Rezensionen 2003

Bernhard Sandbichler (Hg.), Andreas Hofer 1809. Eine Geschichte von Treue und Verrat.
Ein Lesebuch.
Innsbruck: Tyrolia, 2002, 168 Seiten.

andre zeiten, gleiche hofer

„wos tuin heint mitn ander hofer“, lautet ein Vers in Joseph Zoderers Gedicht „statt die hantl foltn di faischt zoagn“(S. 124) aus dem Jahr 1974. Gute Frage, denkt sich die Leserin, und schlägt Bernhard Sandbichlers Lesebuch über einen offenbar unsterblichen Tiroler Mythos, Andreas Hofer, mit der festen Absicht auf, ein wenig darin zu lesen. Nicht zu lange, es gibt schließlich lohnendere Lektüre, denkt sie, aber: Sie hat sich vor nicht langer Zeit „1809 – Die Freiheit des Adlers“ im Kino angeschaut, ein Film von Xaver Schwarzenberger nach dem Drehbuch von Felix Mitterer. Schon da hat sie sich gefragt, wieso um alles in der Welt sie diesen Film nicht als maßlos langweiliges Machwerk sofort zur Seite legen konnte. Was war da an dieser Geschichte, die trotz der Unmöglichkeit angesichts von Geschichte auch auf sie eine gewisse Faszination ausübte?
„Wos tuin heint“ mit einer so abgegriffenen und gewiss auch missbrauchten historischen Persönlichkeit wie Andreas Hofer? Die Frage bleibt grundsätzlich bestehen. Bernhard Sandbichler aber hat - das lässt sich zu Beginn der Lektüre, die nun doch eine längere zu werden scheint, schon sagen - eine interessantere und auch überzeugendere Perspektive eingenommen als Mitterer und Schwarzenberger. Er hat Texte verschiedenster Autorinnen und Autoren aus zwei Jahrhunderten gesammelt, die sich alle mehr oder weniger direkt mit Hofer beschäftigen. Er hat Hofer durch die Brille anderer betrachtet und damit eine neue Geschichte erzählt, eine Geschichte von Anziehung und Abstoßung. Von der Hymne über die Analyse bis zur Schelte ist in Sandbichlers Lesebuch alles zu finden. In diesem Licht erscheint der zunächst klischeehaft anmutende Untertitel des Buches – „von Treue und Verrat“ – nicht nur zutreffend, er verweist auch auf den ironisch distanzierten Hintergrund des Herausgebers. Denn gerade diese beiden in Zusammenhang mit der Geschichte der Tiroler Freiheitskriege gern absolut gesetzten Begriffe sind mehr der Rezeptionsgeschichte als der historischen Wahrheit selbst zuzurechnen.
Mit einem informativen Kommentar, der sich einer Bewertung weitgehend enthält, führt Sandbichler die Leser durch diese Rezeptionsgeschichte hindurch und erhellt so die Mechanismen, die wohl zu jeder Mythenbildung gehören: Es wird immer auch Eigenes in die Geschichte hineingewoben, der Standpunkt der Betrachtung färbt die Realität, setzt Akzente und unterschlägt Aspekte. Ältere Texte wie die von Friedrich Hölderlin, Joseph von Eichendorff, William Wordsworth, Bettine von Arnim oder Heinrich von Kleist stehen neben ganz jungen wie die von Claudio Magris, Felix Mitterer, Barbara Hundegger, Herbert Rosendorfer oder Georg Paulmichl, gemeinsam ergeben sie ein buntes Muster von Betrachtungsweisen. Nicht in jedem Text ist Hofer und sein Bauernkrieg der klar auszumachende Gegenstand des Textes, manche Texte setzen sich bloß mit vergleichbaren Phänomenen auseinander und deuten indirekt auf das nämliche Kapitel der Tiroler Geschichte. Allein schon die Überschau lässt die Leser ahnen, wo Wahrheit zu suchen und Lüge aufzudecken wäre. Aber mehr als einen spannenden Ausflug scheint diese Textsammlung nicht bieten zu wollen, wenn man wissen will, wie die Geschichte tatsächlich war, so muss man sich einem anderen Studium hingeben. Wie es aber zum Mythos Andreas Hofer gekommen sein mag, wird schon eingangs angedeutet: „1809 organisiert sich im Land der Widerstand