Rezensionen 2004

Margareth Obexer, Ein Triptychon: F.O.B. – Free on board. Liberté toujours. Hidden See.
Köln: Hartmann & Stauffacher, 2004.


In dieser Konstellation wurden die drei Einakter erstmals im Stadttheater Bruneck und im Innsbrucker Kellertheater im Rahmen des 2. Dramatikerfestival des Tiroler Landestheaters 2004 gezeigt. Regie: Margareth Obexer, Mitwirkende Thordis König, Irmgard Sohm und Lars Studer.

Unbekümmert um die viel beschworene Krise des Dramas in der Postmoderne liefert die Südtirolerin Margareth Obexer seit einigen Jahren gescheite, menschlich berührende und sprachlich ausgefeilte Texte - Texte, über die sich der Literaturfreund, der Theaterbesucher und auch der Schauspieler, der sich dankbare Rollen wünscht, gleichermaßen freuen. So ist es nicht verwunderlich, dass die junge Autorin einen Preis nach dem anderen einheimst und im Sturm die deutschen Bühnen erobert.
Obexer studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Romanistik. Sie besuchte die Klasse von Wolfgang Bauer an der Schule für Dichtung in Wien, die Autorenwerkstatt für Sprechtheater am Literarischen Colloquium Berlin, und war u.a. Stipendiatin der Akademie der freien Künste in Berlin und der Akademie Schloß Solitude. Sie lebt als freie Theater- und Hörspielautorin in Berlin. Zu erwähnen wären ihre Stücke Offene Türen (Schillertheater Berlin, 2000), Gelbsucht (Theaterdock Berlin, 2001), F.O.B. Landestheater Tübingen, 2002), Die Störung (Vereinigte Bühnen Bozen, 2003), Das Risiko (Landestheater Tübingen, 2003), Decapitation Strike (Rotterdam, 2003), Die Liebenden (Landestheater Tübingen, 2004), Von Kopf bis Fuß (früher: Liebesgeflüster, Städtische Bühnen Osnabrück, 2004.) Für den Rundfunk übersetzte, übertrug und/oder bearbeitete sie u.a. Texte von Michel Tournier, Dacia Maraini und Ludovico Ariosto.
Das Triptychon besteht aus drei Monologien – einer seit den späten 70ern besonders beliebten Gattung, bei der ein Adressat angesprochen wird, der stumm bleibt, bzw. das Publikum. (Siehe Hans-Thies Lehmann, Postdramatisches Theater, Frankfurt a. M.: Verlag d. Autoren, 1999, S. 231-232.) Es gibt keine Handlung, nur Erzähltes, Erinnertes und Reflexion. Die Sprecher sind zwei Frauen und ein Mann. Nur in Hidden See tritt kurz ein Kellner auf.
F.O.B. - Free on board (frei an Bord Versandhafen) ist eine Klausel aus der Geschäftssprache, die bedeutet, dass der Lieferant jenen Teil der Transportkosten übernimmt, der bis zur Ankunft der Ware auf dem Schiff anfällt. Im Stück fällt dieser Terminus im Zusammenhang mit einem Vorgesetzten, dessen Inkompetenz sich u.a. darin zeigt, dass er nicht einmal die Incoterms (eben diese Klauseln) kennt. Inhaltlich geht es in F.O.B. um eine Stellenbewerbung, die mit einem Mord(versuch) endet. Frau Kreuzweg ist jung und hochqualifiziert, und scheitert dennoch immer wieder an den patriarchalischen Strukturen ihrer Berufswelt, die mit der Intelligenz, dem Können, Selbstbewußtsein und der Urteilsfähigkeit von Frauen nichts anfangen kann. Erfolge erzielt sie bezeichnenderweise nur mit einer Strategie des Schweigens und der Bestätigung von Vorgesetzten und ihrer Fähigkeit, einen Krawattenknoten zu binden. Man könnte F.O.B. als Metapher für das Bis-hierher-und-nicht-weiter im Werdegang der Sprecherin interpretieren, aber als solche würden auch andere Incoterms dienen.
Der Titel Liberté toujours (Freiheit + immer) geht auf eine Zigarettenmarke, die in Deutschland verkauften Gauloises blondes, zurück. (Pers. Mitteilung Obexer.) Darüber hinaus spielt das Wort liberté wohl auch ironisch auf die Internierung des Protagonisten in einer psychiatrischen Klinik an. Dort landet er auf Grund vorgetäuschter Selbstmordabsichten, nachdem ihn seine ehrgeizige, neurotische Freundin hinausgeworfen hat und ein Hearing für eine Universitäts-Assistentenstelle schiefgelaufen ist. Auch er ist menschlich sympathisch, hoch intelligent und durchaus geeignet für den Job.
Beide Figuren scheitern also nicht wegen mangelnder Fähigkeiten oder einem Fehlverhalten, sondern fallen einer Art Darwinscher Selektion zum Opfer. Fit in dem (von Herbert Spencer übernommenen) Schlagwort Survival of the Fittest bedeutet bekanntlich nicht besser oder tüchtiger (im Sinn einer eigenständigen Perfektionsskala), sondern passend, in dem Sinn, wie ein Schlüssel ins Schloß paßt. (Siehe Charles Darwin, The Origin of Species, London: Penguin, 1968, S. 33-35, 116.) "Das Gremium entschied sich gegen eine endgültige Übernahme," heißt es etwa in F.O.B.: "es geschah aus Gründen der Harmonie, man befand, dass Sie... nun... nicht in die Harmonie unseres Teams hineinpassen..." (S. 5) und dem Assistenten in spe in Liberté toujours fehlen "die nötigen Zellen" (S. 20), die ihm die Wahrnehmung herrschenden Macht-Strukturen erlauben bzw. die Anpassung an sie ermöglichen würden.
Der Titel Hidden See leitet sich zum einen von der Ostsee-Insel Hiddensee ab. (Pers. Mitteilung Obexer) Zum anderen vergleicht sich die Sprecherin selbst mit einem "versteckten See", der "von dieser Welt" sei und dennoch "keine Fragen" stelle. (S. 32) Sie ist eine sympathische, lebenslustige, ältere Frau, die am Vorabend in dem Lokal, in dem sie sich auch jetzt befindet, einen Schwächeanfall erlitten hat. Der Kellner hält sie deshalb fälschlich für eine Alkoholikerin und verweigert ihr den bestellten Rum. An diese theatrale Situation knüpfen sich Reflexionen und Erzählungen, die an den homosexuellen Ex-Gatten, den Kellner, eine Verstorbene, die die Sprecherin gepflegt hat, und an das Publikum gerichtet sind. Die wichtigsten behandelten Themen sind die gesellschaftliche Situation älterer Menschen angesichts des grassierenden Jugendkults und – wiederum - die faktische Ausgrenzung eines Menschen auf Grund eines persönlichen Credos und eines Verhaltens, das alle, die guten Willens sind, von Rechts wegen loben müßten.
Das gemeinsame Thema in allen drei Teilen des Triptychons ist das Klaffen zwischen gesellschaftlich propagierten Werten - Intelligenz, Aufgeschlossenheit, positivem Denken, Toleranz gegenüber den Bedürfnissen anderer usw. - und dem Umstand, dass gerade Menschen, die diese Werte verinnerlicht haben und danach handeln, zu Einsamkeit und zum Scheitern verurteilt sind. Das bedeutet nicht, dass Margareth Obexers Stücke hoffnungslos stimmen. Ganz im Gegenteil – man legt den Text zur Seite bzw. verläßt das Theater im Gefühl, Wesentliches über die Welt erfahren zu haben.

Sylvia Tschörner