Rezensionen 2003

Egon A. Prantl, Hirntod: Ein Stück in vier Bildern.
Innsbruck: Skarabaeus, 2001, 92 Seiten.

Uraufführung: Dezember 2000 im Schauspielhaus Wien, Regie: Fishy Wurm.

Eine Besprechung

Dem Duden (1996) zufolge bezeichnet der Begriff „Hirntod“ den "Zeitpunkt endgültigen und vollständigen Erlöschens der lebensnotwendigen Gehirnfunktionen". Egon A. Prantl verwendet das Titelwort seines Stück in vier Bildern jedoch ausschließlich in der Bedeutung „verrückt und verbohrt“, (18, 42) als Steigerung von „hirnkrank“. So übersetzte Dorothea Tieck „brainsickly“ in „Macbeth“ II, 2. Wir werden auf Shakespeares Tragödie zurückkommen.
Der Plot von „Hirntod“ benutzt die Handlung von Goethes Faust als Folie: Das erste Bild zeigt den Protagonisten Bürger in seiner Studierstube über philosophischen Problemen brütend. Wie Faust unterbricht er seine Arbeit an einem „Opus magnum“ - in seinem Fall, einem Werk über die Gewalt - um sich ins Leben zu stürzen: Hubsls Kneipe, in der er landet, entspricht Auerbachs Keller; die philosophierende Nutte Krista korrespondiert mit den Walpurgisnacht-Hexen, Margarethe (deren Begegnung mit Faust in Bild 2 (S. 47) verfremdet zitiert wird) und Helena; Bürgers Versäumnis, Krista gegen ihre Vergewaltiger beizustehen, spiegelt Fausts Unterlassungssünde in der Gretchentragödie, die Ermordung von Tom & Jerry jene Valentins.
Anlässe zur Entstehung des Dramas waren die Erfahrung, was eine Waffe in der eigenen Hand bewirkt, die der Dramatiker 1967 während seines Präsenzdiensts an der Brennergrenze machte, (Internet) und wohl auch die regelmäßig aufflammende Diskussion um privaten Waffenbesitz.
Der Name des Protagonisten – Bürger - kann angesichts der Selbst-Inszenierung des Autors als Bürger-Schreck nur negativ belegt sein. Prantl beschreibt ihn mit einem Nietzsche Assoziationen beschwörenden Oxymoron: "Philosoph; wahnsinnig", folgert widersprüchlich: "und deshalb normal" und stellt die Aussage insgesamt durch ein "oder?" (S. 3) in Frage. Kristas Berufsbezeichnung, "Schöne der Nacht", wandelt den Filmtitel „Belle du jour“ teilweise ab. Tom & Jerry sind Gewalttäter und keine Antagonisten und Komplementärfiguren wie im Comic. All das zeigt Prantls Vergnügen an logischen Spielereien und rhetorischen Figuren (siehe auch die Lehrveranstaltung über Lewis Carroll's „Alice“-Erzählungen in seinem Curriculum) und legt nahe, daß das Drama in keiner konsequent verkehrten Gegenwelt spielt, sondern in einer, in der Aussagen generell zu hinterfragen sind.
Sicherlich deckt sich vieles in den bernhard-artigen Tiraden von Prantls Antihelden mit Meinungen des Autors, ebenso wie sein Kulturpessimismus, der in der Dichotomie „Zivilisation“ (oft in der US Bedeutung des Wortes) – „Wildnis“ fußt, wobei der Autor diesen Begriff synonym für ein geographisches Outback, die Welt der Gesetzlosen, des Wahnsinns und des kreativen furor verwendet. Auch sind offenbar beide "wollüstig entsetzt über diese Seltsamkeit der Faszination / welche die Angst und die Gewalt einerseits / und diese Macht welche nur die Waffe verleiht / andererseits / auf [sie] ausüben". (S. 76. Siehe auch 67, 79, 80)
