Rezensionen 2004

Matthias Schönweger, von & zu Peter & Paul.
Innsbruck: Skarabaeus, 2003.

Es ist ein Sprachereignis ersten Ranges, das Matthias Schönweger hier entfaltet über Peter Mitterhofer und sein Ding, das er aus dem Wald gehauen hat und im Partschins des 19. Jahrhunderts daherkam wie ein Hornerschlitten: die erste Schreibmaschine. An diese Apparatur, die im Prinzip schon alles hatte, was Waffenschmied Remington und Konsorten bei den folgenden Modellen nur noch in großem Stil industriell verfeinerten, setzt „msch“ die Textmaschine aus dem 20. und 21. Jahrhundert: sich selbst in der Figur des Paul.

Als sein erster Roman wird das Buch auf dem Umschlag angekündigt, und es wäre nicht Schönweger, wenn er diese Gattung nicht auf alle sprachkompositorischen Möglichkeiten hin ausleuchtete, die Form als solche beim Wort nähme und das Werk architektonisch plante und zusammenbaute wie weiland Mitterhofer die Maschine. Genau 200 Seiten ragt der Roman in die Tiefe – die Seite 13 wurde ausgelassen – und ganz ohne visuelle Poesie geht’s bei „msch“ nie: Das Auge des Dürer-Apostels vom Cover blickt dich dort, wo sonst z.B. Asterisken stehen, also zwischen den Textabschnitten, stetig an.

Das Buch ist zwei in einem, Roman und „Roman-Ce“, eigentlich Biografie und Autobiografie, Gemeinsamkeiten zwischen Peter und Paul werden gesucht, gefunden und herausgearbeitet.

Da wäre zunächst einmal die scheinheilige Gesellschaft, die kreatives Schaffen damals wie heute nicht unbedingt erleichtert, die Peter und Paul im günstigsten Fall irgendwann zu Heiligenbildern werden lässt. Hundert Jahre nach Mitterhofer hat sich in mancher Hinsicht nicht viel geändert, nicht nur in der Partschins-Provinz mit den Dorfpatronen Peter und Paul. Besonders deutlich wird dies bei Peter bei seinem Gang zu Fuß (!) nach Wein zum Kaiser, um dort für sein „SpielZeug“ (S. 96) mit einer Mini-Subvention von „über zweihundert Gulden“ (S. 96) abgespeist zu werden, bei Paul an seiner Passersteine-Färbeaktion, damit Meran endlich eine Kläranlage erhält. "Auch Peter und Paul haben Klinken geputzt, der eine beim Kaiser, ich bei Galeristen und Verlegern" (S. 66).  

Dann die geistige Verwandtschaft zwischen Peter und Paul, die Lust am Text und an der Aktion, die Schönweger durch das Einflechten zahlreicher Textquellen von Mitterhofer zeigt. Peter liebt es wie Paul vulgo Matthias, Redewendungen oder bekannte Gedichte, die als Texteinheiten wenn nicht im Sprachgebrauch so zumindest im allgemeinen Bildungsgut eingeschrieben sind, aufzugreifen und durch Variationen, Brüche und Erweiterungen pointiert zuzuspitzen wie beispielsweise: „Schiller... Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Fluegel weilt. Mitterhofer... Schlagen ihre Brueder nieder! / Wenn erst deine! Fluegel schlagen, / wie im Maerchen und in Sagen – / nie mehr eine Wunde heilt “ (S. 166). Oder durchzustreichen: „Goethe, Die Vögel: Der Ausgang gibt den Thaten ihre Titel. Von Peter Mitterhofer drei Mal rot untermalt und einmal blau durchgestrichen“ (S. 166). Mitterhofer war nicht nur dem Dichten, sondern auch der Musik sehr zugetan („Pea tourt über Land, das verschneite, gibt gegen Kost und Logis auf seinem Weg Bunte Abende“, S. 182), ein Multimedia-Performance-Artist wie heute Matthias Schönweger. Der Musik kommt überhaupt eine ganz essentielle Bedeutung zu auch für das Erfinden, die Innovation: „Sein Xylophon mag ihn auf den Gedanken auf den Gedanken gebracht haben – eine ähnliche Apparatur aus Tasten, Hebeln und Hämmern müsse sich, geräuscharm diesmal, dazu verwenden lassen, den in aller Welt händischen Schreibvorgang durch das Spielen auf einer Klaviatur zu ersetzen“ (S. 60).

