Rezensionen 2004

Bernhard Aichner, Das Nötigste über das Glück.
Innsbruck: Skarabaeus, 2004.


Aus einer Postkarte, einem Cartoon mit einem toten Mann und einer Frau, die in den Raum tritt, entwickelt sich die Geschichte von Elvina und Hans. „Du tot in der Küche Hans? So kenn ich dich gar nicht!“ (S. 7) steht in der Sprechblase und ebenso tot ist das Leben von Hans, der die Postkarte mit seinem Lieblingswitz von der Bar zu sich in sein Bahnwärterhaus in Maria Gugging nimmt. Er will sterben wie auf der Postkarte gezeichnet und um das Szenario zu komplettieren, sucht er per Annonce eine Frau, eine Zugehfrau. Bald steht Elvina vor der Tür und während er sich im Selbstmitleid suhlt und seine Selbstmordvorbereitung zelebriert, gibt sie das brave Hausmuttchen, bald auch Hausnuttchen, das ihn am „Schwanz“ (S. 9, S. 13 etc.) zurück ins Leben zieht. Sie malt die Postkarte bunt aus und flüstert ihm ein, mit ihr nach Spanien zu gehen. Von der bunten Postkarte weg spannt sich dann ein abenteuerlicher Handlungsbogen, der in einem bunten Häuschen an der spanischen Costa de la Luz endet.