Reduktionistisch erscheint Bürgers Deutung des Phänomens der Gewalt als alleinige Ursache und Folge der genannten Missstände. Der Zusammenhang zwischen Aggression und Gewalt ist in „Hirntod“ kein Thema. Das Wort Aggression kommt im Stück ein einziges Mal, und zwar in der Bedeutung „Aggressionsakt“ vor: "Die Waffe [...] [e]ine [...] Verstärkung [...] und Absicherung seiner Aggression" (S. 41). Der vernachlässigten anthropologischen Sichtweise kommt zwar die in der Tradition von Thomas Hobbes' "homo homini lupus" stehende Feststellung: "Der menschlichste Mensch ist die Brutalität an sich / Die wahre Bestie". (S. 8) nahe. Ein solcher Pessimismus erscheint jedoch im Licht moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnis nicht gerechtfertigt: Aggressivität ist angeboren, weil sie im Lauf der Stammesgeschichte einen Selektionsvorteil bedeutete. Die Bereitschaft zur Verteidigung des Territoriums, des Sexualpartners, der Brut und des eigenen Ranges, in Kombination mit ebenfalls angeborenen moralanalogen Verhaltensweisen (Beschwichtigungs-Mechanismen, Ritualen), erwiesen sich als arterhaltend, was sich in unserer positiven Bewertung solchen Verhaltens niederschlägt: Wir können nicht billigen, daß Bürger weder seinen Platz an der Theke, seine Zigaretten und sein Glas, noch Krista, noch seine Würde gegen die Aggressoren verteidigt. (S. 59- 73) Die heute viel beklagte Zunahme der Gewaltbereitschaft ist eine Folge davon, daß die genannten aggressionsabbauenden Verhaltensweisen in unserer multikulturellen, multimedialen Gesellschaft außer Kraft gesetzt werden, in der sich unser Herdentrieb, die Bereitschaft, uns charismatischen Führern zu unterwerfen, unsere Anfälligkeit für "Werte" und Feindbilder, Demagogie, mitreißende Musik, Rhythmus etc. verhängnisvoll auswirken. Ebenso setzen Schusswaffen - um auf „Hirntod“ zurückzukommen – die dem Menschen angeborene Tötungshemmung herab. Es ist leichter, jemand zu erschießen, als zu erschlagen oder gar zu erwürgen. (Lorenz 1963)
Dass Bürger, ungeachtet seiner ähnlichen ideologischen Ausrichtung, nicht einfach als Sprachrohr des Autors betrachtet werden darf, legen seine sprachlichen Manierismen nahe. Sein unsäglicher Fachjargon, seine Phrasendrescherei ("Der reine Geist mein Freund / Er ist nicht fähig zu morden". S. 36), sein philosophischer Synkretismus im schlimmsten Sinn des Wortes, seine Eitelkeit (" Ich weiß viel über die Gewalt meine Herren / Das kann ich ohne Übertreibung behaupten". S. 59), sein Mangel an Authentizität (Der Erwerb einer Waffe erscheint ihm "notwendig für ein Mehrwissen über die Gewalt". S. 21) und Zivilcourage machen aus ihm eine Intellektuellenkarikatur in der Art des Dottore der Commedia dell'arte, mit dem er die Loghorrhöe und den Hang zu Syllogismen teilt, die dem modus ponens Hohn sprechen: Er dreht die Kausalität um: "die Unabänderlichkeit der Entscheidung [Entscheidung wird "als Aufhebung des Problems" (S. 54) definiert] / hängt nicht vom Willen ab / [...] / Sie wird Dir aufgezwungen" (S. 53) und verletzt das Identitätsprinzip (A=A), jenes der Nichtwidersprüchlichkeit (A ist nicht ungleich A) und das des ausgeschlossenen Dritten (tertium non datur) mit unzulässigen Gleichsetzungen ("Und Spiel ist Kampf / und Kampf ist Krieg / Und Krieg ist Mord". S. 40) – die allerdings ästhetisch ansprechen. Problematisch wird Bürgers Anti-Logik jedoch, wenn er sagt: "Von diesen Genoziden will ich nicht reden / Nicht das Denken belasten im Mich mich nicht verrennen / durch MillionenMorde" und im Umkehrschluß - wie Rudi Dutschke, Jürgen Habermas (Mitt. eap) oder Bruno Bettelheim folgert: "Es gibt keinen Unschuldigen im Sinne der GewaltsThese im Heute im Rund-um-Uns / [...] / Im Mich ist genauso viel Schuld wie im Dir". (S. 52, siehe auch 51)
