Rezensionen 2003

Markus Köhle, Pumpernickel.
Innsbruck: Skarabaeus, 2003, 128 Seiten.

Als „süß und würzig“ wird in Wörterbüchern „Pumpernickel“ beschrieben, genauso ist der vorliegende Erzählband gleichen Titels. Er repräsentiert auch die erste Buchpublikation des 1975 geborenen Autors, der sich bereits durch zahlreiche Lesungen, Teilnahmen an und Moderationen von Poetry-Slam-Veranstaltungen, Publikationen in Zeitschriften und Literaturmagazinen (Cognac & Biskotten, Freibord u.v.m.), als Mitglied der literarischen Kabarettgruppe „Die Schreibmaschinen“, schlagwerkender Mitstreiter von Jörg Zemmer in der Band „Abendroth“ und Herausgeber des gediegenen literarischen Fotomagazins „Flash“ (gemeinsam mit dem Fotografen Tommy Seiter) einen festen Platz in der Literaturszene Tirols und darüber hinaus erschrieben und erlesen hat.
Frei nach dem Motto „keine Probleme – nur Lösungen“ werden in „Pumpernickel“ längere und kürzere Erzählungen wie Schnitten übereinander geschichtet. Es sind Loser- bzw. Pseudo-Winner-Figuren auf der Suche nach Sinn, Exzess und Arbeitsplatz, und wenn nicht nach dem Ein und Alles, so zumindest vehement nach dem Einen, die in diesen Geschichten entfaltet werden. Und mit einigen Protagonist/inn/en nimmt es auch kein gutes Ende. Die Locations sind mediterran und tirolisch – auch der GEIWI-Turm wird zum längst fälligen literarischen Topos. Die Soziotope sind oft alkoholgetränkt und paarungsschwanger, es geht um den ganz alltäglichen Horror, der sich z.B. in einem Stabmixer manifestiert. In 7 Episoden gehalten ist die längste Erzählung, „Ein Betthupferl für Erwachsene“, die Geschichte des Feng-Shui-Beraters Knut Knaller und der Sekretärin Martha Mahlknecht, die sich Folge für Folge immer mehr zu einer Na-dann-gute-Nacht-Geschichte entwickelt. Dazwischen sind kürzere Stories eingestreut: „Falsche Fährte?“ gibt darüber Auskunft, was sich fünf vor High Noon in einem tunesischen Strandcafé alles abspielen kann. „Adams allererster Apfel“ schildert, was passiert, wenn Adam sich zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Fähre nach Griechenland von einem Apfel verführen lässt. In „C´est la vie!“ geht es um die Folgen des Berufswunsches „Bergwerksführer“ für jemand, der zufällig Max Mustermann heißt. Zufällig Franz Fuchs heißt auch der Protagonist, der sein „Beziehungsgeschnetzeltes“ erlebt. Emmerich Sandmann wandelt in „Advent-Adventure-Action“ traumtänzerisch in 4 Akten zum Kiachlgang ins „Glühwein-Ghetto“ (S. 75) Christkindlmarkt und muss saunierend in „Liebe macht stark“ erfahren, wie eine Leberkässemmel die Artikulation steuern kann. In vielen Textpassagen wird die Leserin bzw. der Leser auktorial – oft dialogisch – einbezogen. Dieses Erzählverhalten wird, meist in Verbindung mit einer ironisierenden Erzählhaltung, virtuos variiert, wodurch zum einen zusätzliche Spannung aufgebaut und zum anderen viel Humor entladen wird: Vom Fabulierer antik-epischen Zuschnitts über den dokumentarischen, auch aufzählenden Berichterstatter bis zum Reporter, der „live bei Biss vier“ (S. 32) wieder einsteigt und Moderator, der sich locker-leicht Jargonismen und Anglizismen (Falco, schau oba!) bedient. Bei Vergleichen werden Medien-Ikonen wie Grisu, der kleine Drache oder Samantha Fox verwendet und Werbeslogans abgewandelt. Eingeflochtene Bibel- und Märchenmotive werden ebenso selbstreflexiv kommentiert. Die erzählerische Selbstthematisierung wird als origineller Höhepunkt in den letzten beiden Geschichten, „Das St. Johanner Schlafsackwunder“ und „Pumpernickel (Schlafsackstory #13)“, wiederum selbst thematisiert, indem von einem Schlafsack, der wundersam zu einem Erzähler wird, sowie eine seiner Erzählungen erzählt wird. Ein Lesevergnügen, das eine/r sich nicht entgehen lassen sollte!

Vallaster Günter