Rezensionen 2004

Andreas Hapkemeyer, Language in Art. Sprachliche Strukturen in der Gegenwartskunst.
Beispiele aus dem Museion – Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen.
Regensburg: Lindinger + Schmid, 2004.

Sprachskulpturen

 

Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Direktor des Museions in Bozen, Andreas Hapkemeyer, mit einem Gebiet der Kunst, das nach der Aufbruchstimmung der sechziger und siebziger Jahre wieder mehr in den Hintergrund gerückt ist: mit der visuellen oder optischen Poesie und mit der Konzeptkunst. Nun hat er ein Buch vorgelegt, das anspruchsvolle und hochinteressante Ansätze wichtiger Exponenten dieser Kunst vorstellt, wobei sich auch auf dem Gebiet wenig bewanderte Leser angesprochen fühlen dürfen. Hapkemeyer geht in angenehmer, weil zurückhaltend persönlicher Weise an seine Sache heran und läßt die komplexe Materie plastisch und lebendig werden. Das Buch ist auch für Nicht-Experten leicht lesbar und durch Abbildungen anschaulich gestaltet. Die meisten der behandelten künstlerischen Arbeiten waren im Bozner Museion zu sehen, einige davon wurden für das Haus, das sich auf „sprachliche Strukturen in der Gegenwartskunst“ spezialisiert hat, angekauft. Die Tatsache, dass Hapkemeyer manche Künstler zum Teil seit vielen Jahren persönlich kennt und begleitet, gibt den Lesern immer wieder Einblick in den Prozeß der Entstehung eines konzeptuellen Kunstwerkes. Für Literaturinteressierte können sich anhand der versammelten Aufsätze grundsätzliche Fragen einer Textproduktion klären, die jenseits traditioneller Erzählweisen angesiedelt ist. Freilich steht, wie der Autor im seinem ausführlichen Vorwort schreibt, die bildende Kunst, stehen nicht Sprache und Literatur im Mittelpunkt des Buches. Das Experiment aber ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil auch der Literatur und speziell der Lyrik, vieles von dem, was Hapkemeyer über die bildende Kunst zu sagen hat, öffnet den Blick für die Intentionen der modernen, vom Konzept geleiteten Textproduktion. Abgesehen davon ist gerade das Fallen der Grenzen zwischen künstlerischen Disziplinen ein Wesensmerkmal der zeitgenössischen Kunst generell, die Auseinandersetzung mit prinzipiellen Fragen und strukturellen Prozessen in der Kunst jenseits von Gattungen erhellend.
        Wie Literatur und Kunst zusammenfinden, wird eingangs näher ausgeführt. Immer mehr Künstler bedienen sich der Sprache, um die Leerstellen der bildenden Kunst zu decken. Die documenta in Kassel und die Biennale in Venedig geben immer wieder Zeugnis davon, welch große Bedeutung die Sprache und ihre Möglichkeiten für bildende Künstler der Gegenwart einnimmt. Dabei geht es nicht nur um Bild-Text-Relationen, nicht nur um die Auslotung der Grenze zwischen Text und Bild/Skulptur, sondern um die Auseinandersetzung mit den „Nullpositionen“ der Sprache einerseits, des Bildes andererseits. Während die Sprache unfähig ist, „die visuell wahrnehmbare Wirklichkeit erschöpfend wiederzugeben“, kommt dem Bild „durch die Sprache Bedeutungen zu, die es aus sich heraus nicht an den Tag legen könnte“ (S. 18). Während etwa „die fotografische Abbildung eines Tisches sich auf einen ganz konkreten Tisch bezieht“, bringt das Wort „die Kategorie Tisch“ zum Ausdruck, „also alle möglichen Objekte, die unter den Begriff Tisch subsumiert werden können.