Rezensionen 2003

Josef Feichtinger, Sadistik und Satire. Hg. und mit einem Vorwort von Toni Bernhart.
Innsbruck: Skarabaeus, 2003.

Zu Feichtingers 65. Geburtstag hat Toni Bernhart eine Sammlung von Satiren, Essays, kleinen Prosastücken und Glossen herausgebracht. Dies ist eine Seite des Autors, die eher nur Insidern bekannte ist. Einige davon sind in lokalen Zeitungen oder Zeitschriften seit 1961 erschienen. Bekannt ist hingegen der Dramatiker mit seinen Theaterstücken, etwa „Grummetzeit“ (1982), „Kirchturmpolitik“ (1987), „Liebe, List und Vinschgerbahn“ (2000). Angeordnet sind die Texte unter den Überschriften, „Satire“, „Sadistik“, „Sakrales“, „KVW-Lyrik“, „Weihnacht in Tirol“, „Literatur in Tirol“, „Ausfahrt“. Gleich im erstenText „Satire ist ein Feind der Poesie“, erfahren wir Feichtingers Verständnis von Satire: „Satire ist eine ätzende Lauge, die Schmutz von den Fassaden unseres Sauberlandes frisst. [...] Und nicht selten verwünscht er [der Satiriker] seinen unerbittlichen Blick, der Aufgeblasenheit in glänzendem Autolack, Profitgier hinter bieder blauen Schürzen und Dummheit in den Sprechblasen geistlicher und weltlicher Rhetorik entdeckt.“ Seit den 60er Jahren betätigt sich Feichtinger als Zwischenrufer und Querdenker und es gibt wahrlich genug, mit dem er nicht einverstanden sein kann, weil die Menschlichkeit immer wieder zu kurz kommt. Es gibt Betonköpfe, denen alles Natürliche ein Dorn im Auge ist, Protokollköpfe, deren Scharfblick ausschließlich auf ein DIN-A4-Blatt gerichtet ist, es werden amerikanische Wahlkämpfe geführt, das Wort SAD (Nahverkehrsunternehmen in Südtirol) erinnert Feichtinger an Sadismus. Die „Stinkerfahrt“ mit dem Bus durch die Orte des Vinschgaus vom Reschen bis Meran gestaltet sich wie eine Zeitreise, von faschistischen Relikten (Mussolini-Bunkern), dem Turm im Stausee („Mahnmal der Profit-Bestialität“), dem Kraftwerk bei Schluderns, bis zum neuen Tunnel bei Naturns („hier kämpft der schwerverwundete Vinschgau ums Überleben“) bis nach Meran („letztlich ein Tourismusmuseum“, das in Sisis Zeiten steckengeblieben ist).

Eine wichtiges Thema ist die Kirche. Abgedruckt ist Feichtingers Statement zur Tagung „Kirche und Literatur“ (1991) in dem er seine „zornige Zuneigung“ zur Kirche formuliert.
Der Literatur in Tirol ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Dabei übersieht er weder die Nabelschau der älteren Dichtergeneration noch die Jungen, die auf die Frage, ob es eine Südtiroler Literatur gibt, nur „hoffentlich nicht“ antworten und sieht die Eitelkeiten der einheimischen Autoren („bei sieben Poeten, zwei literarische Vereine“). Feichtinger hat sich auch wissenschaftlich damit beschäftigt („Tirol 1809 in der Literatur“, „Begegnungen. Tiroler Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts“, 1994).
Bei allen Seitenhieben hat Feichtinger aber immer auch sich selbst im Blick, ist immer ein gehöriges Maß an Selbstironie dabei. Und in allen Texten zornige Zuneigung zu den Gegenständen seiner Satire.

Anton Unterkircher