Rezensionen 2003

Egon A. Prantl, Villingers Kinder.
Stück in I Akt. Das Stück basiert auf dem Hörspiel IDAHO. Uraufführung: 17.10.1999 am Tiroler Landestheater. Regie: Thomas O. Niehaus.
Innsbruck: Skarabaeus, 1999, 159 Seiten.

"Grauen und Schauder / ob gräßlichster Schande" (Walküre II, 3)

Werner Villinger, der Protagonist von Egon A. Prantls Stück „Villingers Kinder“, ist eine historische Figur. Er war ein vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugend-Psychiater und Eugeniker, d.h. ein Vertreter jener frühen Richtung der Humangenetik, die ihr Ziel darin sah, die Erbanlagen der Gesamtbevölkerung langfristig zu verbessern. Deshalb befürwortete er (bereits 1926) die Zwangssterilisation "Erbkranker" und wurde (1941) Gutachter der T4-Aktion, in deren Rahmen "minderwertige" Kinder und Jugendliche getötet wurden, und gestattete an seiner Breslauer Nervenklinik Humanversuche mit Hepatitis-Erregern. Ungeachtet dessen setzte das Kriegsende seiner Karriere kein Ende. Zuletzt war er Ordinarius für Psychiatrie und Nervenheilkunde in Marburg. Erst 1961, kurz nachdem er sich als Sachverständiger eines Bundestagsausschusses gegen eine Entschädigung von Zwangssterilisierten ausgesprochen hatte (weil dies zu einer "Entschädigungsneurose" bei den Betroffenen führen könne) wurde sein Fall im „Spiegel“ aufgerollt, (Beitrag "Die Kreuzelschreiber", am 3. Mai 1961) und er mußte sich in Limburg vor dem Marburger Amtsgericht verantworten.
Das Stück beschäftigt sich mit den mysteriösen Umständen, unter denen er am 9. August 1961 während einer Bergtour in der Nähe von Innsbruck tödlich verunglückte. Auf das Sujet stieß der Dramatiker, nach eigenen Angaben, in Walker Percys Roman „The Thanatos Syndrome“, der Euthanasie als zwangsläufige Folge ehrgeiziger Projekte zur Schaffung einer schönen neuen Welt darstellt. Als Vorläufer innerhalb des eigenen Werks nennt Prantl "IDAHO (#1)=THE ORIGINAL" (5), ein Hörspiel, das soeben bei Skarabäus erschienen ist, einen Text, der an Becketts „Fin de partie“, Edoardo Sanguinetis Dramen und Hörspiele erinnert. Die einzig auffällige Parallele zu „Villingers Kinder“ ist freilich, daß hier wie dort eine Figur ein brandiges, stinkendes Bein hat.
Bei Prantl ist Villinger nicht zu einem Kongress angereist, sondern um sich auf seinen (d.h. weitere Verhöre im Limburger) Prozeß vorzubereiten. Er ist 60 und schwarz gefärbt, (S. 6) während er in Wirklichkeit 74 und kahlköpfig war. (Internet) Der "ZeitFaktor", sagt der Autor, spiele keine Rolle "da der WahnSinn nach 1945 nicht aufgehört" habe: "nein! -: Er ist schlimmer geworden. Zur Gewohnheit fast!" (S. 5)
Als Kontrahenten stellt Prantl dem Psychiater einen Hüttenwirt, der sich selbst als Rechtsphilosophen bezeichnet (S. 33) und dessen drei Kinder gegenüber, die mit Hegel (S. 67), (schlecht verdautem) Popper (S. 67) und Jung (S. 112) um sich werfen. Im Laufe der Diskussionen verschieben sich allerdings die Fronten und Sympathien auf unerwartete Weise. Villinger, der als dünkelhafter (S. 10, 13) Kindermörder eingeführt wurde, erscheint letztendlich auch als Opfer eines Zeitgeists, der sich von Haeckels Mißverständnis der Darwinschen Theorien als Aufforderung, Sozialtechnik zu betreiben, von Hegels Mythologisierung des Staates, Nietzsches Proklamation des Übermenschen, den Schriften früher Eugeniker wie Frances Galton oder der zitierten „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ des Psychiaters Alfred Hoche und des Strafrechtslehrers Karl Binding, (S. 57, 83) sowie Rassenanthropologen wie Arthur Gobineau und Houston Steward Chamberlain nährte. Villingers Freitod im Schneesturm – denn die Wirtsleute vergeuden ihre Energien in familieninternen Konflikten, so dass die Lage nicht wirklich bedrohlich für ihn ist – hat etwas Heroisches: Er verurteilt noch im Abgehen die Heuchelei der anderen und bekennt sich zu seiner "Wahrheit". Damit erweckt er den Eindruck, er sterbe für seine Überzeugungen, und das nötigt allemal Respekt ab, auch wenn er im Unrecht ist. In dieser Hinsicht gleicht er Lydia, die "das wirkliche Leben" wählt und "frei sterben" will. (S. 117) Inwiefern der Drogenrausch – nur dieser erlaubt ihr, die Schmerzen, die ihr das brandige Bein verursacht, zu ertragen –"wirkliches Leben" genannt werden kann, bleibt dahingestellt. Der Wirt hingegen, mit dem man anfangs fast sympathisiert – selbst wenn den einen oder anderen Leser von Poppers „Offener Gesellschaft“ angesichts seiner Reden über Hegels „Philosophie des Rechts“ leises Misstrauen beschleichen mag - entpuppt sich ab Szene 8 als ein Vertreter der "graue[n] dumpfe[n] Masse" (S. 131) derer, die nichts sehen und nichts hören, hinterher nie dabei gewesen sind, nichts gewußt (S. 132) oder vergessen (S. 131) haben, sich auf "die Mentalität des Landes" (S. 123, 93) herausreden und, wenn man tiefer gräbt, Leichen im Keller liegen haben – der Wirt hat seine untreue Frau ermordet. Im Laufe des Stücks erscheint Villinger immer mehr als Vertreter einer Elite, die diese Masse belügt und lenkt, aber mit ihr in einer Kollisionsbeziehung steht, weil die Masse belogen und gelenkt werden will: (S. 116, 121) "Zwei Arschlöcher haben sich gesucht und gefunden", (S. 78) konstatiert Alfons sehr richtig.