“ [...] „Das Bild zeigt sich selbst bzw. den Gegenstand oder die Gegenstände, auf die es sich bezieht. Alles, was darüber hinaus gehen soll, bedarf der Intervention der Sprache“, gewissermaßen als Instrument der Generalisierung. Gleichzeitig schafft die Sprache „Eindeutigkeit“, während „ein Bild, das nicht auf die eine oder andere Weise in einem sprachlichen Zusammenhang steht, [...] offen und vieldeutig“ bleibt (S. 19). Und weiter: „Das Problem der Temporalität kann das Bild nur durch Bildfolgen bzw. die simultane Darstellung von Bewegungsabläufen lösen“,  auch „ist es Bildern nicht möglich, eine Negation oder eine Alternative darzustellen, ebensowenig Fragen und Befehle zu formulieren. Logische Schlüsse vermag das Denken nur mit Hilfe der Sprache auf der Grundlage von deren grammatikalischer Verfassung zu artikulieren.“ (S. 19f) Die bildende Kunst versucht, „die Grenzen des Aussagbaren durch Einbeziehen eines anderen Mediums weiter hinauszuschieben“, womit „eine Steigerung der Komplexität von Kunst“ erreicht werden soll (S. 20). Anhand der hier nur auszugsweise zitierten Ausgangsanalysen zu den Möglichkeiten von Sprache einerseits, bildender Kunst andererseits wird klar, weshalb Sprache in der zeitgenössischen Kunst eine so große Rolle spielt. Das Thema „Kunst und Sprache“ beleuchtet nicht etwa literarische Quellen, die hinter einem bildenden Kunstwerk stehen können, sondern Erscheinungsformen wie: „dem Werk vorgelagerte Texte und ihre Funktion, Sprechen als künstlerische Strategie, Skulpturen aus Sprache, das Oszillieren zwischen Bild und Schrift.“ (S. 21)  
        Das Buch versammelt 15 Aufsätze zu einzelnen Künstlerpersönlichkeiten oder Gruppen. Bezeichnenderweise widmet Hapkemeyer seinen ersten Beitrag dem amerikanischen Künstler Lawrence Weiner, dessen Textinstallationen Beispiele für Skulpturen aus Sprache sind. Weiner strebt das Maximum an Abstraktion an, die sprachliche Umsetzung von Material, völlig ungeachtet semantischer Bedeutungen oder symbolischer Konnotationen. Diese Arbeit ruft die Vorstellung des Betrachters in Bezug auf die Materialien, aus welchem die Skulptur realisiert werden soll, wach. Die „Beziehungen dieser Materialien zueinander haben keine metaphorische Bedeutung, meinen also nicht eigentlich etwas anderes, jenseits der Materialien Liegendes, sondern verweisen – in Fortsetzung des Traditionsstrangs der Konkreten Kunst oder auch des Minimalismus – nur schlicht und einfach auf sich selbst.“ (S. 39) Der künstlerische Ansatz gipfelt darin, dass das Werk gar nicht ausgeführt zu werden braucht, dass ein zeichnerisches oder schriftlich niedergelegtes Konzept genügt, weil es nur um die Vorstellung, also um einen geistigen Prozeß geht.
        Ausgehend von Weiners extremer Position faltet Hapkemeyer weitere konzeptuelle Ansätze auf, die doch in stärkerem Maß sinnlich ansprechen. Maurizio Nannuccis Schriftinstallationen spielen mit dem Zusammenfallen von Aussage und Darstellung, wobei der Rätselhaftigkeit der Aussage, unterstrichen durch das Medium Licht, wesentliche Bedeutung zukommt. Nannucci ist ein Dichter, der sich mit Sätzen, Wörtern und Buchstaben auseinandersetzt, nicht zuletzt um deutlich zu machen, „wie inadäquat Sprache im Verhältnis zur Wirklichkeit sein kann.“ (S. 55) Völlig evident wurde diese Absicht in einer bei der Biennale in Venedig 1978 präsentierten Arbeit: Nannucci ließ auf dem Himmel ein von einem Flugzeug gezogenes Transparent mit dem Schriftzug „Image du ciel“ erscheinen. 
        Jochen Gerz’ „Mahnmale aus Sprache“ bringen die – anderweitig verborgene, aber doch immer anwesende - politische Dimension der Konzeptkunst deutlicher ins Spiel, wobei bei dem deutschen Künstler die dialogische Absicht noch stärker als bei Weiner und Nannuccis zutage tritt. Der Künstler eröffnet mit seinem Konzept einen Dialog mit der Gesellschaft und braucht seine Umgebung zur Vollendung des Werkes. Der Dialog und die gedankliche Präsenz treten an die Stelle des sichtbaren Objektes, sie sind das eigentliche Kunstwerk. Ein Denkmal kann der „Verweis auf