Rezensionen 2003

Hans Haid, Sie nehmen auch den Schnee – ils prennent aussi la neige.
Lektüre für geübte & ungeübte Rückwärtsleser & Vorwärtsdenker. Hg.: Gerhard Prantl, Gerlinde Haid.
Innsbruck: TAK, 2003, 117 Seiten.

Eine Hommage an den Walliser Schriftsteller und engagierten Tourismuskritiker Maurice Chappaz ist der von Gerlinde Haid und Gerhard Prantl herausgegebene und sehr bibliophil gestaltete Band, der Texte und Bilder von, zu und über Hans Haid und Maurice Chappaz versammelt und der zu einer Schatulle, randvoll mit kostbaren Schätzen, geriet: Von den Grafiken Helmut Kurz-Goldensteins, die das Buch einleiten, bis zur CD-Beigabe am Schluss, auf der eine gemeinsame Lesung von Maurice Chappaz und Hans Haid im Rahmen der Reihe „Musik und Poesie in den Alpen“ dokumentiert ist, die 1987 in Gries bei Längenfeld/Ötztal stattfand. Diese Lesung bildete auch die Grundlage für den vorliegenden Band. Von hinten nach vorne zu lesen und damit schon gegen den Mainstream und aufrüttelnd gegen konventionelle, fast schon festgefahrene Rezeptionsweisen gerichtet, ist es ein Buch, das gegen den Strich geht, gegen den Lawinenstrich, gegen den Massentourismusstrich. Darin tritt der kritische Mundartdichter und Volkskundler vom „Roale“-Hof im Ventertal in einen persönlichen und interalpinen Dialog mit seinem Dichterfreund und Walliser Pendant, in freien Improvisationen zu Texten Chappaz´, in Gedanken an ihn beim Mähen, mit neueren und älteren Gedichten. Das Zurückblättern vermittelt auch den Eindruck einer Retrospektive. Von „Zuhältern des ewigen Schnees“ spricht Maurice Chappaz und meint skrupellose Geschäftsleute, die Berggipfel zu ihren Prostituierten machen. Dadurch erhält die Ausbeutung und Plünderung bis zum letzten Rest, die der Titel „Sie nehmen auch den Schnee“ anspricht, noch eine verschärfende sexuelle Konnotation.
Den Textreigen eröffnet Maurice Chappaz mit einer Darstellung des Großen Sankt Bernhard (im französischen Original und in deutscher Übersetzung von Barbara Haid) und seiner Geschichte als Alpenpass und Schnittstelle zwischen Nord und Süd, von den Pilgern und Herrschern bis zur „immerwährenden Schlepperei, über das Lenkrad der Autos gebeugt“ (S. 5). Daran knüpft Hans Haid mit Reflexionen an und vergleicht das Entremont – das Tal, das zum Großen Sankt Bernhard führt – mit dem Ötztal und setzt in seiner Darstellung der „Alpenüberschreitungen“ Hannibal Ötzi entgegen.
In den darauf folgenden „freien Impressionen zu Texten von Maurice Chappaz“ ergänzt Haid Chappaz’ Thesen aus Ötztaler Sicht durch drastische und poetisch intensive Schilderungen der dortigen touristischen Zustände. Es geht um Talzerstörung durch „schweinsbarockschwülstigkeiten“ (S. 13), um „herren über schnee und bauer“ (ebd.), um Scheinheiligkeit („die scheinheiligen schweine“, ebd.), um „alpenpornosoftbarbarei“ (S. 15), um „gletscherseeausbruchleichen“ (S. 14) im Ventertal und im Val des Bagnes, auch ein Staudammbruch, dem „nur gastarbeiter“ (S. 15) zum Opfer fallen, wird in Szene gesetzt. Schnee in allen möglichen Zusammensetzungen und Ausformungen durchzieht dieses Pamphlet in 16 Kurzkapiteln wie ein weißer Faden: Schneemachen, Schneekrieg, Schneeherr, Schneehimmel und viele weitere mehr. Als Schluss- und Gipfelpunkt des Textes wartet „der aasgeier“ auf die „SCHÖNE LEICH“ – gleichsam ein anagrammatisch ausgeapertes Schnee-Öl-Ich.
Gletscher, Eis und Schnee kommen auch in der Auswahl von Gedichten Hans Haids gehäuft vor, beispielsweise in der „schneefuge“, in der die Abhängigkeit des Tourismus vom Schnee als „erlösender schneefall“ zum Ausdruck gebracht wird, der wie Manna vom Himmel fällt, in Wirklichkeit aber alles unter sich begräbt. Celans „Todesfuge“ zitierend, wird „abends und mittags und nicht zu vergessen auch morgens“ getrunken, denn: „wir haben den NEUSCHNEE / wir haben den ECHTSCHNEE / wir haben den KUNSTSCHNEE“. Oder in „weeret enk“ („wehrt euch“): ... si pöern olle / fearnar oon / mittn schauflen / mittlat / durches weisse / harchz (... sie bohren alle / gletscher an / mit den schaufeln / mitten / durch das weiße / herz ...). Weiters wird in vielen Gedichten die Kargheit des bergbäuerlichen Lebens verarbeitet, oft an Beckett’sche Szenarien erinnernd, wie beispielsweise in „Landschaft mit Baum“, dessen bildnerische Umsetzung mit zaunartig wirkenden Wörtern von Chryseldis Hofer-Mitterer ebenfalls abgedruckt ist. Nicht zuletzt wird Ausbeutung, besonders auch der Frauen, in vielen Gedichten thematisiert, so in „bugglat“: bugglat / hintrn Hause / Naale / klaubet / Höülz ... (gebeugt / hinter dem Hause / die Großmutter / klaubt / Holz ...). Oder in „ir Lebtog“: ... geköchet / gflicket / gfüetrt / gflüechtet / ir Lebtog / geworchtet ... (... gekocht / geflickt / gefüttert / geflucht / ein Leben lang / gewartet ...). Über viele Gedichte zieht sich auch das Seil, der Draht, der Strick, der Seilbahndraht: In „mei Neene“ („Mein Großvater“): ... in Pargnen / hängen an / Soalboondraatnen / seine Suugelen ... (... in den Bergen / hängen an / den Seilbahndrähten / seine Schäfchen ...). In „weeret enk“ („wehrt euch“): ... hänget enk / an soalboondraatnen / au und singet ... (... hängt euch / auf den Seilbahndrähten / auf und singt ...). Oder „in dr leschtn hilzan hölzpruggen“ ... hänget oar / zmöerns / af an schtricke / vö dr decken ... (in der letzten / hölzernen / Holzbrücke / hängt einer / des Morgens / an einem Stricke / von der Decke ...). Bauernhaus und Scholle werden als Anti-Idyllen skizziert, exemplarisch in „geplüamte Fenschtrscheibenviirhänge“: ... lei a Nochtlampele prinnet / in an Weinglaaslan / schwimmet a Flüiga ... (... nur eine Nachtlampe brennt / in einem Weinglas / schwimmt eine Fliege ...). In „Paurnhaus“ („Bauernhaus“) wird sogar die Krippenromantik desillusioniert: ... a Herrgöütswinkl / a Pöüppele / au und au vollgschissn / in ar Wiegen / dies numma geit (... ein Herrgottswinkel / ein Kleinkind / auf und auf vollgeschissen / in einer Wiege / die es nicht mehr gibt ). Viele Gedichte erinnern an Gebete, ein „Amen“ oder „Alleluja“ taucht immer wieder auf. Damit entlarvt der „Alpen-Abraham-a-Santa-Clara“ (Peter Turrini im Vorwort auf Transparentpapier) pointiert die Scheinheiligkeit und Oberflächlichkeit, zumal immer auch Fremdenverkehr, Hotellerie, Bauwut und Profitgier in diese Gebete gekleidet werden: ... hochgelobt und gebenedeit / an POLMSUNNTOOGE / is asö weit / di frentn keemen ... (... hochgelobt und gebendeit / am palmsonntag / ist es soweit / die fremden kommen ...). In der „Heiligen Gletscher-Kommunion“, die den Abschluss von „Mein LEBEN am BERG (Herbstausstellung Meran 2002 ,Schöne Aussicht – Bella Vista’)“ bildet, heißt es: keemet / knielt niedr / busslt in schnea / busslt in fearnar ... (kommt / kniet nieder / küsst den schnee / küsst den gletscher ...): Der Konnex mit den Texten von Maurice Chappaz tritt deutlich zu Tage.
Sämtliche Gedichte sind nicht nur als Verständnishilfe zusätzlich in der deutschen Schriftsprache wiedergegeben, bei vielen wurden auch Übersetzungen in verschiedene Sprachen angeführt, was zum einen die sprachlich-kulturelle Vielfalt im Alpenbogen dokumentiert, zum anderen darüber hinaus die internationale Bedeutung der Gedichte unterstreicht. So sind einige Texte von Pierre Garnier, dem bedeutenden Exponenten der spatialen Poesie, ins Französische und Pikardische übersetzt, Giovanni Nadiani übertrug Gedichte ins Italienische und Romagnolo, Lydia Obholzer und Burghild Holzer übersetzten ins Englische, Oswald Andrae ins Plattdeutsche. Beim Gedicht „geplüamte Fenschtrscheibenviirhänge“ ist ein Hinweis auf Übersetzungen in viele weitere Sprachen und Dialekte angegeben.
Den Band runden schließlich unterschiedliche Stimmen zu Hans Haid, dem unermüdlichen Seismographen der touristischen Naturzerstörung und Chronisten des Untergangs des Alpenlandes, ab: Von Felix Mitterer, Peter Turrini, André Weckmann, Kurt Adel, Sebastian Steinbauer und Fred Sinowatz, die alle sehr eindrucksvoll Person und Werk beschreiben. Zwischen diesen Statements findet sich auch eine Farbzeichnung von Dora Czell. Ganz am Schluss des Buches ist der Text des beigelegten Tondokuments abgedruckt: Maurice Chappaz’ Pamphlet „Les maquereaux des cimes blanches“, ins Deutsche übertragen als „Die Zuhälter des ewigen Schnees“, gelesen vom Autor im französischen Original und von Hans Haid in deutscher Übersetzung.
Sehr ansprechend und die Texte auf jeder Seite auch ästhetisch ergänzend ist die Gestaltung des vom Bozner Buchhändler und Lehrer Konrad Egger handgefertigt gebundenen Buches: Vom schneefarbenen Einband über die Faksimile-Elemente auf vielen Seiten, die transparenten Zwischenseiten bis zur Paginierung mit Zahlen aus dem Prägegerät. Dies verleiht dem Band die Charakteristik eines Albums, was noch dadurch bestätigt wird, dass ein Originalfoto von der gemeinsamen Lesung von Maurice Chappaz und Hans Haid eingeklebt ist. Ein Album über die Alpen, das Band 2 der von Gerhard Prantl und Gerlinde Haid begonnenen Pro vita Alpin & Freistaat Burgstein-Reihe schon freudig-gespannt erwarten lässt.

Vallaster Günter