Eine der vielen literarischen Folien, die Prantl in „Villingers Kinder“ benutzt, ist der erste Abschnitt der skandinavischen „Volsunga Saga“, die Geschichte der inzestuösen Geschwister Sigmund und Signy, bzw. – näherliegend - der erste Akt „Walküre“. Der Dramatiker übernimmt nicht den Plot, wie Richard Wagner, sondern ordnet Motive häufig anderen Figuren zu. So spricht etwa der Wirt von einem mysteriösen Gast, an den ihn der Arzt erinnere (S. 30, 50) was mit Sieglindes Erzählung von Wotans Besuch korrespondiert. Alfons will wissen, ob Villinger der "namenlose Fremde" sei, und spielt auf Siegmunds Namensgebung durch Sieglinde an: "Nenne mich du,/ wie du liebst, daß ich heiße:/ den Namen nehm ich von dir!" Villinger wird also einmal mit Wotan und einmal mit Siegmund gleichgesetzt. Andererseits entspricht auch der Vater des inzestuösen Geschwisterpaares, der Wirt, der nicht sieht (nicht sehen will), was um ihn herum vorgeht, dem einäugigen Wotan. Wie Siegmund in Hundings Hütte gelangt Villinger auf der Flucht vor seinen Feinden in das Schutzhaus, der Schneesturm mitten im Sommer verhält sich – sozusagen -umgekehrt proportional zu "Winterstürme wichen / dem Wonnemond". Alfons und Lydia sind ein heroisches Liebespaar wie die Wälsungen: er berichtet auftretend von einem "glänzende[n ...] grandiose[n] Kampf". Sie schwärmt vom Sturm und gefährlichen Kletterpartien. Der Liebesakt zwischen den Geschwistern (S. 65, 81, 125 etc.) findet bei Prantl im Eis statt, was in den Kontext des Wagnerschen Bären- und Thomas Mannschen Eisbärenfells (in der Novelle Wälsungenblut) paßt, auch wenn es nicht der gemütlichste Ort für dergleichen ist. So verwundert es auch nicht, daß der Kommentar des Humangenetikers zur Blutschande: "Und wenn schon: Dann richtig (Pause) Durch den Inzest der Inzucht der arischen Rasse eine neue Bedeutung / (Pause)" nüchterner ausfällt als das entsprechende "so blühe denn, Wälsungenblut!" des Bayreuther Meisters, von dem der folgende Stabreim stammen könnte: "Sinnlos lallende Lügen glaubend." (S. 140) (alle Zitate Walküre I,3)
Auch bei Shakespeares Tempest macht Prantl Anleihen, nicht nur insofern, als der Sturm hier wie dort Katalysator für menschliche Konfliktsituationen ist, sondern auch durch Übernahme eines längeren Zitats, in dem er der "Leute Tracht" in der "Leute Niedertracht" verwandelt und das er durch einen Blankvers aus der eigenen Werkstatt ergänzt, der metrisch tadellos ist, was eap zumindest durch Verschiebung der Versgrenze sabotiert: "Und zwar so stark, daß sie den Mond im Zwange hielt - und ihn / beherrschte, seiner Macht entrückt." (S. 149) Zitiert werden auch Canettis Masse und Macht (S. 140) und die Bibel (Hiob 4.13 (S. 150), 3 Moses 20, 9 bzw. 20, 17 (S. 134). Das „Vater Unser“ und das „Ave Maria“ werden parodiert. (S. 133-134) Die Geschichte der Blutschande Noahs und seiner Töchter, aus der Stalin hervorgeht, (S. 115) bildet eine Art Kontrapunkt zum Wälsungen-Inzest, der zur Geburt Siegfrieds, des "furchtlos freiesten Helden" führt. (Walküre III, 3) An dieser Stelle vielleicht ein kleiner Exkurs in die Naturwissenschaft: Inzest ist nur dann "schlecht", wenn es in der Familie eine Erbkrankheit gibt, die im genetischen Material beider Eltern angelegt ist. Dann nämlich steigt das Risiko der Nachkommen, daran zu erkranken.
Zum Abschluß noch eine Textstelle, deren Wortlaut verändert und deren Sinn ins Gegenteil verkehrt wurde, weshalb der ehrgeizige Leser, der darauf anspringt, daß "eine humanistische Bildung doch von Wert wäre", zwei Seiten weiter erfährt: "Da steckt er einmal die Nase in den Aischylos [...]" und die Passage folgerichtig in den Chorpartien der Eumeniden sucht, schwerlich fündig wird. Zum Vergleich:
Orestes: Herrin, Herrscherin, / Athene / auf Befehl Apollons komme ich hierher, / nimm den Alastorschweren, / den Fluchbeladenen gnädig auf. / Er fleht nicht um Entsühnung, / er hat keine unreinen Hände mehr. / Stumpf ist er geworden / und schon abgerieben / durch die Berührung mit Menschen / in Häusern und Straßen. / Festland wie Meer habe ich durchmessen; / den Seherspruch des Loxias / im Herzen tragend / nahe ich mich / deinem Haus und deinem Bild, Göttin. / Hier bleibe ich / und warte auf den Ausgang des Gerichts. (Eumeniden 229-246)
Alfons: [...] Fluch über dich, sodenn, Athene Herrin, auf Loxias Geheiß kommt er; so nimm ihn nicht auf den BlutVerfehmten! (Pause) Mehr noch mordbefleckt und mit ungesühnter Hand und nicht abgestumpft und verschliffen sei der Fluch – auf vielen Wegen und in fremder Menschen Haus – umhergeflohen so über GehirnLänder und über die See der Seele. (Pause) Der Weisung folgend welche dir das Orakel beschied – kniest du im Staub nahe dem Hause, dem Bilde der Göttin, du – und harren sollst du, warten auf des Gerichts Beschluß (Pause) doch gnadenlos soll dieser sein. (S. 135)
Bei der Uraufführung von Politik und Presse als das "Hohelied der Behinderung" gefeiert, wirft das Stück bei der Lektüre mehr Fragen auf, als es beantwortet: War die Zwangssterilisation, z.B. einer geistig Behinderten, zu einer Zeit, als es keine Pille gab, wirklich so verwerflich, wie man spontan geneigt ist zu urteilen? Ist ( z.B. angesichts der aktuellen Diskussion um den Selbstbehalt von Patienten) Villinger nicht nur realistisch, wenn er sagt, weder die HerrenRasse noch die SklavenRasse könne und wolle sich Behinderte leisten: "Auch die UnterMenschen müssen psychisch & physisch funktionieren". (S. 102) Der Wirt, der Euthanasie verurteilt, aber seine Tochter mit dem brandigen Bein als "Klotz am Bein" (S. 88, 94) empfindet und sie deshalb am liebsten erschießen würde, führt auf erschreckende Weise vor Augen, wie scheinbar lächerliche ökonomische Zwänge auf die persönlichen Werthaltungen Einfluß gewinnen können, und die schwierige Frage, ob ein Arzt auch gegen den Willen des Patienten zur Erhaltung des Lebens verpflichtet ist, wird am Beispiel Lydias demonstriert, die den Tod einem Leben mit amputiertem Bein vorzieht, (S. 116-117) während ausgerechnet Villinger, der Euthanasie-Arzt, zur Beinabnahme rät. (S.80) Prantl macht es uns – wieder einmal - nicht leicht. Vorgefertigte Antworten liefert er keine – und das ist herzerfrischend in einer Zeit grassierender politischer Korrektheit.

