Rezensionen 2003

Raoul Schrott, Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde.
München: Hanser, 2003, 715 Seiten.

Abenteuer an den schroffen Rändern
Raoul Schrott erzählt Tristan da Cunha und eine halbe Welt

Im Jänner 1999 fand in Zürich eine Tagung statt, die einem gerade erst 35 Jahre alten Schriftsteller gewidmet war. Raoul Schrotts in der NZZ abgedruckte Selbstvorstellung trägt den Titel "Was ihr wollt. Über eine Schiffsgeburt auf dem Weg nach Brasilien" und setzt die Erfindung des Dichters sowohl intertextuell, in einer poetischen Traditionslinie, als auch im Biographischen an. In ausladenden Reflexionen über die Maske betont der habilitierte Komparatist, "dass nicht ich es bin, der diese Zeilen schreibt". Er sei "bereits zu lang Tiroler, um nicht zu behaupten, dass der, der ich bin, keinen Menschen etwas angeht"; und was die Literatur betreffe, so habe er, der intensiv über Dada geforscht hat, "das Ich darin noch zu betonen schon immer für Koketterie gehalten". Die Zürcher Präsentation ist weniger eine Erhellung der Lebensgeschichte, als vielmehr eine Erklärung eines künstlerischen Programms, das Biographien und Poesie verschränkt und abwandelt.
Seine Literatur ist denn auch weniger aus dem eindringlichen Empfinden eines Autoren-Ichs gespeist, sondern eher auf materialreichen sowie sprachmächtigen Variationen von alten Geschichten und vielfältigem, freizügig gestaltetem Bildungsgut aufgebaut. Raoul Schrott zieht gelehrt-literarische Achsen durch die Welt; um die Achsen eines Kosmos und der Existenz dreht sich auch der 1995 erschienene Roman "Finis terrae". Diese Erzählung vom Abenteuer an den Rändern bezeichnete Sigrid Löffler als "perfektes Einnebelungsmanöver, getarnt als sonnenklarer Editionsreport zu einer Kompilation unterschiedlicher Entdeckungs-, Forschungs- und Reiseberichte von ebenso dubioser wie plausibel klingender Herkunft". Nachdem Schrott bei den folgenden Werken eher auf das flott Posierliche oder die Bildungs-Pose gesetzt hat und ihm allerlei Übersetzungsfehler nachgewiesen wurden, legt er nun einen gelungenen umfangreichen Roman vor, der Konstruktionsprinzipien von "Finis terrae" weiterführt. Auch in "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde" liefern vier Hauptstränge eine präzise Prosa über Entfernung und Nähe, Leidenschaften und Täuschungen, Lieben und Leben. Ihren Brennpunkt bildet geographisch wie literarisch ein anderes "Finis terrae". Mitten im Atlantik - zwischen Südafrika, Brasilien und der Antarktis - befindet sich der entlegenste besiedelte Ort der Welt, die vulkanische Insel, die 1506 von einem Portugiesen erblickt und benannt wurde. In dessen und der Insel Namen Tristan da Cunha klingt der bekannteste abendländische Liebes-Mythos an.
Das Tristan-Isolde-Thema bestimmt in diversen Varianten alle Geschichten in Schrotts Roman. Immer bemühen sich zwei Männer um eine Marah, immer äußern sich die Gefühle zu katastrophal stürmisch oder zu trocken. Die Figuren, schreibt einer der Erzähler, sind "doch nur Travestien unserer selbst, weil wir uns in ihnen spiegeln und uns ewig wiederholen". Eine dauernde Wiederkehr der Schiffbrüche mit Zuschauern.
Bis auf eine Ausnahme beginnen alle 20 Langkapitel des Romanes mit einem I wie Insel, Isolde oder M wie Mundus, Marah. Davor steht jeweils ein mit einem groß gedruckten "IM" einsetzender kurzer Textstreifen (entsprechend dem knappen Streifen besiedelbaren Landes auf Tristan da Cunha), in dem zunehmend die Gewalt der Elemente zur Sprache kommt, bis am Ende eben das Repetitive von des Meeres und der Liebe Wellen in der Möglichkeits-Form bleibt: "dennoch, ließe der Wind wieder ab, würde die Dünung immer weiterrollen, weiter und weiter, indem sie unaufhörlich in das Wellental vor ihr fiele". Die Erde ist eine schroffe Landschaft, detto die Seele.
