Rezensionen 2005

Anna Stecher, zŏuba! Sanwen-Prosa.
Bozen: Edition Raetia 2005.


Die Herzen bestehen aus einem schlagenden Kern und 3 Blutstropfen

Stechers erstes Buch ist, erfreulicherweise, kein „Roman“. „Sanwen-Prosa“ werden diese Geschichten betitelt und in dem Vorwort erfährt der Leser auch, worum es sich dabei handelt: „lose Schrift“.  Also eher Splitter, unfertiges Mosaik, ein Puzzle, das kein Bild werden will, wie die Autorin erklärt.
Und in der Tat lesen sich Stechers Miniaturen zunächst wie unprätentiöse Geschichtchen einer fremden Welt. China ist Spielort und die Ich-Erzählerin führt uns durch einen meist seltsam anmutenden Alltag. Ohne große ästhetische Anstrengungen, ohne überstrapazierte Bilder oder Sätze.
Der inzwischen auch international beachtete chinesischen Autor Yang Lian, dessen Krokodil-Gedicht als erster Text von zŏuba! allen Stecher-Texten als Motto zu dienen scheint, sagt in einem Interwiev über Sanwen Folgendes: Sanwen hat, wie die Lyrik, eine sehr lange Tradition in China, aber es handelte sich immer um eine völlig individuelle Form. Man kann darin auf verschiedenen Ebenen sein gesamtes autobiographisches Material bearbeiten. Man kann malen, schreiben, Verse dichten, philosophieren, und all dieses Material muss von einer literarischen Notwendigkeit zusammengehalten werden, muss ein einziger Text kreativen Schreibens werden. Deshalb habe ich ein Sanwen geschrieben, wegen der ihm eigenen Form; diese Form selbst ist ein Exil und zeigt mein geistiges Exil in der Sprache.“
Anna Stecher, Jahrgang 1980 hat in Bologna Orientalistik studiert und daran ein Master-Studium in Beijing angeschlossen. zŏuba! ist das literarische Ergebis der chinesischen Jahre, dieser Zeit in der Fremde, im „Exil“. So gesehen erscheint es im Sinne von Yang Lian durchaus konsequent und sinnvoll, Sanwen als Stilmittel zu benutzen. Und für die Leser eine gute Möglichkeit, sich in Geschichten verlieren zu können, ohne jemals das Gefühl zu haben, ein verborgener intellektueller Zeigefinger würde ständig die eigenen Wissenslücken oder die wenigen dümmlichen Vorurteile aufdecken wollen, die sich in unseren Gehirnwindungen zum Thema „China“ oberflächlich jedoch hartnäckig eingenistet haben.

Die Herzen

bestehen aus
einem schlagenden
Kern und 3
Blutstropfen

So sollten eigentlich Wörterbücher ausschauen. Das Bild, der Text, die Poesie. Und dies scheint mir, falls ich Stechers Anspruch einigermaßen verstanden habe, Sanwen zu sein. Wer aber Antworten sucht, wird nicht auf seine Kosten kommen. Auch alle anderen Texte sperren sich sofort jedem, der zu „verstehen“ versucht. Da wird die Logik bewusst außer Kraft gesetzt und wer sich nicht verführen lassen will, wird zŏuba! wenig abgewinnen können. Nun lässt sich natürlich einwenden, dass damit der Beliebigkeit alle Tore geöffnet werden, dass die Anordnung dieser verschiedenartigen Geschichten und Geschichtchen nicht nachvollziehbar ist. Diese aber, die „Beliebigkeit“, ist eines der Wesensmerkmale von Sanwen. Die kurze Erzählung Das Ungeborene beschreibt die Verweigerung eines Kindes, geboren zu werden. Das geht nun eigentlich nicht, ist Unsinn. Hier geht es und endet so: „ Ich denke - obwohl ich genau weiß, dass ich mit ihr sterben werde -, ich lebte lieber in ihrem Bauch weiter als allein, denn sie ist mein Herz, mein Gedanke und mein Auge. Wahrscheinlich verwandeln wir uns dann beide in Schmetterlinge und fliegen davon.
Die von Yang Lian geforderte literarische Notwendigkeit  kann man bei Stechers Buch in der Figur von Yue Feng ausfindig machen. Feng ist der Freund der Erzählerin, Irritation und Sicherheit in einer Person. Um ihn dreht sich alles und er scheint alles zu drehen, mal im Vordergrund der Geschichte, mal weit weg verborgen oder gar abwesend. Er ist der „Experte“, der Chinese, der der Erzählerin den Weg weist, als Liebhaber, als komischer Kauz, um ein Überleben im Unbekannten zu ermöglichen. Und folgerichtig für die Erzählmethode gibt es auch kein happy end oder überhaupt irgendein Ende. Die letzte Geschichte, Rätsel um Zhao, verwendet die Form des absurden Krimis, womit es Stecher dann auch gelingt, ihren Herrn Feng fast unbemerkt aus dem Geschehen verschwinden zu lassen.
Ein bemerkenswerter Erstling. Nicht das leicht schnoddrige oder bildungsdurchtränkte freche Schreiben der jungdeutschen AutorInnen, nicht das Gehabe all der Shooting-Stars und Sternchen, die schon verloschen sind, bevor wir ein Buch zuklappen können. Stecher schreibt sich sicher und unverkrampft durch diesen Text, der einer ist, von dem wir meinen, ihn irgendwann, -wo und -wie schon einmal gelesen zu haben, und der deshalb ein leichtes Spiel mit den Lesern hat: Immer wieder stolpern wir, verwundert darüber, dass es sich in diese Richtung auch wandern lässt. „Gehen wir!“ bedeutet laut Klappentext zŏuba! Und wer nach dieser Aufforderung gleich das übliche „wohin?“ anschließt, braucht sich die Mühe nicht zu machen, das Buch aufzuschlagen.

Peter Giacomuzzi

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