Bibliographie:
Aischylos. Die Orestie. Übers. Peter Stein. München: C.H. Beck, 1997.
Prantl, Egon, A. Die Hörspiele. Innsbruck: Skarabaeus, 2002.
Popper, Karl R. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 2 Bde. Tübingen: Francke, 1958.
Shakespeare, William. Der Sturm. Übers. August W. Schlegel. Shakespeares Werke in zwölf Teilen. Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart: Bong & Co, [?].
Wagner, Richard. Die Walküre. Stuttgart: Reclam, 1988.
Internet-Artikel:
Müller-Küppers, Manfred. "Die Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie unter besonderer Berücksichtigung der Zeit des Nationalsozialismus." http://www.kinderpsychiater.org/forum/for201/forum201.htm
Schäfer, Wolfgang. "Beiräge zur Geschichte der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie." http://gw-marburg.online-h.de/screens/rueckblick/psychiatrie.htm
Artikel auf italienisch zu: Euthanasie, Aktion T4, Sterilisation, Maximilian de Crinis, Werner Heyde, Paul Nitsche, Wannsee-Konferenz (7 Seiten), Protokoll der Wannseekonferenz (9 Seiten), Brief v. Wilhelm Stuckart unter: http://www.olokaustos.org/

Tschörner Sylvia