Rezensionen 2005

Irene Prugger: „Frauen im Schlafrock“.
Roman.
Innsbruck: Skarabaeus, 2005

Der Schlafrock als mentales (Frauen)-Erbstück

Mit seinen eigenen Mitteln das Gewöhnliche zwischenbilanzieren – zu Irene Pruggers neuem Roman

 

„Weißt du“, sagte Schramm ..., „dieser Trottel bin ich auch wieder nicht, für den viele mich halten.“
„Aber genau darum geht’s doch“, sagte ich.
„Worum geht’s?“, fragte Schramm.
„Wie man vor den anderen dasteht!“

 

       Sich das Leben nicht neu erfinden, irgendwie nehmen, was kommt, arbeiten, nicht groß abweichen von den bereiteten Wegen, aber sich wie nebenbei schon auch so seine Gedanken machen dazu – in dem Fall merk­lich ihre Gedanken, die Hauptfigur in Pruggers Text ist eine Frau, Anna, Spät-20erin, Single, Tochter, Tex­te­rin in einer Event-Agentur.
       Ihr Arbeitsauftrag: Emotionen wecken. Ihr Arbeitsumfeld: hip, aber bevölkert mit den üblichen Ver­däch­ti­gen – einem Chef, der Sprüche klopft, damit manchmal auch noch recht hat, alljährlich das Hahnenkammrennen besucht und ansonsten ein eh ganz umgänglicher Typ ist; nicht gerade rasend interessante Kolleginnen und Kol­le­gen, darunter welche, mit denen sich aber schon auch reden lässt, darunter einer, der frei- also abgesetzt und dadurch ins ultimative Out gedrängt wird, junge Praktikantinnen, die sich demgemäß einzusetzen wissen, usw. – man kennt das. Und Anna eine von ihnen.
       Privatsituation: nicht rasend unglücklich, aber glücklos, diffus die Männerbeziehungen, konkret das zur Friktion neigende Ver­hält­nis zur Mutter, die mit ihrem ewigen Schlafrock aber eine Schlüsselmetapher zum eigenen Frauenleben am Leib trägt. Kopflage: was ist noch echt, wahr. Herzlage: eine Abgestandenheit, ein Ab­ge­kappt­sein von den eigenen Gefühlen: „Mir kam es vor, als würde ich Zeit in Anspruch nehmen, die bereits abgelaufenen Datums ist.“
       Die Einsicht, dass die Schablone schon vor den Ereignissen existiert, in die sich Menschen samt zu­ge­hö­ri­gem Schicksal nur mehr auf ihre je eigene Art einpassen können, ist ein Grundton die­ses Textes, welcher sich auch in seinem ersten Satz zeigt: Paul kommt nicht nur, „Paul kam wie gerufen“, herbeizitiert von dem, was vorher schon angelegt ist – das Absehbare.
       Wir sehen in Pruggers Buch, wie eine sich durch all die Dinge mäandert, die man schon ein­mal gehört hat irgendwo, im Fernsehen, in Parks, aus Zeitungen, an Gasthaustischen, in Illustrier­ten, auf Seminaren, aus Muttermündern, am Arbeitsplatz – und Anna spricht, anders als jene, die sich am Gewöhnlichen nicht die Finger ver­bren­nen wollen, diese Mixtur aus Leben und Sentenzen ehrlicherweise auch offen aus – „Vielleicht verliert man bei allzu viel Symbolarbeit den Blick für das Offensichtliche, das am wenigsten Hintergründige. Und wenn es sich plötzlich vor einem auftut und zeigt, dass es nichts zu verbergen hat, kann man es kaum glauben.“
       Drei Konstanten durchziehen auf metaphorischer Ebene den Text: der Schlafrock, Annas Hang zu Tier­filmen und „Die Nudelesserin“.
       Letztere ist ein Bild und hängt in Annas Küche, und seine Interpretation, ob nämlich die Frau darauf Nu­deln isst oder sich ihrer entledigt, taucht immer wieder auf im Text: Ekel oder Genuss. Dass Anna zwecks Ent­span­nung Universum-Folgen konsumiert, in denen es aber zu blutigen Tierschauspielen kommt, ist ein weiteres Element ihrer inneren Ambivalenz: Beruhigung oder Brutalität. Und als zentrales mentales Erbstück zwischen Mutter und Tochter der Schlafrock – an seiner Schwelle zwischen Abstoßung und Vertrautheit, zwischen biederem Hausfrauen- und Schlampentum, zwischen An- und Ausgezogensein, zwischen Verwahrlosung und weiblicher Schönheitsbefehlsverweigerung: „Nirgendwo sonst als bei meiner Mutter zu Hause hätte ich einen solch entsetzlichen Schlafrock getragen.“
