verweilte ich seelenruhig auf meinem Sitzplatz im Abteil im Zug nach Wien.“, steht in „Zugvögel“ geschrieben. Man kennt Derartiges aus Halbschlafphasen. Heisl betreibt unter anderem auch die Verschriftlichung von Traumzuggarnituren der 1. und 2. Klasse, die einem, nicht selten in Zügen, zuweilen durch den „Kopfbahnhof“ eilen.
Hervorragend ist die in bernhardschem Sound komponierte Geschichte „Der Mann, der mit seinem Echo reiste“ (wer derart häufig die Vokabel „naturgemäß“ verwendet, provoziert förmlich einen Bernhard-Vergleich, wenngleich es, wenn man schon einen Vergleich anstellen möchte, doch öfter nach Jonke klingt). Darin wettert der Erzähler in bester sprachrhythmischer Manier über seine Reisegegenüber, es geht  (auch) um die Konversationsobszönitäten in Zugabteilen und die zwei Mitinsassen sind trachtenbekleidet, bzw. tragen die „Regionalverbundenheitsausdrucksuniform“. In dieser Geschichte entgleist nichts, die fährt im besten positiven Wortsinn mächtig ein.
Wer wissen will, was einem am Bahnsteig am Ende des Gehörgangs widerfährt, wo der Zug, in den nur Wörter einsteigen abfährt und wie man zum „Gehörbahnsteig“ kommt, auf dem der „Ohrenzug“ wartet, der möge sich auf in die Buchhandlung machen und sich dieses Buch besorgen. Denn ist man auf Heisls Sprachschiene und gewillt, seinen sonderbaren Gedankenzügen zu folgen, so ist „Wohin ich schon immer einmal wollte“ Hochspannungsleitungsliteratur mit Niederflureinstieg für Bücherwürmer, Leserättinnen und Leseratten.

Markus Köhle

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