All die Unwirtlichkeiten, diese Schrecken des Eises und der Finsternis, nehmen ihren narrativen Ausgang von der etwas über 40 Jahre alten Südafrikanerin Noomi Morholt, die - nach einer Totgeburt, wie sich erst gegen Ende des Romanes herausstellt - als einzige Frau mit einer Forschergruppe für ein Jahr in die Antarktis fährt, um dort in der halbjährigen Dunkelheit das Polarlicht zu studieren. Ihr Journal führt vom Prolog im Jänner/Februar 2003 bis zum Epilog, der den Roman beschließt. Die letzten Sätze von "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde" sind mit Juni 2003 datiert. Noomis Bericht umfasst also nur die Hälfte ihres antarktischen Jahres. Gewissermaßen "rollt" so auch Schrotts Fiktion weiter: Seine Figur sitzt ja noch bis Ende 2003 im ewigen Eis, während wir schon ihrem Tagebuch und ihren Lektüren folgen können.
Sie selbst beginnt in der extremen Abgeschlossenheit, nachdem sie die am Rande der Karten liegenden Orte - ob reale wie Tristan da Cunha oder mythische wie Atlantis - allesamt als Vorstellungen einer Ultima Thule verstanden hat, in den Dokumenten aus einer Bücherkiste zu lesen und eine Mail-Korrespondenz mit dem brasilianischen Schriftsteller Rui, mit dem sie im Urlaub eine flüchtige wiewohl heftige Begegnung erlebt hatte. Die Bücher waren eigentlich für das Museum auf Tristan bestimmt und liefern eine intertextuelle Unterlage von Dante bis Euclides da Cunha. Eine "seltsame Auswahl", meint Noomi und fügt, auf die Reste der Bibliothek von Alexandria anspielend, zu explizit hinzu, daß sich "anhand ihrer ebenfalls eine ganze Welt rekonstruieren" ließe.
Als Extrabeigabe enthält die Kiste drei Konvolute, die die weiteren drei Teile des Romans bilden. Sie stammen aus verschiedenen Zeiten von drei Männern, denen Schrott einen jeweils eigenen Duktus zuzuschreiben versteht. Alle drei sind eng mit Tristan da Cunha verbunden und haben eine geliebte Marah nicht bekommen oder wieder verloren. Gemeinsam, auch mit Noomi, sind ihnen die Einsamkeit der Abgeschiedenen, die Utopien und die Sehnsüchte nach einem idealen Ort, nach einem geliebten Anderen, also nach ihrer zweiten Hälfte. Eine Insel, die unzähligen Stürme und Schiffbrüche werden ihnen zum existentiellen Sinnbild.
Die Aufzeichnungen des Engländers Christian Reval, der im 2. Weltkrieg als Funker auf Tristan da Cunha stationiert ist und die Insel kartographiert, sind im Rückwärtsgang angeordnet: vom Tod dieses Tristan und seiner Frau Maria im Sommer 1969 zurück bis 1942 - eine (etwa aus Ilse Aichingers "Spiegelgeschichte" bekannte) narrative Inversion, die die Endgültigkeit des Scheiterns von Anfang an vor Augen führt. Voraussetzungen und Begründungen der Ereignisse lassen sich erst im nachhinein, nach den Unterbrechungen durch andere Erzählstränge, erschließen. Reval hatte im Krieg eine irische Marah zu einem seiner Bekannten, dem sie versprochen war, begleitet und sich in sie verliebt. Immer wieder kommt er auf Ort und Körper seiner Sehnsüchte zurück, auf die Insel und zu Marah, nie jedoch bleiben sie ihm fassbar. "Immer die Insel" sind die ersten Worte seines ersten, also letzten Berichtes. Während er zwei Tätigkeiten ausführt, die in Schrotts Literatur metaphorisch und konkret eine wesentliche Rolle spielen, nämlich über weite Strecken zu kommunizieren und Ränder zu vermessen, ist seine Liebesgeschichte von Tristesse, von Wortkargheit und lakonischer Gestik geprägt.