       Vor Annas Augen die Geschehnisse: Büroszenen, virtuelle Liebesreize, Zeitungsinserate, in denen zwei vielbeschäftigte Jungs die Willige für den flotten Dreier suchen bei freier Logis, halbherzige Mutterbesuche, Paul, der dann doch seine Frau schwängert und abgeht, Franz-gnädige Porschefahrten, Schramm, dessen Aus­muste­rung an einer Schaukel endet, der ratreiche, buchlose Schriftsteller, Doggenrüde Caligula, ein freiwilliger Norbert, Britta, die Gespräche abbrechen, aufstehen und gehen muss, weil sie ihre fruchtbaren Tage hat, ein Vater, „der seinen Weg ebenso konsequent“ ging, „allerdings ein bisschen zu schnell und die Richtung hat auch nicht gestimmt: Er ist uns davongelaufen“...
       Hinter Annas Rücken aber die eigene 30er-Zäsur in Sicht – und was die mit sich bringt: erste mittelgroße Bilanzen, Blessuren­zählung, erster ernsterer Zwischenstand, Ahnungen, dass, so was geplant war, es sich deiner Planung entzieht, Lackabblätterungen allerorten, erste Wahrheiten über die erschreckend heimelige Nähe zu den Strukturen, welche dir aus der Entfernung von deiner Ur­sprungs­fa­mi­lie geblieben sind usw., wie tragend das schleichend doch wird, Ein­stieg in die Er­nüch­te­rungs­de­ka­de – „Und weil wir nichts mehr fürchten, als getäuscht zu werden, nehmen wir es in Kauf, wenn eine Beziehung bereits mit einer Ent­täu­schung beginnt.“
       Dieses Lebensgrundgefühl ist der Humus, auf dem der Text Pruggers auch sprachlich läuft: mit seiner Hauptfigur dahin, auf Augenhöhe mit ihr, nicht klüger als sie selbst – und gespickt mit stillem Witz: da „entgleiten“ einem, der sich ein bisschen schwer tut mit dem Kombinieren, „Schlüpfrig­keiten“; da trinkt eine „mit einer Welt­verachtung Bitterlemon, die ihresgleichen sucht“, da hat es „fast den Anschein, als würden wir nur wegen unserer ständigen Er­war­tungs­haltung aufrecht gehen“; da versteht einer, „was das Geschäft mit dem Vergnügen betrifft, ... keinen Spaß“, da bist du „das Kind deiner Eltern, was also willst du erwarten“.
       Aus Annas Art Un­be­kümmert­heit im Aussprechen wachsen realistischerweise immer wieder Passagen, die das Hingesagte und Nachhalllose ihres Inhalts abbilden, aber auch solche, die wie Glühwürmer den Text durchziehen, unvermutet auftretende Alltagsweisheiten voll emotionaler Intelligenz, um die weiter kein Aufhebens gemacht wird: „Wenn ein Mensch erzählt, ist das wie eine stützende Mauer, an die man sich mit seiner eigenen Ge­dan­ken­last lehnen kann“; „Manchmal ist das Leben herzzerreißend traurig und man kann nicht darüber weinen, und dann wieder genügt ein dummes Lächeln, das man für tapfer hält, und schon geht man vor Wehmut in die Knie“; „Sobald man Gefühle auf den Punkt zu bringen versucht, hängen sie leblos und starr wie zur Schau gestellte aufgespießte Schmetterlinge“; „Jede Sekunde, die wir so verharrten, zählte die Zeit sowohl in die eine als auch in die andere Richtung“; „das Traurige hinter der Befreiung, nicht in die Pflicht genommen zu werden“ ...
       Und in seinem Wechsel, dieser Mischung aus Dahergesagtem und Gesagtem dieses Textes belegt er seine Lebensnähe und liegt genau sein Reiz.

barbara hundegger

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