gegen die Segnungen der Französischen Revolution und ein Tiroler Bauernheer siegt über die kriegserfahrenen Generäle und gedrillten Soldaten des Franzosenkaisers. (...) Mit der endgültigen Niederschlagung der Erhebung (...) rückt der Kriegsschauplatz Tirol wieder aus dem Blickwinkel Napoleons. Für Momente aber waren Tirol und sein Oberkommandant und kurzfristiger Landesregent Hofer Sand im Getriebe der Weltgeschichte“ (Klappentext). Wo einmal Bedeutung erlangt wurde, wo man einmal in die Mitte gerückt ist, da ist fruchtbarer Boden für lang anhaltende Ereiferung, für Machtphantasien, für die Fortschreibung scheinbar volksimmanenter Kraft und Aufmüpfigkeit, sprich für Legendenbildung.
„Eine Geschichte von Treue und Verrat“ ist ein Lesebuch, das solche Auslegung ermöglicht, nicht aber mit dem Finger darauf zeigt oder gar denunziert. Trotz seines schwergewichtig klingenden Themas kommt es leichtfüßig daher und vermag durchaus zu unterhalten. Die manchmal bewusst kontroversielle Zusammenstellung von mehr als 40 Texten aus zwei Jahrhunderten sowie der Kommentar liefern in der Summe viel Information, ein wohltuendes Augenzwinkern schwingt immer mit. So steht etwa Julius Mosens Text „Sandwirt Hofer“, von Leopold Knebelsberger vertont und damit zur Tiroler Landeshymne erhoben, neben den Zeilen eines H. C. Artmann, die alles Hymnische veräppeln. Verkitschte Hofer-Bilder werden nicht unterdrückt, differenzierenden oder satirischen Auseinandersetzungen wird andererseits Gehör verschafft. Sandbichler erweckt an keinem Punkt der Darstellung den Eindruck, große oder gar letzte Worte verkünden zu wollen. „‚s isch Zeit!’ sagt man in Tirol noch heute“, heißt es im Klappentext, aber der Kommentator lässt sich anders als viele Zeitgenossen an keinem Punkt zu derartig missglückten Aktualisierungen verführen.
Die Leserin, die weit öfter als je beabsichtigt das Buch zur Hand nimmt, sucht während ihrer Lektüre immer wieder nach einer Erkenntnis: ANDRE ZEITEN – ANDRE HOFER lautet ein Wortspiel des Südtiroler Autors Matthias Schönweger, das ihr seit der vor nunmehr etlichen Jahren deutsch-italienisch-ladinisch ausgeschriebenen Kulturinitiative „Wörter zu Tirol“ (DENKart/PENSart/PENSert) in Erinnerung geblieben ist. Wo sind sie, die anderen Hofer? In diesen Texten von Jacques Le Goff bis Christian Berger findet sie immer nur die gleichen. Große, moralisch erhabene Helden, kleinere Helden zuweilen, kaputte Helden manches Mal, schwach gewordene Helden zwar, aber eben immer noch Helden. Selbst bei Barbara Hundegger, die in ihrem Gedicht „innsbruck lassen 1“ ein Heer von Frauen – „bäurinnen aus dem oberland und breite senninnen mit selten gewordenen tieren“ – auf das O-Dorf zumarschieren und „schwestern aus ihren küchenhochzellen“ herabwinken läßt, um Revolution zu machen, etwa „den herwig den alois den hans wie sie heißen aus rathaus gasthaus haus“ zu holen, scheint die Suche der Leserin zunächst erfolglos zu sein. Selbst hier sind nur die Rollen vertauscht, die Zeiten verkehrt. Selbst hier zeichnet sich kein Hofer jenseits Tiroler Eigenart und ohne Kriegsgeschrei ab. Allerdings: In Hundeggers Gedicht liefert der Schlussvers „auf euch, autonome, konnten wir nicht mehr warten“ zumindest einen Ausblick. Hier deutet die Literatur zumindest die Möglichkeit an, daß Kämpfe, für welche Sache auch immer, anders geführt werden könnten.
Doch die Möglichkeit bleibt schwach, ungewiss, und die Leserin schließt Bernhard Sandbichlers Textsammlung mit der Schlussfolgerung, daß Schönweger vermutlich keine anderen, bloß weitere Hofer im Auge gehabt haben musste.

Wimmer Erika