Die beiden Hauptfiguren können nicht unterschiedlicher sein, trotzdem oder gerade deshalb finden sie sehr schnell zueinander. Dazu mag beitragen, dass sich an den Enden der Psychogramme doch wieder einige gemeinsame Ebenen und Ansatzflächen finden. Hans, in seiner kleinen, mit wenigen Bezugspunkten abgesteckten Welt festsitzend, still, in sich gekehrt. Vormals Tischler, hat er sich im Bahnwärterhäuschen festgenagelt und verdient den Lebensunterhalt mit Geschäften über das Internet. Elvina, ständig auf Achse, mit Stationen in Hamburg und Paris, laut, extrovertiert, mit Berufswunsch Pilotin, am liebsten würde sie selbst fliegen können. Mit einem Auto ohne Kennzeichen unterwegs, wehrt sie sich bei der Polizeikontrolle heftig und landet in der geschlossenen Anstalt von Gugging. Gemeinsam ist Elvina und Hans die Sehnsucht nach Aufbruch, nach Veränderung, nach Welt und nach Glück. Glück haben die beiden dann auf ihrem Weg von Maria Gugging bis zur spanischen Costa de la Luz jede Menge. In vielen Etappen und mit einigen Rückschlägen schlagen und stolpern sie sich durch und fast jede Teilstrecke beginnt überraschend und endet in einer Katastrophe, die Elvina und Hans unversehrt und glücklich vereint überstehen. Eva und Adam auf einer Tour de force ins spanische Paradies.
Der Roman besteht überwiegend aus Hauptsätzen, vom Nebensatz bis zum Einzelwort wird in schnellen Schnitten beinahe alles mit Punkten abgetrennt. Dadurch entsteht ein enormes Tempo, das sich bei näherer Betrachtung als Summe scharfer Bremsungen erweist. Die lapidare direkte Rede wird in Kürzestsätzen direkt eingefangen. Und die Sprache ist sehr direkt: kurz angebunden und derb. „Sie hat nicht viel geredet. Nur das Nötigste“ steht auf Seite 19 und das Nötigste erhebt sich kaum aus den vier Buchstaben. Der Blick des Erzählers ist fotografisch. Jeder Satz ist ein Schnappschuss. Bisweilen sind die Bilder aber zu plakativ, zu kraftmeierisch, zu dick aufgetragen. Elvina und Hans werden als hochheiliges Paar hochgehalten, an dem die Welt buchstäblich abprallt. Diese Welt ist in schrillen Farben und in Hochglanz gehalten, die Figuren bewegen sich darin in schwarzweiß. Das ist bildnerisch nicht unspannend, zumal es eine Verfremdung ist, umgelegt auf die konventionelle Sprache besteht aber die Gefahr, dass Klischees eher verstärkt als kritisch ausgeleuchtet werden. Es entsteht eine Ästhetik der Affirmation, die sich allzu glatt in das einfügt, was in der mainstreamigen Unterhaltungsindustrie als schön und gut und wert sanktioniert wird. Die Sprache wird zu einem Glatteis, auf dem es auch mit dem Mittel der inhaltlichen Übertreibung, den allzu großen Katastrophen und allzu glücklichen Fügungen nur schwer möglich ist, die Kurve vom Trivialen weg zu kratzen. Dies wird an Elvina und Hans deutlich und in besonderem Maße an den Figuren, die ihnen im Laufe der Kapitel begegnen, unterwegs oder in ihrer Erinnerung. Das Paar trifft auf lauter Nicht-Paare, Alleinstehende, Ex-Partner, die in irgendeiner Form stranden, verunglücken, zerschellen. Wie der Lkw-Fahrer, der tot über das Lenkrad gebeugt endet. Wie Cloe, die ebenfalls bei einem Autounfall ums Leben kommt. Wie Herbert, der in Montpellier zurückbleibt, um Frau und Kind wiederzufinden und Hans und Elvina seine rosarote chinesische Beiwagenmaschine zur Weiterfahrt leiht. Wie Costa, der Fischer, der sich die Zigaretten auf der Hand ausdrückt und dessen Partnerin zu weit weg in Hamburg ist.
Es ist sicher eine wesentliche Leistung der Literatur, zu enttabusieren, ob es nun das Sterben ist oder die Sexualität, zu zeigen, dass es Jacke wie Hose sein kann, ob von Schwanz oder Mund geredet wird, aber aufs „Wie“ kommt es an, auf die Art der Thematisierung und die sprachliche Realisierung. Der vorliegende Roman ist zu sehr das Duplikat eines Sexshops oder eines B- oder C-Movies. Sex sells nicht immer – ein wenig weniger wäre mehr gewesen. „Dann waren sie da. Hunderte Pornofilme, Dildos und Unterwäsche. Hans ließ sich Zeit. Auch Elvina war neugierig. Ich war noch nie in einem Sexshop. Ich finde es geil“ heißt es auf den Seiten 78 und 79 und der Roman würde auch gut in das Sortiment eines Sexshops passen.
Die Binsenweisheit, dass das Leben lebensgefährlich ist, dass in der mobilen Welt viele Gefahren lauern, aber auch nie gewagte Möglichkeiten – deutlich an der Stelle, an der Elvina in der Eisenbahn die Notbremse zieht –, zeigt und nutzt der Roman sehr radikal, ebenso den Umstand, dass jeder sich einmal einer Verkettung von Ereignissen ausgeliefert sieht. Aber die Auflösung ist zu einfach, die Hauptpersonen dürfen halt nicht sterben. Am Schluss kehrt mit Entsafter und Zehenwackeln (vgl. S. 96) eine Art Ehealltag ein. Auch mit dem Gugginger Arzt, mit dem Elvina in der Anstalt nicht das beste Verhältnis hatte und den das Paar in Spanien trifft, erfolgt nach der Rettung seines Sohnes vor dem Ertrinken die Aussöhnung: „Der Arzt weinte jetzt. Dann schluchzte er. Lange. Hans legte ihm die Hand auf die Schultern. Sie tranken Bier gemeinsam“ (S. 96). Friede, Freude, Schnäuztüchel. Nur der Leser sitzt stumm und ratlos in der Ecke.
Viele Kapitel werden lyrisch verdichtet abgeschlossen, zum Beispiel, ausgehend von einem Fernsehapparat:  „Das Bild war gestört manchmal“ (S. 61). Aber eben nur manchmal – das Bild, das der Roman liefert, ist extrem flimmernd bis zum Schneesturm-Rauschen in der sprichwörtlichen „Welt da draußen“ und extrem schön und heimelig in den verschiedenen Bahnwärterhäuschen auf dem Weg nach Spanien. Somit erweist sich „Das Nötigste über das Glück“ als eine High-Speed-Idylle mit einigen spannenden Teilen, aber als ein etwas zu glattes und schlüpfriges Ganzes.

Günter Vallaster