Rezensionen 2003

Reinhold Giovanett, Der Baron von Caldiff.
Innsbruck: Skarabaeus, 2002, 139 Seiten.

Die obigen Angaben ergeben sich, wenn man streng bibliothekarisch an dieses Büchlein herangeht. Aber so einfach ist es nicht.
Der Baron von Caldiff schickt Briefe samt beigelegten Aufzeichnungen an Reinhold Giovanett, den Herausgeber der Literaturzeitschrift „Uhura“ in der Hoffnung, dass seine „Erzählungen für manchen Leser ein Denkanstoß in die Richtung sein können, dass das Gute, das Abenteuerliche, das Bewegende in unserem Leben nicht unbedingt in der Ferne zu suchen sind, sondern dass sich bemerkenswerte Situationen genauso gut hier bei uns im Lande oder in der Provinz, wie es heute oft heißt, ergeben können.“ Nun sind diese phantastischen Geschichten in Buchform erschienen und es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als Giovanett als Herausgeber fungieren zu lassen, obwohl man ihm liebend gern die Autorschaft unterschieben möchte (so geschehen in den „Kulturelementen“, Nr. 37, Dezember 2002).
Also erzählt der Baron von Caldiff Geschichten, die im Lande spielen, die meisten lassen sich im Unterland lokalisieren. Für den nicht Ortskundigen ist eine Landkarte mit den wichtigsten Handlungsorten beigegeben, u.a Kaltern, Tramin, Gmund, Kurtatsch, Pinzon, als heimliche Hauptstadt der Südtiroler sieht man darauf auch noch München!). Der Baron arbeitet in verschiedensten Berufen an verschiedenen Orten und hat dabei die phantastischsten Erlebnisse: Der Baron Münchhausen lässt grüßen, die Handlungsorte erinnern manchmal an Schilda.
In „Der Weinsurfer von Pinzon“ rettet der Baron beispielsweise mittels eines Surfbretts Besucher vor dem Ertrinken im Wein einer Kellerei.
In einem Dorf hinter Lajen gehen alle Bewohner mit schweren Beinen herum. Einst waren diese Bewohner berühmte Hochspringer. Als sie aber erfuhren, dass die Welt eine Kugel sei, bekamen sie Angst, sie könnten durch die Drehung der Erde nicht mehr dort landen, wo sie abgesprungen sind. Seitdem entwickelten sie schwere Muskeln und rühren sich nicht mehr von Ort und Stelle.
Diese ironisch-witzigen, absurden Geschichten geben immer wieder auch Einblick in die gegenwärtigen Zustände des Landes und die ‚Seele’ seiner Bewohner. Dies zeigt sich besonders in der Geschichte „Der Heimwehforscher von Brixen“. Das Amt für Gesundheitswesen hat das Heimweh der Südtiroler zur offiziellen Krankheit erklärt und jeder Südtiroler, der im Ausland daran erkrankt, wird auf Landeskosten heimgebracht. Diese Aktion verursacht aber so viele Kosten, daß der Landesrat den geheimen Auftrag gibt, ein Mittel gegen Heimweh zu entwickeln. Der geheime Test des Mittels in einem kleinen Dorf im Unterland macht die Bewohner offener, sie verlieren das Misstrauen gegenüber dem ‚Fremden’. Die gerade stattfindenden Wahlen bringen daher auch das Wahlverhalten völlig durcheinander. Die SVP erhält nur mehr 27,9%! (früher 93%) der Stimmen. Grund genug, dass dieses Heimwehmittel nie zum öffentlichen Einsatz gelangt.
In „Der Heimkehrer aus Kurtatsch“ spaltet sich der Baron an einer Stahlplatte mitten entzwei (erinnert verdächtig an den „geteilten Visconte“ von Italo Calvino). Da der linke Teil etwas früher am Ende der Stahlplatte ankommt, wachsen die zwei Teile nicht mehr ganz parallel zusammen, was dem Baron einige Schwierigkeiten bereitet, irgendwann schrumpft er, gerät in die Abwässer Münchens (München schwimmt in Wirklichkeit auf einem Biersee) und gelangt in der Unterlandler Kläranlage wieder an die Oberfläche, wächst wieder etwas, aber da hat er sich schon wieder mit neuen Abenteuern herumzuschlagen. In dieser und einigen anderen Geschichten vermisst man etwas die innere Logik: einmal in eine – auch noch so absurde – Geschichte eingetaucht, sollte man nicht das Gefühl bekommen, dass etwas nicht ganz stimmig ist.
Stimmig ist hingegen die Geschichte der „Kartenspieler von Gmund“. Als während eines Blindwatters unter ihnen die Erdgasleitung platzt und sie ein Strahl von Methan samt ihrem Tisch auf Hausdachhöhe anhebt, halten sie nur einen Augenblick inne und spielen dann unbeirrt weiter: „In diesem Moment fühlte ich ganz stark, wie jede unserer Bewegungen, alle unsere Überlegungen und Entscheidungen, jeder Stich, den wir machten, wie alles von der Energie getragen wurde, die eigentlich Tausende von Haushalten, Gewerbebetrieben, Hotels versorgte. Dieses Gefühl steigerte den Genuss unseres Spiels ins Unermessliche und das Spiel ging weiter, denn durch unsere „Erhöhung“ gab es in der Leitung keinen Druckabfall und deshalb auch keine automatische Abschaltung.“ Erst als es Zeit für die Knödel ist, wird ein Anruf bei der „Energas“ veranlasst und die Kartenspieler landen wieder sanft auf dem Boden. Fanatische Blindwatter, und deren gibt es in Südtirol nicht wenige, werden diese Geschichte gar nicht einmal sonderlich übertrieben finden, wenn man bedenkt, dass beim Ausbruch des Gases die eine Mannschaft gerade dabei war, ihre Gegner zu schneidern. (In dem im Glossar abgebildeten Spiel hat sich übrigens ein Fehler eingeschlichen, ansonsten findet man dort sogar weiterführende Literatur zum Watten).

Unterkircher Anton