Viel beredter, ja zu geschwätzig gestaltet, ist die Marke-Figur des Romans, der Philatelist Mark Thomsen. Er schaut aus einem herabgekommenen irischen Landsitz auf das Meer, und memoriert leitmotivisch, daß ihn Frau und Tochter verlassen haben. In mikroskopischer Schrift berichtet er von seiner Briefmarkensammlung, die Tristan da Cunha gewidmet ist und ihn anregt, die Geschichte der Insel, über fünf Jahrhunderte bis 1989, auf seine 26 Bögen zu bannen. Historische Wahrheit und Seemannsgarn mischt er dabei gehörig durcheinander, sodass sein Bildungspanoptikum auf schwankendem Boden steht. Die Fiktion seines Lebens, erklärt er, messe sich an seiner Kollektion, ohne ihre Grenzen überwinden zu können: "Ein Historiker würde nach Ursachen und Folgewirkungen suchen; mir geht es darum, die Dinge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herauszulösen, um sie frei verfügbar zu machen". Tristan da Cunha gerät ihm zur Allegorie seiner Begierden, das Inselrund auf dem Geviert der Marke möchte er als Quadratur des Kreises verstanden wissen. Dieser Sammler bietet eine Reihe von Erzählern auf, lässt die Welthistorie und allerlei Kapitäne, Abenteurer, Verrückte, Schiffbrüchige Revue passieren. Die Zahlenmystik, die Schrott auch in "Finis terrae" anspielt, ist ihm nicht fremd - wie in großen Mythen durchziehen die 3, die 4, die 7 und entsprechende Konstellationen den Roman. Auf der Insel gebe es "bis zum heutigen Tag" nur sieben Familien, betont Thomsen, sieben "Namen in den Kreisen des Schicksals", und mit jedem der Stammväter sei eine Kardinalsünde mitgekommen.
Als ein Purgatorium erlebt der dritte Schreiber diesen schroffen Berg, der steil aus der Tiefe des Ozeans, "an Jerusalems Antipoden" (so Thomsen), aufsteigt. Der anglikanische Priester Edwin Heron Dodgson weilt hier zwischen 1881 und 1884/86 als Seelsorger, verliebt sich in eine dem religiösen Wahn verfallene Marah und endet offenbar selbst in geistiger Umnachtung. In Noomis Bücherkiste befinden sich die Briefe an seinen Bruder Charles, der als Lewis Carroll mit "Alice im Wunderland" berühmt wurde. Einer spirituellen Verwirrung ist Dodgson zuvor im brasilianischen Sertão begegnet, in einer ähnlichen Umgebung, freilich auf einer anderen Hälfte der Erde, mit umgekehrten Vorzeichen: Dürre und Trockenheit. Diese Mission musste er abbrechen, und auch auf Tristan scheitert er von Anfang an. Seine Landung ist ein Schiffbruch, der Kirchenbau ein Desaster. Diesen psychischen Zustand hat Schrott bravourös gestaltet und klug in der Schwebe gehalten. An die Admiralität schreibt Dodgson 1886, daß "das Leben auf Tristan nicht mehr länger möglich" sei und er die Insel 1884 "krankheitshalber" verlassen habe. Jedoch kommt sein - von welchem Erzähler? - mit 1886 datierter letzter Brief im Präsens aus dem Rund Tristan da Cunhas. Breit schildert er darin die Totenmesse für seinen Rivalen, den er vermeintlich vom Fels gestoßen hat: eine der ungemein vielschichtigen Passagen des Romans, eine ausgefeilte Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle. "De profundis", so die letzten Worte.
Das Paradies ist immer auf der anderen Hälfte der Erde. In all diesen Orten, wo Menschen nicht leben, nur überleben können, liege eine andere, negative Utopie unserer selbst, stellt Noomi am Ende mit Blick auf eine literarische Ahnenreihe von Odysseus bis Robinson fest. Das Ich wäre ein Niemandsland. Was Liebe ist, meint Noomi nicht mehr zu wissen; was Sprache ist, das hat sie mit anderen erfahren. Wie fast alle Figuren forscht und sucht - und schreibt sie.
