Rezensionen 2003

Sepp Mall (Hg.), Aus der Neuen Welt.
Erzählungen von jungen AutorInnen aus Südtirol.
Innsbruck: Skarabaeus, 2003.


Eine Südtirol-Anthologie ohne Joseph Zoderer, Matthias Schönweger oder Helene Flöss, aber mit Lanthaler, nicht Kurt sondern Igo, Margareth Obexer, Bettina Galvagni,
 Martin Pichler und Toni Berhart, aber auch mit Michaela Grüner, Selma Mahlknecht, Anna Stecher und Markus Außerhofer.
Sepp Mall vereint in dieser Anthologie Erzählungen von jungen Südtiroler AutorInnen, von renommierten, die bereits Veröffentlichungen aufweisen können, aber auch von vollkommenen Newcomern, die dank dieser Anthologie die Möglichkeit bekommen, ihre ersten Texte zu veröffentlichen, wie es bei Igo Lanthaler oder Anna Stecher der Fall ist.
Und Sepp Mall versäumt nicht, schon auf der Umschlagseite darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Literatur dieser jungen SüdtirolerInnen nicht um Heimatliteratur handelt. Muss sich also Literatur aus Südtirol für alle Zeiten über ihre Ahnen Heimatliteratur und Anti-Heimat-Literatur definieren?
Besser, man liest unbekümmert hinein in diesen schmalen Band. So entdeckt man Texte, die von einer Welt erzählen, die sich nicht innerhalb der Grenzen Südtirols bewegt, so gut wie nie stößt man auf einen Hinweis, dass der Schauplatz Südtirol sein könnte. Und um eine Situierung geht es in diesen Texten auch nicht, sie könnten in Brixen, Bozen oder Sterzing genauso gut wie in Berlin, Wien oder London spielen. So ist London auch tatsächlich Schauplatz von Bettina Galvagnis Text „Die chinesische Pagode“ und Berlin ist die neue Heimat von Margareth Obexer und Toni Bernhart geworden. Einzige Gemeinsamkeit aller in dieser Anthologie vereinten Autoren und Autorinnen ist also ihr Geburtsort in Südtirol und, beeilt sich Sepp Mall auf der Titelseite hinzuzufügen, „dass sie (dennoch) keine Heimatliteratur schreiben“. Die Texte bewegen sich tatsächlich jenseits jeder Kategorisierung von Heimat oder Antiheimat, die Thematisierung von Heimat und Heimatsuche ist kein Thema in dieser Anthologie.
Vielmehr stößt man auf Texte, die sich mit den Räumen und  Zwischenräumen zwischenmenschlicher Beziehungen in der modernen Welt auseinandersetzen und auf das nicht immer unkomplizierte Spannungsfeld zwischen Privatem und den Bedingungen der heutigen Arbeitswelt eingehen. Und nicht selten sind es Frauenfiguren, die diese Beziehungen reflektieren, Frauenfiguren, die versuchen, ihren Platz in den Beziehungen zu finden. Bettina Galvagnis Frauenfiguren fühlen sich gefangen, wobei sich die Frage stellt, ob sie sich nicht selbst einsperren, Anne Marie Pirchers Frauenfigur tanzt auf einem esoterisch angehauchten Selbstfindungsseminar „Aus der Reihe“, wie leider nicht viele Frauen, und auch Anna Stecher wählt in „Die Sprache der Katzen“ die Perspektive der Frau, um in verstrickten, ineinander montierten Gedankengängen über die Schwierigkeiten der Liebe nachzusinnen.
Wem diese Frauengeschichten etwas zu "frauenlastig" sind, der wird sich über das Ich freuen, das in einigen dieser Texte in seine Kindheit und Jugend, zumindest aber in die Rolle als Kind seiner Eltern zurückkehrt. Die Ich-Erzähler in den Texten von Margareth Obexer und Martin Pichler wählen nicht den abgeklärten, analytischen Blick der Erwachsenen, ihre Intention ist es nicht, Kindheit oder die Beziehung zu den Eltern zu zerreden, nein, diesen Texten gelingt es meisterhaft, in die Perspektive des Kindes zurück zu schlüpfen. Sprühen Obexers Texte „Schwester Michaela“ und „Oder: Von der Schwerkraft der Wörter“ von tiefgründigem Humor und Ironie, so entführt Pichlers Text in die sensible und zerbrechliche Welt eines Vaters, in der die Zeit vergeht oder stillsteht, in der sich alles verändert, verschwindet oder gar versteinert. Die Metamorphose findet sich übrigens auch als Motiv in Obexers Text „Schwester Michaela“, in dem eine Klosterschwester immer mehr verkrüppelt und am Ende im wahrsten Sinn des Wortes verschwindet. Unter die Haut geht auch die Geschichte „Oleg“ von Selma Mahlknecht, in der ein sensibler kleiner Junge, dessen einziger Halt das Sammeln von Schneckenhäusern ist, sich immer mehr in sein eigenes Schneckenhaus zurückzieht.
Igo Lanthalers Text „Aus der Neuen Welt“, der Eingangstext der Anthologie, der dem gesamten Band den Namen gibt, parodiert schließlich die Bedingungen des heutigen Arbeitsmarktes und der Arbeitswelt, in der es ständig heißt „neuen Herausforderungen ins Auge zu blicken“ (S.17). Formale Anleihen nimmt Lanthaler bei der amerikanischen Detektivstory, einem Genre, das sich hervorragend dazu eignet, ironische Seitenhiebe auszuteilen.
Davon erzählen diese Geschichten, von Veränderung und Stillstand, von Einsamkeit und Zweisamkeit, auch das alte Thema Liebe, nicht immer leicht zu bewältigen, muss in einem solchen Panorama der „neuen Welt“, die unser aller Welt und Lebensraum ist, vorkommen. Deshalb nehmen diese Geschichten den Leser gefangen, weil sie den Schritt über den Brenner in die „neue Welt“ herüber getan haben.

Sandra Unterweger