Bürger kantet und schopenhauert ("an sich"), hegelt ("Es ist unmöglich von draußen die Situation der Gewalt im Herinnen zu bekämpfen" (S. 44). Schlußsatz „Philosophie des Rechts“. Mitt. eap) und heideggert ("Sprich nicht die Rede im Augenblick" (S. 33) Siehe „Sein und Zeit“). Er zitiert Nietzsche (S. 78-79) und Trotzki (S. 48. Mitt. eap) und wärmt philosophische Probleme wie die Willensfreiheit (S. 52, 53), Gottesbeweise (S. 53,55) und die Trinität (S. 85) auf. Er verschränkt pervertierten Gödel und verdrehten Archimedes: "Wir wissen allerdings auch / daß in jedem System / und die jetztzeitige Gewalt ist ein solches / es den einen Punkt gibt der sich aus diesem Gewaltsystem nicht erklären läßt / Die Konsequenz wäre also die Erkundung dieses Punktes / einerseits / sowie die Eliminierung des Systems durch diesen Punkt / andrerseits" (S. 31) und badet in den Leiden der Hypothesen-Falsifikation: "Bis dann ein DenkProzeß oder eben ein völlig neuer Gedanke / unsere Arbeit von Jahren sozusagen über den Haufen wirft / schweigt / Dann gilt es unseren Schmerz / unseren Gehirnschmerz insofern zu bekämpfen / indem wir eine neue dem Gedanken vorgegebene Richtung einschlagen / und alles bisher Gedachte hinter uns lassen / trinkt / Es ist das bittere Los von uns Gedankenmenschen / die Niederlage nicht einfach zu akzeptieren / Nein wir müssen sie leben". (S. 38) Man könnte es schließlich auch so sehen, daß es "für den Forscher ein guter Morgensport [sei], täglich vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einzustampfen". (Lorenz 1963, 20) Dass der Autor nicht hinter diesem zum Selbstzweck verkommenen Philosophieren steht, zeigen amüsante Repliken, wie z.B. auf den folgenden Syllogismus, dessen erste Prämisse Mensch=Gewalttäter ist, was nicht unbedingt für Bürgers sprachkritische Haltung spricht:
Bürger: Denn wenn der Mensch [...] ein Unmensch also ein NichtMensch wäre
Dann wäre er nicht zur Gewalt fähig [...]
Krista: Der Umtrunk hat uns in seiner Gewalt
Hubsl: Eine Form der Gewalt die mir das Überleben sichert (S. 29)
Die idealistische Tendenz, das Geistige für wirklicher zu halten als die reale Wirklichkeit – Bürger erklärt die Waffe zu einer "Nur-Manifestation des Geistes" (S. 20) und meint: "Für unsereinen [...] ist die Waffe der verlängerte Gedanke" (S. 42) - steigert sich im Lauf des Stücks zu einem Wahn, der die Katastrophe herbeiführt. Er erklärt Kristas Vergewaltigung, die er mit angesehen hat, ebenso für "nicht wahr" (S. 73) wie den an diesem Punkt des Geschehens sinnlos gewordenen Mord. Im Schlussmonolog, in den Textpassagen der Lady Macbeth eingearbeitet sind, unterscheidet er sich dadurch von dieser, daß er, der Philosoph behauptet, daß "nichts passiert" sei, (S. 82) während die Wahnsinnige zu einer vergleichsweise existentialistisch anmutenden Akzeptanz der eigenen Schuld gelangt: "Was geschehn ist, kann man nicht ungeschehn machen." (Macbeth V, 1) "Die Lösung der Frage der Gewalt ist Widerlegung der Gewalt in ihrer Nichtexistenz / [...] / wenn ich die Gewalt leugne / kann ich auch nicht durch Gewalt umkommen" (S. 88) bestreitet Bürger, in seinem Solipsismis befangen, die Existenz einer Realität jenseits der eigenen Vorstellung und "drückt ab". (S. 89) Die "Ursachenforschung" (S. 78) und philosophische "AntiaggressionsArbeit" (S. 32) haben sich ad absurdum geführt. Fazit: Das sprachlich brillante und zweifellos sehr bühnenwirksame Stück „Hirntod“ entlarvt das Nichtengagement der postmodernen Intelligenzia als eine Form von Flucht und liefert damit einen wichtigen gesellschaftskritischen Beitrag.

Quellen:
Gespräch mit Egon A. Prantl am 31.1.03.
[?]: "Plädoyer für Zivilcourage." http://kultur.orf.at/orfon/kultur/001127-4571/4572txt_story.html
Lorenz, Konrad: Das sogenannte Böse: Zur Naturgeschichte der Aggression. München: Dtv, 1963.
Shakespeare, William: Macbeth. Übers. Dorothea Tieck. Stuttgart: Reclam, 1970, 2001.
Weiterführende Literatur:
Schönauer, Helmuth: "Egon A. Prantl: Hirntod." http://www.literaturhaus.at/buch/buch/rez/prantl1/

Tschörner Sylvia