Die zahlreichen Erzählstränge, Epochen, Lebensbereiche, Breitengrade verlangen umfassende, außergewöhnliche sprachliche Fähigkeiten. Raoul Schrott stellt sie unter Beweis: Er schildert das Nautische ebenso wortreich und packend wie das Numismatische, Astrologisches ebenso eindringlich wie Metaphysisches. Dass auch Reden und Schreiben eine Achse dieser Weltenbetrachtung ist, weiß er, ohne in die Sprache alle Hoffnungen setzen zu wollen. Die geographischen Orte werden benannt und vermessen, ohne daß man sie auf Dauer beherrschen könnte. Die Inselbewohner sind wortkarg, aber auch die wortgewandten Erzähler wissen sich nicht besser zu helfen, im Gegenteil.
Angesichts der so zahlreichen Schilderungen der geographischen und menschlichen Unwirtlichkeiten, der atlantischen sowie psychischen Stürme und Flauten, all der Klettereien auf den schroffen Inselberg nimmt es gar nicht wunder, daß bisweilen der mit allen Wassern gewaschene Erzähler Schrott zu offensichtlich in die Trick-Bücherkiste oder zu abgenützten Vergleichen greift: "Das Eis knirscht trocken, als ginge man über Zuckerkristalle. Eine scheinbar unermessliche Weite; man selbst wie eine Ameise auf einem Tischtuch". Kurz darauf lässt er erklären: "Aber alle Vergleiche bleiben hilflos". Einige Längen hat der Roman, manches stellt er zu explizit aus, ein paar Mal leidet er an Metaphern-Inkontinenz. So zeigt der erste Satz den Himmel "makrelenfarben, schillernd wie der Rücken eines Fischschwarms, wenn er im Sommer an die Oberfläche steigt und einen Ball im Wasser bildet".
Die Intertextualität treibt Schrott weit über das Tristan-Thema hinaus, nicht nur bis zum "Sturm" und den "Wahlverwandtschaften". Er müsste sie auch im entbehrlichen Verlags-Begleitheftchen zu "Tristan da Cunha" gar nicht einschränken und einmal mehr den Zeigefinger auf sich selbst richten. Es stimmt einfach nicht, daß es sich nach Johann Gottfried Schnabel und Jules Verne "auch schon wieder hat mit der Literaturtradition dieser Insel". Da gibt es den interessanten Roman "Tristan Island" von Erich Wolfgang Skwara; und von einer Erzählung aus Primo Levis "Il sistema periodico" könnte Schrott für die Geschichte von Christian Reval angeregt worden sein.
Wörtlich bedient hat er sich jedenfalls bei der deutschen Übersetzung eines hierzulande viel zu wenig bekannten Meisterwerkes der Weltliteratur: "Os sertoes" ("Krieg im Sertão") des Brasilianers Euclides da Cunha, der auch in Schrotts Roman selbst auftritt. Ein paar seiner 1902 publizierten Sätze schreibt Schrott - nicht ausgewiesen - dem Priester Dodgson für 1882 in die Feder. Dabei erklärt allerdings Dodgson, daß das Bild, das er vom Monte Santo im Sertão gesehen hat, "das unwirkliche Gegenstück" zu jenem des jungen Euclides sei. Wenn das jedoch die andere Hälfte der Welt-Anschauung wäre, dürfte sie nicht mit denselben Wörtern geschildert sein. Zwar meint jene Figur, der Schrott via Begleitheftchen Signale seiner eigenen Dichter-Person zugeschrieben hat, der Brasilianer Rui, daß der schlechte Schriftsteller Anleihen nehme und der bessere klaue; die Kunst liege darin, "das Diebsgut so in den eigenen Zeilen zu verstecken, daß es sich fügt, nicht auffällt". Der gewiefte Arrangeur fügt auch dies in sein Programm abgewandelter Biographien und Poesie. Überheblichkeit aber wäre es zu glauben, Euclides da Cunha falle in jenem Dodgson-Brief nicht auf. Gewiss, ein geringer Einwand angesichts des mächtigen, ansprechenden, über weite Passagen meisterlichen Romans, der Raoul Schrott gelungen ist.
Auf den letzten Seiten mailt jener Rui, der einen Roman über Tristan da Cunha schreibt, Noomi lakonisch: "Ich habe eine Frau getroffen". Die Mitteilung falle ihm schwer, "und eine Hälfte von mir wünschte, es wäre nur Fiktion", während sich die andere bewusst geworden sei, "daß alles zwischen uns leider wirklich bloß Fiktion war", der er mit dem Schreiben habe Wirklichkeit verleihen wollen.

Zeyringer Klaus