Bei allen Widerständen, denen sich Peter und Paul ausgesetzt sehen, hört das Buch nie auf, deren Lebensfreude zu vermitteln. So ist es über weite Strecken auch ein Kochbuch, das einige Küchentipps und so manches Schmankerl zum Nachkochen bereithält, z. B. leckere Makrelen-, Schwertfisch- und Muschelgerichte unter der Überschrift   „Ein Tris für zwei“ (S. 46 und 47). Auch das Liebesleben kommt nicht zu kurz, sprachlich genauso lustvoll und plastisch aufbereitet wie die geschichtlichen Ausflüge zu den Ereignissen und Erfindungen des 19. Jahrhunderts („Einer sucht und findet SamenFäden, ein gewisser Kölliker, und ein Mann mit Namen Bischoff stößt auf die periodische Eireifung; als erster beobachtet Remak, wie sich die Zelle teilt, Berzelius gewichtet Atome, der Elementar-Analytiker Liebig eröffnet den agrikultur-chemischen Reigen, Runge zaubert schon vorher aus Kohle Phenol und Anilin, und einer heißt Perlin, der macht FarbStoff aus Teer“, S. 97 f.).

Letzten Endes und nicht zuletzt ist „von & zu Peter & Paul“ auch ein Gedicht. Es enthält nicht nur im Fließtext viele Sätze zum Aufschreiben und Merken („Die Menschheit besteht heute schon aus über 90 Prozent Toten“, S. 43), besonders eindrucksvoll sind die zahlreichen eingeflochtenen Beispiele konkreter und konzeptueller Poesie Marke Schönweger. So steht schon auf S. 7:

 

ES GEHT RUND

AUF DER ERDE

SEITDEM SIE SICH DREHT

 

Sie ziehen sich so weiter durchs ganze Buch und halten in Atem. Sie wirken oft wie ein Erzählerkommentar, bauen zugleich auch eine lyrische Spannung zur Prosa auf. Mal kommen sie als epigraphartige Wegmarken daher, zumal wenn die typografische Anordnung eine Kreuzform ergibt, mal wie Aphorismen auf einem Abreißkalender. Sie sind auch eine autobiografische Werkschau, eine Ausstellung einiger seiner Arbeiten – wie sie beispielsweise im Prachtband „Flügelverleih“ (Edition Raetia 2000) versammelt sind –  im Buch. „msch“ zeigt hier alle Register seiner Wortartistik, bricht und variiert Wörter, Wendungen und Zeilen an den richtigen Stellen, permutiert und serialisiert Wortpaare und Wortkonstituenten so lange bis die Semantik kippt und bricht und umschlägt. „Irre Parabel“ (S. 43), ein Wortcocktail vom Feinsten wird da geschüttelt. Einige dieser Konstellationen haben durchaus schon einen motivischen Status erlangt, (S. 66:) „NACH WIE VOR“ (Gerhard Jaschke) oder (S. 189:) „PAPSSST“ (Werner Herbst) sind nur zwei Beispiele der guten Nachbar- und Verwandtschaft, die aber jeweils individuell realisiert wird.

Somit präsentiert sich  „von & zu Peter & Paul“ als ein opulentes Sprachmenü in vielen Gängen, das alle Sinne anregt und anspricht, mit viel feinem Italienischem und kernigem Dialektalem, das immer wieder sehr gut schmeckt und wohl bekommt. Che bello!

Günter Vallaster