Rezensionen 2005

Selma Mahlknecht, rosa leben.
Bozen: Edition Raetia, 2004.


… und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende. 

Selma Mahlknecht setzt ans Ende ihrer Erzählungen ein Happy End. Eigentlich ordnet man diesen Ausgang eines Prosatextes in der deutschsprachigen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts eher der Trivialliteratur zu. Es gibt keine Tradition des Happy Ends im Deutschen – ganz im Gegensatz zu Texten aus dem Slawischen zum Beispiel. Aber im Erzählband rosa leben, der vier Erzählungen vereint, können sich die Protagonisten auf einen Silberstreifen am Horizont freuen. Egal ob es sich um eine drogenabhängige Prostituierte, einen schlaflosen Handelsvertreter, einen seine Sprache vergewaltigenden Radiosprecher oder eine kinderlose – weil unfruchtbare – Pensionistin handelt, sie alle finden einen Ausweg.

Obwohl die Texte schon auf dem Umschlag als Prosa ausgewiesen sind, stellt sich bei näherer Betrachtung die Frage, ob es sich nicht doch eher um Filmsequenzen oder Szenen eines Theaterstückes drehe, in denen die jeweilige Hauptfigur im Zuge eines Selbstgesprächs oder einer Erinnerung das eigene Leben, die eigene Situation reflektiert. Ein Vergleich mit Felix Mitterers Stücken wie Weizen auf der Autobahn oder Sibirien drängt sich unweigerlich auf. Es handelt sich um sehr traditionell erzählte Sequenzen, weder in der Form noch in der Sprache wird Innovation angestrebt, es sind einfach vier unterhaltende Geschichten. Allerdings hat es sich die Autorin auch nicht ganz einfach gemacht, immerhin handelt der erste Text von einem Mädchen, das von zu Hause ausreißt und bei Drogen und Prostitution landet. Diese Thematik ist stark vorbelastet. Man findet sich immer im gleichen Vokabular wieder und müsste eine gänzlich andere Sprache finden, um noch darüber schreiben zu können. Es sind zwar Ansätze einer Entfremdung des Milieus durch die Farbe Rosa, die sich leitmotivisch durch die Erzählung zieht, zu erkennen, aber es reicht nicht, um dem Leser das Geschehen neu darzustellen.
Mahlknecht wählt für drei Texte die Ich-Perspektive und erzählt die Geschichten als Erinnerung oder als Inneren Monolog. Der letzte Text heißt sogar Monolog im Frauenabteil. Solange sie beim Ich bleibt, wirken die Texte noch glaubhaft, im ersten verfällt die Autorin allerdings in ein gefährliches Wir. Dort bricht der Text.

Und daß Nicht-Ich und Ich nie mehr, nie mehr dasselbe sein können, und daß Meins nicht Deins ist, nicht sein darf und wehe, du faßt Meins an, dann mach ich Deins kaputt, das vergiftet uns die Seele, und wir beginnen, an Gut und Böse zu glauben. (S. 10-11)

Am besten finde ich die Erzählung, die nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben wurde. „Bodemanns Tag“ ist in einer sehr sauberen Sprache verfasst und passt so gut zu dem Handelsvertreter für Reinigungsmittel, dessen Berufsleben sauber und genau am Beispiel eines ganz bestimmten Tages vor dem Leser ausgebreitet wird. Bodemann ist so reinlich, dass er sogar etwas gegen unfertige Sätze und schlampig verwendete Wörter hat. Er spricht in ganzen, vorgefertigten Sätzen, deren einziges Ziel es ist, Glasoglanz – ein Geschirrspülmittel – und Ähnliches an den Mann bzw. meist an die Frau zu bringen. Ihn interessieren die Menschen nicht, solange sie seinem geschäftlichen Erfolg nicht im Wege stehen. Als er jedoch einer Frau begegnet, die ihm nahe geht, kommt er selbst ins Stottern und verheddert sich in seinen Putzmittelfloskeln. Was bleibt, ist ein Saubermann mit Happy End.

Barbara Hoiß

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