etwas Abwesendes“ sein, die Reflexion, der Prozeß ist der Gegenstand. Die hier mitschwingende Gegenüberstellung von „Kunst und/oder Leben“ deutet auf die gesellschaftspolitische Relevanz der in den sechziger Jahren zu neuen Ufern aufbrechenden jungen Kunst. Hier wären auf internationaler Ebene etliche Beispiele, konkrete Arbeiten und konkrete Künstlerpersönlichkeiten, zu nennen, in Österreich sind es etwa Arnulf Reiner und Heimrad Bäcker, denen Hapkemeyer jeweils einen Aufsatz widmet, in Italien ist es u.a. der weitgehend unbekannte Gianpietro Sono Fazion, der vorgestellt wird.
        Sympathisch ist, dass ein heute nicht mehr in der Szene agierender Künstler wie Fazion in Hapkemeyers Buch ausführliche Beachtung erfährt, zeigt der Autor doch damit, dass es ihm um die Auslotung unterschiedlichster Spielarten, bei aller Exemplarität um die Präsentation eines möglichst breiten Spektrums und nicht um das Bedienen gängiger Erwartungen geht. Fazion, so stellt Hapkemeyer dar, hat bereits in den frühen 70er Jahren als junger hoffnungsvoller Konzept- bzw. Landartkünstler der Szene den Rücken gekehrt und die Frage „Kunst und/oder Leben“ mit dieser persönlichen Entscheidung radikal beantwortet. Das aus Fotoarbeiten, konzeptuellen Landkarten und einer Anzahl poetischer Texte bestehende Werk Fazons kreist um das Thema „Handlung/Nicht-Handlung“ und um den oft rücksichtslosen menschlichen Zugriff auf die Natur. In der „Sensationslosigkeit“ des Kunstwerkes und in der Verweigerung gegenüber Vermarktung jeder Art sah Fazion das Wesentliche. So durchstreifte er z.B. die Landschaft und vergrub an besonders unwegsamen Stellen Texte, den ungefähren Ort verzeichnete er auf Karten. Die Texte sollten nicht auffindbar sein, die Kunst ist der bloße Verweis auf das Verhältnis von Mensch und Natur (Serie „Non Luoghi/Nicht-Orte” 1967-86). Fazions Austritt aus dem Kunstbetrieb, die Hinwendung zu religiöser Praxis wertet Hapkemeyer als „Übergang in die Bilderlosigkeit“, als „konsequente Fortsetzung des Vorhabens, Kunstpraxis in Lebenspraxis zurückzuführen.“ (S. 112, 116)
        „Von der Schönheit des Denkens“ als zentrales Moment der Kunst des Tirolers Heinz Gappmayr handelt ein weiterer Aufsatz in dem Band. In der Affinität zur Philosophie und der Rückbezüglichkeit seiner Sprachpraxis („Wörter sind sinnlich wahrnehmbare Zeichen für Begriffe. Begriffe wiederum sind Vorstellungen“, S. 157) liegen die Grundanliegen dieses konkreten Poeten, der schon früh den Übergang der Schrift als physisches Zeichen zum Gedachten als eigentlichen Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit sah und sich in seiner Arbeit über Jahrzehnte hinweg im Spannungsfeld zwischen Gedanken und Zeichen aufhielt. In der Eröffnung eines nicht kontrollierbaren Leerraumes, dem indirekten Verweis auf Unsichtbares und Unausgesprochenes, liegt der Reiz von Gappmayrs nüchtern wirkenden Sprachgebilden und Raumkonzepten.
        Matt Mullican, Emilio Vedova, Hiroshi Sugimoto und andere: Mit jedem Beitrag wird einem einerseits die philosophische Tiefe der Konzeptkunst, andererseits ihre im Grundsatz verankerte gesellschaftskritische Dimension deutlicher vor Augen geführt. Die hier herausgegriffenen Beispiele mögen zum Lesen anregen, denn Hapkemeyers Buch ist, so sehr es auch von der konkreten Museumsaktivität in Bozen ausgeht, dazu angetan, die prinzipiellen Züge der konzeptuellen Kunst begreifbar und in all ihren Spielarten nachvollziehbar zu machen. Die „sprachlichen Strukturen in der Gegenwartskunst“ sind ein spannendes Kapitel der kreativen Welterkundung, das viel zum Verständnis der zeitgenössischen Kunst generell, auch in ihren konventionelleren Ausformungen, beiträgt.

Erika Wimmer