Rezensionen 2004

Meinhard Mair, Der Fluch der Generationen.
Roman. Teil 1 der großen Südtirol-Trilogie.
Vahrn: Suedmedia, 2004. 



Der Titel kündet ein ‚großes’ Vorhaben des aus Brixen gebürtigen Meinhard Mair an. Und das Buch beginnt auch sehr verheißungsvoll. Der Ich-Erzähler erlebt fünfjährig im Jahre 1950 den Einzug der Elektrizität in das elterliche Bauernhaus in der Umgebung von Brixen. „Ich bin die ersten fünf Jahre meines Lebens in der Jungsteinzeit aufgewachsen, wenn ich einige wenige Arbeitsgeräte, die mit eisernen Scharnieren oder Beschlägen haltbarer gemacht worden waren, die Kupferkessel und die Zinkbestecke abrechne, die meine Familie bereits verwendete. Ich hatte fünf Jahre ohne Fortschritt, ohne Strom, ohne maschinelle Technik, in einem Universum, das aus schemenhaften Lebewesen, abgrundtiefer Stille und horizontlosen Dimensionen bestand, gelebt. Diese Jahre sind Teil meines Daseins, aber sie stehen stofflich und sinnlich im denkbar größten Gegensatz zu meinem gesamten späteren Leben, so dass die Summierung dieser beiden Bruchstücke zu einem einzigen, gemeinsamen Ich rational gar nicht nachvollziehbar ist.“ Dieser Ansatz wird dann aber nicht konsequent weiterverfolgt. Der Ich-Erzähler verzettelt sich viel zu sehr damit, die gesamte Südtiroler Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg (Faschismus, Nationalsozialismus, Option, Zweiter Weltkrieg) in die Familiengeschichte hinein zu verpacken und seine Kommentare abzugeben. Manchmal sind diese durchaus bemerkenswert, aber sie stehen mit der Romanhandlung in keinem zwingenden Zusammenhang. Außerdem gibt es nur die Sicht des Ich-Erzählers auf seine Romanfiguren (den soeben verstorbenen Vater, dessen Brüder und die Großeltern). Und obwohl der Erzähler zugibt, wenig über seine Familienangehörigen zu wissen, weiß er dann trotzdem, was sie in dieser oder jener Situation gedacht oder getan haben. Die Personen bleiben dadurch aber eher farblos und manche Situation eher unglaubwürdig. Dass der Fünfjährige den Vater und seine Brüder nach der Einleitung des Stroms „in die moderne Erbsünde, in die Schuld des technischen Fortschritts verstrickt“ sieht und in ihren Gesichtern Schuld und Trauer, kann sogar der Erzähler nur als Ergebnis der Reflexion des Erwachsenen ansehen.
Da ist die Figur des ‚kleinen Onkels’, also des jüngsten Bruder des Vaters, der allein schon einen Roman verdiente, der aus der „Enge und Gefangenschaft“ der bäuerlichen Lebensform auszubrechen versucht, den Militärdienst beim italienischen Heer als die „ersten großen Ferien vom Leben“ empfindet und in der Stadt eine Arbeit in einer italienischen Reifenwerkstätte annimmt. Aber auch hier fehlt die Innenperspektive und das italienische Umfeld wird nicht beschrieben. Stattdessen bekommt man fast schon lehrbuchartige Abhandlungen des Erzählers über den Faschismus und die Sinnlosigkeit des Militärdienstes serviert. Darin finden sich allerdings viele bedenkenswerte Äußerungen, etwa, dass nicht nur die deutschsprachigen Südtiroler, sondern auch die Italiener unter dem Faschismus gelitten haben.
In dem Romanerstling mangelt es nicht an guten Ansätzen und der Autor verfügt über ein profundes historisches Wissen. Mit einer – allerdings radikalen – Änderung der Erzählperspektive könnten die nächsten Bände der Trilogie über die Generation, die den Sprung von der „Jungsteinzeit“ in das Computerzeitalter machen musste, mit Spannung erwartet werden.

Anton Unterkircher